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Montag, 08.10.2018

Nicht ohne Melancholie

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Beethoven, so könnte man denken, der Titan der Klassik, habe schon früh alle in seinen Bann geschlagen. Dem war nicht so. Er wurde wahrgenommen, gelegentlich bestaunt, oft aber noch verkannt. Kritiker schrieben nicht mal seinen Namen richtig. Zu „Beethhofens Concert“ von 1806, dem heute so berühmten Opus 61, vermerkte einer, dass ihm zwar „manche Schönheit“ zuzugestehen sei, doch „der Zusammenhang oft ganz zerrissen scheine“ und „die unendlichen Wiederholungen … ermüden könnten“. Auf den mangelnden Erfolg seines Violinkonzerts, in dem er den Solisten die Ausgestaltung der Kadenzen freigestellt hatte, reagierte Beethoven mit einer Klavierversion, für die er die Solopassagen auskomponierte. Am Sonnabend war im Kulturpalast diese Fassung zu hören, mit der Original-Kadenz aus Opus 61a für Pianoforte, von Christian Tetzlaff rückübertragen aufs Violinspiel.

Der „Artist in Residence“ dieser Saison bot mit der Dresdner Philharmonie ein pointiertes Erlebnis. Chefdirigent Michael Sanderling ließ in deutscher Aufstellung mit den Bässen zur Linken spielen. Er forcierte geschmeidige Frische, baute kaum Druck auf, mied Breite und Wucht – ein Vortrag mit viel Legato, nicht ohne Eleganz und mit durchdachtem Spielraum für den Solisten. Feingeist Tetzlaff setzte einige spröde Kontraste, lotete aber vor allem erlesene Details aus, machte Nuancen noch im Pianissimo hörbar. Besonders subtil klang die erwähnte Kadenz, von Beethoven mit Trommeln unterlegt. Der Solist erzeugte hier Gänsehaut. Beifall und Bravos vergalt er mit zwei Bach-Soli, der Gavotte aus der Partita Nr. 3 und dem Largo aus der Sonate Nr. 3. Auch dies grub sich tief in die Seele, Beleg für die Vereinbarkeit von Größe und Sensibilität.

Nach der Pause ließ Sanderling im ausverkauften Saal abermals seinen Genius aufblitzen, zeigte einmal mehr, dass ihm derzeit bei Schostakowitsch keiner das Wasser reichen kann. Das sachkundige Publikum spürte das, die Spannung war enorm. Die Sinfonie Nr. 9 von 1945 ist alles andere als ein Siegeshymnus, vielmehr ein faszinierend schräges Werk, in dem Schönklang und Dissonanz, Melancholie und Sarkasmus einander streifen. Der 24-jährige Fagottist Felix Amrhein spielte an diesem Wochenende auf Probe, und seine Soli im vierten Satz, bedrängt von gravitätischen Posaunen, waren in ihrer Wehmut so ergreifend, dass er wohl bald zum Ensemble gehören wird. Stürmischer Applaus für alle. Die Sinfonie wurde mitgeschnitten und wird die noch dieses Jahr erscheinende CD-Box komplettieren. Sanderling scheidet aus Dresden auf höchstem Niveau.

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