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Freitag, 10.08.2018

Muss Deutschland sterben?

Die deutsche Nation ist eine Erfindung von Intellektuellen. Der Aberglaube, auf dem sie gründet, verfolgt uns bis heute.

Von Michael Bittner

SZ- Kolumnist Michael Bittner,
SZ- Kolumnist Michael Bittner,

© Ronald Bonß

Nicht erst neuerdings, sondern seit Jahrzehnten wird uns von Neonazis prophezeit, die Deutschen schlitterten blind dem drohenden „Volkstod“ entgegen. Überraschenderweise sind die Deutschen aber immer noch da. Frauen bekommen sogar wieder öfter Kinder, es fehlt inzwischen an Kindergärten und Schulen. All jene, die sich nach dem Untergang sehnen, befriedigt das aber nicht. Denn es ist auch der Einwanderung zu verdanken, dass Deutschland noch nicht schrumpft und allzu sehr vergreist. Man könnte sich einfach darüber freuen, wie viele Menschen aus aller Welt in Deutschland leben wollen, trotz des schlechten Wetters und der schlechten Laune, die hier oft herrschen. Man kann sich aber auch auf die Straße stellen und ein Pappschild mit der Aufschrift „Migration = Völkermord“ hochhalten, weil man davon überzeugt ist, dass Kinder nur dann unsere Zukunft sind, wenn sie mit der richtigen Hautfarbe geboren werden.

Vor zweihundert Jahren erfanden ein paar Intellektuelle die „deutsche Nation“, finanziell unterstützt von Regierungen, denen diese Idee im Kampf gegen Napoleon nützlich schien. Diese Intellektuellen standen vor einem Problem: Die Einwohner der deutschsprachigen Staaten fühlten sich einander kaum zugehörig, denn sie verband keine gemeinsame Konfession, keine gemeinsame Kultur, kein gemeinsamer Kampf für Demokratie. Um diesem Mangel an Identität abzuhelfen, belebten die Nationalisten die alte Mär, alle Deutschen wären reinrassige Abkömmlinge von Hermann, dem Germanenfürsten.

Der dumme Aberglaube verfolgt uns bis heute. Wer nicht arisch genug aussieht, wird in Deutschland noch immer spontan zum „Ausländer“ erklärt. Deutsche mit asiatischen oder afrikanischen Vorfahren werden regelmäßig gefragt, wo sie denn „eigentlich herkommen“, besonders in Sachsen gerne auch, wann sie denn gedenken, dorthin wieder zurückzukehren. Es gibt Lehrer, die Kindern von Einwanderern trotz gleicher Leistungen schlechtere Noten geben, und später Chefs, die sie auch bei guten Noten nicht zum Vorstellungsgespräch einladen.

Alle, die mit solchen Mitteln dafür sorgen, dass viele Einheimische sich in der Gesellschaft auf ewig als Fremde fühlen, leisten den besten Beitrag dazu, dass der Volkstod vielleicht doch noch Wirklichkeit wird.

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.