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Dienstag, 09.10.2018

Musizierende Möbelpacker

Ex-Popstar Bobo Hebold und ihre Begleiter machen beim Konzert in Dresden Werbung für Lyrik.

Von Johannes Gerstengarbe

Bobo & Herzfeld nebst Zabelov ist ein Bandname, der nicht so leicht von der Zunge geht. Beim Konzert am Sonntag im Kleinen Haus wird dieser aber auch nie gesagt. Jedenfalls nicht auf der Bühne. Die Pop-Attitüde, in der das repetitive Ins-Publikum-Schreien des Bandnamens eine wichtige Rolle spielte, ist schon ein paar Jahre her. Heute werden Gedichte vertont.

Bobo singt und spielt Röhrenorgel. Rhodes auch, aber das kennt man schon eher. Röhrenorgel ist ein Instrument, bei dem man sehr große Metallröhren mit einem Schlägel zum Schwingen bringt. Es sieht sehr schwer aus. Nicht zum Spielen, aber zum Tragen. Überhaupt scheint die Band im Nebenberuf Möbelpacker gelernt zu haben. Neben Bobos schweren Instrumenten hat ihr Begleiter Sebastian Herzfeld noch ein Harmonium, irgendwas großes Metallenes zum Draufhaun und ein echtes präpariertes Klavier dabei. Nur der erst seit Kurzem mitspielende weißrussische Akkordeonist Yegor Zabelov kommt mit einem alleine tragbaren Instrument aus. Dieses spielt er virtuos, wie in einer mehrminütigen Soloimprovisation gezeigt wird.

Der Klang ist durch die Exotik der Instrumente schön eigen. Es erinnert an eine Mischung aus einem Zirkusorchester und der Begleitband von Tom Waits. Auffallend sind die vielen krummen Taktarten, die sehr gekonnt eingestreut werden. Darüber schwebt Bobos Stimme. Die macht technisch alles richtig, sie weiß genau, wie Singen geht. Was ihr leider fehlt, ist das Ausbrechen aus dem Kontrollierten. Dadurch bleibt der emotionale Gehalt auf der Strecke. Die Seele der Vertonungen wird nicht gezeigt, nur ein Abbild. Da wir laut Höhlengleichnis sowieso nur Abbilder wahrnehmen können, kommt beim Hörer dann ein emotionales Abbild vom Abbild an. Schade.

Daraus folgend kommt die Frage in den Sinn: Sind die Gedichte mit Musik besser? Die Antwort tendiert zum Nein. Die andere Frage ist dann aber: Hätte man die Gedichte ohne Musik gelesen? In manchen Fällen nicht, und dadurch ist dieses Projekt in Sachen Lyrikvermittlung ein gutes.

Nach nur einer Stunde geht es schon an die Zugaben. Bobo hat einen Lyrikberater. Wer hätte das nicht gerne? Dieser hat ihr „Hoch auf dem gelben Wagen“ empfohlen. Vielleicht braucht man doch keinen Lyrikberater. Die Variante, Volkslieder neu zu interpretieren, war das preisgekrönte Konzept der ersten Alben, bevor das Projekt sich mehr in Richtung Gedichte wandte. Davon hört man nun etwas in den Zugaben. Das letzte Lied heißt Liebe. Das ist immer ein guter Abschluss.

Zu erwähnen ist noch, dass das Ganze Teil der sehr schönen und interessanten Reihe „Musik zwischen den Welten“ ist. Es lohnt sich, die anstehenden Konzerte im Blick zu haben – es sind vielversprechende Sachen dabei.

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