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Samstag, 07.07.2018

Monströse Mutterliebe

Eine schwierige Jugend mit sexuellem Missbrauch im Internat: Zum 70. Geburtstag legt Bodo Kirchhoff einen Roman über seine frühen Jahre vor.

Von Roland Mischke

Bodo Kirchhoff macht aus schweren Kindheitserinnerungen große Kunst.
Bodo Kirchhoff macht aus schweren Kindheitserinnerungen große Kunst.

© Verlag

Bodo Kirchhoff schreibt in offener, aber nicht obszöner Weise über den Sex mit seiner Mutter. Das geschah in der Sommerfrische in Kitzbühel. Der Vater war in Hamburg geblieben, um seine lahmende Firma auf Trab zu halten. Mutter und Kind lagen in träger Mittagsruhe. Der verspielte Kleine krabbelte auf Mutters Rücken.

Unschuldig erkundete er den Körper, entdeckte „das mütterlich Rückwärtige mit dem Spalt in der Mitte“. Er hatte sein Schreibgerät in der Faust, einen Bleistift, den er mit der stumpfen Seite in den Spalt schob. „Ein knapp Vierjähriger kniet zwischen den Fersen der Mutter“, heißt es, „die nackt auf dem Bauch liegt, das Gesicht in der Armbeuge; er folgt der Trägheit seiner Augen und kann etwas vom Geheimen sehen, wo die Schenkel sich treffen, von den Fältchen dort, dem dunklen Gras der Haare, den Mulden und den Kräuselungen, und was er sieht, gräbt sich ein, als leeres Schlüssellochbild.“ Die Frau lässt es sich gefallen. „Der Infant stillt seine Mutter“, so der Memoirenschreiber.

Das ist sexueller Missbrauch. Aber auch große Literatur. Denn Kirchhoff, der an diesem Freitag seinen 70. Geburtstag feierte, erzählt seine Geschichte in einer Sprache, die anrührend ist und nie vulgär. Er dokumentiert nicht, was geschah. Er schreibt es mit der Überraschung, die er als fast Vierjähriger angesichts des mütterlichen Körpers empfunden haben wird. Der Roman ist in Wahrheit ein Mutterbuch.

Evelyn Peters war Schauspielerin, später Schriftstellerin, 26 Liebesromane und allerlei Erzählungen liegen vor. Kirchhoff begann mit den autobiografischen Erinnerungen erst nach dem Tod der Mutter vor vier Jahren. „Ich habe versucht, ihr gerecht zu werden.“ Kirchhoff, ein Spezialist für Sexuelles, hat es sich von der Seele geschrieben, er probierte insgesamt acht Fassungen, spricht von einer „Kraftanstrengung“ und einem „Akt der Reinigung“. In seiner Sprache fängt er den Zeitgeist der westdeutschen Nachkriegsrepublik ein mit allen Verklemmungen und dem Aufruhr der Achtundsechziger.

Vor vierzig Jahren debütierte Bodo Kirchhoff mit einem Roman über einen Schriftsteller, der Frauen wahllos als sexuelle Kontaktpersonen benutzt. Komplizierte Liebesbeziehungen blieben das Thema des Autors. Mit sprachlicher Eleganz hat er große Wälzer vorgelegt, von seinem Durchbruch mit dem Bestseller „Infanta“ 1990 bis zu „Die Liebe in groben Zügen“ von 2012. Für den überraschend schmalen Band „Widerfahrnis“ hat Kirchhoff 2016 den Deutschen Buchpreis erhalten.

Im Rückblick auf seine Kindheit beharrt der Autor auf dem „horrenden Glück im Unglück“ dieser Jahre mit dem „Hin und Her zwischen glühendem Verlangen und glühender Scham“. In seinem autobiografischen Roman erzählt er von einem zweiten sexuellen Missbrauch. Nach der Scheidung der Eltern war er in ein Internat am Bodensee verfrachtet worden. Dort begegnet der Junge Herrn Gieser, dem Kantor, Musik- und Sportlehrer. Der sieht aus wie Winnetou, raucht Rothhändle-Zigaretten und fährt einen VW mit offenem Verdeck. Das ist cool, auch wenn es den Begriff damals noch nicht in der heutigen Bedeutung gab. Gieser gewinnt das kindliche Vertrauen und küsst den bunt gepunkteten Schlafanzug des Jungen, der sich als „Erwählter, Emporgehobener, Verzauberter“ fühlt. Abstoßend wird es für den Jungen erst, als er merkt, dass der Lehrer ihm untreu ist – er nimmt auch andere Knaben mit auf sein Zimmer.

Ohne die belastenden Erlebnisse der Jugendjahre wäre er nie Autor geworden, sagt Bodo Kirchhoff. Die Arbeit wurde für ihn zu einer Form der Therapie. „Schreiben ist ein nachgeholter Menschwerdungs-Prozess“, sagt er. Erst als Autor habe er Empathie gelernt, also das menschliche Einfühlungsvermögen. (mit dpa)

Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr. Frankfurter Verlagsanstalt, 480 Seiten, 26 Euro