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Dienstag, 18.09.2018

Mitten im Informationskrieg

Der slowakische Autor Michal Hvorecky kritisiert osteuropäische Politiker, die mit Propaganda von der Realität ablenken.

Michal Hvorecky zeigt in seinem Roman das zukünftige Europa als Festung. Ein Heer aus Internettrollen steuert die Öffentlichkeit.
Michal Hvorecky zeigt in seinem Roman das zukünftige Europa als Festung. Ein Heer aus Internettrollen steuert die Öffentlichkeit.

© privat

Michal Hvorecky gilt als eine der wichtigsten kritischen Stimmen in der Öffentlichkeit Osteuropas. Der 41-Jährige engagiert sich in seiner Heimat für den Schutz der Pressefreiheit und gegen anti-demokratische Entwicklungen. 2009 erhielt er in Berlin den Internationalen Journalistenpreis. Hvorecky hat vier Romane veröffentlicht, die in elf Sprachen übersetzt wurden. Gerade ist sein neues Buch „Troll“ erschienen. Hvorecky lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Bratislava.

Herr Hvorecky, der slowakische Ministerpräsident Robert Fico, der im März zurücktrat, nannte Sie einen Krawallmacher und Unruhestifter. Verletzen Sie solche Äußerungen noch?

Nein. Das ist der übliche Ton gegenüber Intellektuellen in Osteuropa. Meine Kollegen und ich sind daran gewöhnt. Wir wurden auch schon als „dreckige Huren“ bezeichnet. Jeder, der sich Protestbewegungen anschließt, Kritik übt oder Machtstrukturen aufdeckt, wird als Verräter diffamiert. Das war schon zu sozialistischen Zeiten so: Künstler galten als Feinde der Nation, und die Rechten von heute haben das erfolgreich übernommen. Viele slowakische Politiker bezeichnen uns abwertend als „Caféhaus Bratislava“ – soll heißen: die Intellektuellen sitzen nur rum, arbeiten nicht und bereiten den Umsturz vor.

In Ihrem Roman „Troll“, einer Dystopie, wird der Hass gegenüber Künstlern und Kritikern staatlich gelenkt. Tausende Trolle stiften in den sozialen Medien gezielt Unruhe und verbreiten Lügen. Wie realistisch ist dieses Szenario?

Als ich 2015 angefangen habe zu schreiben, dachte ich, dies sei eine Zukunftsvision, ein fantastischer Roman. Inzwischen liegt die Handlung jedoch leider sehr nah an der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit hat die Science-Fiction überholt, sagt eine meiner Figuren. Und tatsächlich: Die Slowakei und ganz Osteuropa befinden sich mitten im Informationskrieg.

Was verstehen Sie darunter?

In den vergangenen Jahren gab es unzählige Beweise für bezahlte Kampagnen, vor allem von russischer Seite. Zuvor hatten auch die slowakischen Christdemokraten und die sogenannten Sozialdemokraten versucht, mit massenhaft gekauften Kommentatoren die öffentliche Meinung zu manipulieren. Aktuell sitzen in den Botschaften Russlands in Prag und Bratislava zahlreiche Agenten, die sich Trolle mieten, Fake-Profile erstellen, erfundene News senden, falsche Webseiten aufbauen und manipulative Inhalte viral verbreiten.

Welchen Zweck verfolgen sie damit?

Die strategischen Hauptziele sind, die Gesellschaft tief zu verunsichern und den Westen als Feind zu stilisieren. Russland wird als großer Freund und slawischer Bruder dargestellt, Putin als herausragender, verlässlicher Staatsmann. Damit verbunden ist auch die Beschönigung und Manipulation der gemeinsamen Vergangenheit. Der Austritt aus EU und Nato soll den Bürgern auf diese Weise schmackhaft gemacht werden.

Wie reagiert die Öffentlichkeit darauf?

Leider unterschätzt sie dieses Problem. Viele User haben keine Ahnung, dass sie Fake-News lesen und bewusst desinformiert werden. Sie sind zu naiv und überfordert. Die neue Propaganda, auch gegen Flüchtlinge oder andere Randgruppen, ist unglaublich kompliziert und komplex – dagegen waren die Manipulationen zur Sowjetzeit leicht zu durchschauen. Trolle stiften große Verwirrung, Uneinigkeit und Chaos. Sie wollen, dass die Menschen glauben, es gebe keine Wahrheit. Das schwächt unsere Demokratie und die Zivilgesellschaft enorm, und man muss die Leute darüber aufklären, sie davor warnen. Ich meine: Jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht jeder hat das Recht auf seine eigenen Fakten.

Sie schreiben, dass die Begriffe von Wahrheit und Lüge im Osten und Westen eine andere Bedeutung haben. Gibt es diesen Unterschied?

Noch vor drei Jahren hätte ich diese Frage klar mit Ja beantwortet. Inzwischen hat jedoch eine Osteuropäisierung des Westens stattgefunden: Viele Tendenzen aus Ungarn, Polen, Tschechien und der Slowakei kann man nun auch in Österreich oder Bayern beobachten. Nehmen Sie die Flüchtlingspolitik: Es ist unfassbar, dass etwa Horst Seehofer Victor Orbán als großen Politiker lobt und seine Partei gegen Migranten Politik macht, um von echten Problemen abzulenken. Das ist eigentlich typisch für die osteuropäische Politik der vergangenen Jahre – bei uns gibt es kaum Migranten, aber sie müssen als Sündenböcke für alles herhalten, was schiefläuft. Apokalyptische Propaganda ersetzt die Realität.

Die Slowakei hat Ihrer Meinung nach gar kein Problem mit Einwanderung?

So ist es. Vielmehr hat sie ein riesiges Problem mit Auswanderung. 250 000 Bürger haben die Slowakei in den letzten zehn Jahren verlassen, wohingegen in diesem Jahr bis jetzt nur eine einzige Person Asyl bekommen hat. Eine einzige Person! Und trotzdem werden bei uns propagandaartig Einwanderungsängste geschürt und eine imaginäre Gefahr beschworen, dass uns die Massen überrollen werden. Wie in meinem neuen Roman trifft die Stimmungsmache aber nicht nur Migranten, sondern auch Schwule, Juden oder Roma.

Wie wirkt sich die Propaganda konkret aus?

Das Misstrauen gegenüber Politik, Demokratie und Justiz steigt. Umfragen zeigen, dass das Vertrauen in Politiker und Polizisten in der Slowakei noch nie so gering war wie zurzeit. Das ist sehr beängstigend.

Sie waren 13 Jahre alt, als die Sanfte Revolution Ihre Heimat komplett veränderte. Inwiefern hat Sie dieser Umbruch geprägt?

Das war das Allerwichtigste, das Allerschönste für mich. Die Revolution war die Rettung meines Lebens. Ich bin ja am Stacheldraht aufgewachsen; Bratislava lag an der Staatsgrenze zu Österreich, das war Sperrgebiet, fast so wie an der Berliner Mauer. Meine Mutter hätte nie zu träumen gewagt, einmal nach Wien reisen zu können, obwohl es so nah war. Der Wandel hat dann die Welt für uns geöffnet, und ich habe mich bei den großen Demonstrationen nach dem Mord an dem Journalisten Ján Kuciak an diese wunderbare Zeit erinnert. Ich dachte allerdings auch daran, dass danach, in den 1990er-Jahren, auch schon vieles schieflief und wir erste Erfahrungen mit Rechtspopulisten gemacht haben. Daraus sollten wir lernen und alles tun, um die Demokratie zu stärken.

Interview: Günter Keil

Michal Hvorecky, Troll, aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch, Tropen, 216 Seiten, 18 Euro, Lesung am 13. November, 20.15 Uhr bei Thalia, Haus des Buches, in Dresden