erweiterte Suche
Dienstag, 18.09.2018

Michael, Mozart und der Farbfilm

Von Oliver Seifert

Ein Bild von einem Damenquartett: die Berliner Band Laing. Foto: Ben Wolf
Ein Bild von einem Damenquartett: die Berliner Band Laing. Foto: Ben Wolf

© BEN_WOLF

Lässige Pose. Klick. Sexy Lächeln. Klack. So viel Schönheit ist ja fast peinlich. Klickklack. Wenn Laing im ersten Song „Camera“ die grassierende Selfie-Epidemie aufs Korn nehmen, als wären sie selbst schwer von diesem Virus befallen, bleibt kein Aspekt dieses Zustandes unbeschrieben. Für die fein inszenierte Abbildung des eigenen Lebens sind bei ihnen allerdings noch zwei Voraussetzungen männlicherseits zu erfüllen: „Du kannst den Farbfilm vergessen, mein Michael“ und „Sei mein Fotogeno, ich bin deine Fotogena!“ Nina Hagen und Mozart. Punk und Klassik. Ein grenzenloses Vergnügen.

Seit gut einem Jahrzehnt nimmt sich die Berliner Mädelstruppe Laing um Songschreiberin und Produzentin Nicola Rost frech die Zutaten, die es für ihre Musik braucht, aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Schlager, Motown- und 60s-Girlgroup-Pop, Neuer Deutscher Welle, Chanson, elektronischer Musik und lakonischer Poesie eines Erich Kästners, und wenn alles Kopieren, Zitieren, Verweisen und Verfremden nicht ausreicht, werden komplette Songs von Trude Herr („Morgens immer müde“) oder Heintje („Sei doch bitte wieder gut“) auf ganz eigene Weise neu interpretiert. So wird jede Aufnahme zu einer stets unterhaltsamen Angelegenheit, und jeder Auftritt zu einem glamourösen Ereignis: drei Sängerinnen und eine Tänzerin als Teil einer perfekt choreografierten Show.

Das dritte Album „Fotogena“ wagt sich wieder hinein in die Turbulenzen des Alltags, deren Dramatik und Tragik, Peinlichkeit und Sinnlosigkeit mit Neugier, Beobachtungsgabe, Sprachwitz und dem Gefühl für ironische Brechungen im richtigen Moment herausgearbeitet werden. Auch die 13 neuen Songs leben von digitalem Puls und analoger Seele. Verhandelt werden bröckelnde Beziehungen im ignoranten 2/4-Takt und sich anbahnende, aber kategorisch unterbundene Beziehungen mit irritierten Synthie-Motiven. Sehnlichst erhoffte Beziehungen unter Einsatz von Piano und Handclaps sind Themen wie längst getrennte Beziehungen mit kieksiger Judith-Holofernes-Stimme und verschlepptem Tempo angesichts der lauen Perspektiven. Vom mürrisch begrüßten Scheißtag in „Nieselregen“ mit einem sonoren Serge-Gainsbourg-Chanson, wo mal ein simpler Gassenhauer von Erik Silvester war – „Zucker im Kaffee“ –, zur fröhlich und selbstbewusst vorgetragenen Einladung in „Hoch ist die richtige Richtung“ ist es nur ein kleiner Schritt.

Das Album: Laing, Fotogena. Island/Universal

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.