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Donnerstag, 05.07.2018

Messerscharfe Linienzüge

Von Uwe Salzbrenner

Absturzgefährdetes Transportgut. Thoralf Knobloch zeigt die „Karre“ und andere neue Arbeiten in der Galerie Gebr. Lehmann. Foto: David Pinzer
Absturzgefährdetes Transportgut. Thoralf Knobloch zeigt die „Karre“ und andere neue Arbeiten in der Galerie Gebr. Lehmann. Foto: David Pinzer

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Die luftbereifte Sackkarre, die Thoralf Knobloch in diesem Frühjahr gemalt hat, gehört vollständig der Sphäre der Kunst an, nicht mehr der Wirklichkeit. Sie steht auf glattem, lichtgrauem Grund, in einer durch drei Linien geretteten Anmutung von Raum. Die Pakete auf der Karre sind nicht sauber gestapelt und an die Querholme gerückt, sondern delikat verdreht, um mehr als eine Ansicht vorzuzeigen. Das Band, das sie hier und da verschließen soll, sitzt schief, ebenso das Etikett. Und dieser aparte Unterschied in den Farben der Packkartons, zwischen Deckel, Seiten- und Rückwand. Und immer dieser Grundton: Noch das pulverbeschichtete Stahlrohr der Karre reagiert mit seinem Blau auf das Orange im Karton. Zugleich ist in diesem Bild ein Rätsel aufgerufen, ein vorgezeigtes, aber letztlich dem Betrachter vorenthaltenes Wissen: Was hat den Verpacker bewogen, so viel Kiste weiß zuzukleben? Was ist womöglich darauf geschrieben, gedruckt, notiert?

Durch Neuordnung, durch Unvollständigkeit erzeugt Knobloch, 1962 in Weißenberg in der Lausitz geboren, auch in anderen Gemälden des Jahres 2018 die Vorstellung einer verborgenen Geschichte. Was für ein Symbol klebt blauweiß auf der Tür im Treppenhaus, die merkwürdigerweise auch einen grünen Ölsockel bekommen hat? Das Schild „vermietet“, das an der Wand über der Palette hängt, es kann weder die Wand noch die Palette meinen. Das abgerissene Plakat am Blechzaun, vielmehr sein weißpapierener Rest, bildet Buchstaben aus, die wiederum nicht zu entziffern sind.

Aufgeräumte Leere

Überall Symbole, die man kennt, die hier aber scheinbar mehr bedeuten — umgestürzte oder abgewandte Verkehrszeichen, Markierungen hier und da, Kreuze in der Landschaft, ein mithilfe einer Schablone auf den Asphalt einer Einfahrt gesprühtes Ampelmännchen. Dies ist eine Stichprobe aus Zwielichtland, aus dem Gespenstergebiet, die Knobloch liefert, gerade wenn er die meisten Bilder schattenlos ausgeleuchtet malt. Ein Hitchcock könnte hier einst Filme gedreht haben, in Technicolor. Der Mast, der mit dünnem Draht die Siedlung mit Festnetztelefon versorgt, ist deren einziger Wegweiser. Aber führt der Weg auch zu Häusern? Kommt man nicht längst zu spät, um dem Ereignis beizuwohnen? Auf dem Schaukelbrett, am Seil um die Aufhängung gewickelt, sitzen gewiss keine Kinder. So, mit bodenparalleler Kante, wie die „Jägerschenke“ umgekippt ist und verrottet, liegt und steht kein Ding. Wer Menschen in den Bildern sucht, wird sie nicht finden.

Knobloch, Absolvent der Hochschule für Bildende Künste Dresden, sammelt seine Motive mit der Kamera in Berlin und an den Seen Brandenburgs. Freilich ist die Stadt später nur im Ausschnitt, im Detail zu sehen, der See in blauer Linie, in blassblauer Fläche versteckt. Viel vom Horror dieser Gemälde macht die aufgeräumte Leere aus, die vollständige Ausleuchtung durch die Farbe, der parallele, messerscharfe Linienzug. Im Grunde ist die resultierende Stimmung die Lösung des malerischen Problems, von der Realität eine Abstraktion zu gewinnen — so zu tun, als wäre das Ansprechende des Bildes schon vorhanden gewesen, obwohl man es insgeheim mit knappen Gesten konstruiert. Deshalb sind die Pakte auf der Karre so apart hingedreht, erhalten die Gehwegplatten unter der Schaukel den abgestimmten Farbton, kann man die jeweilige Jahreszeit nur noch erahnen. In Knoblochs Bildern wird offenkundig, wie Unbestimmtheit zum Vorteil werden kann: Es gibt keine festgelegte Methode. Der Maler kann alles neu auslegen, und der Betrachter später noch einmal.

Bis 14. Juli, Galerie Gebr. Lehmann Dresden,

Neustädter Markt 11/12, Di – Fr, 11 – 18, Sa, 11 – 16 Uhr.

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