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Sonntag, 22.01.2017

Meine Heimat – deine Heimat

Eine ursprünglich für Breslau konzipierte Schau zeigt im Kunsthaus Dresden die Vertreibung der Deutschen und die Ängste der Polen.

Von Uwe Salzbrenner

Michal Sikorski und Anna Kolodziejczyk aus Wroclaw fertigten die Installation „Die Stunde“ 2014. Nun ist sie in Dresden zu sehen (Ausschnitt).
Michal Sikorski und Anna Kolodziejczyk aus Wroclaw fertigten die Installation „Die Stunde“ 2014. Nun ist sie in Dresden zu sehen (Ausschnitt).

© Kunsthaus

Ihren Bruder Pawel hätten im Zweiten Weltkrieg die Nachbarn erschlagen, Schlesier wie sie, meint die 98-jährige Jadwiga Heller, Großmutter des polnischen Künstlers Tomasz Opania. Tante Ruta hingegen ist der Meinung, das sei ein Gerücht. Pawel sei in sowjetrussischer Gefangenschaft gestorben. Welcher Nationalität die Schlesier sind, darüber herrscht ebenfalls keine Einigkeit: Die Großmutter hält sich für eine Polin, der in der Schule erlernten Sprache wegen. Ruta nennt sich lieber Ruth, sie wohnte damals in einem Grenzwärterhäuschen in Zabrze, auf der deutschen Seite Oberschlesiens. Die Geschichte, die Opania mit der Kamera aufzuzeichnen versucht, ist verworren bis unverständlich. Im Ausland zu arbeiten, der Gebrauch zweier Sprachen, der Wechsel von Ausweisen waren alltäglich.

Opanias Video ist Teil der Ausstellung „Die Deutschen kamen nicht“, die das Kunsthaus Dresden vom Zeitgenössischen Museum in Breslau übernommen hat, dem heutigen Wroclaw. Sämtliche Objekte und Installationen der 25 beteiligten Künstlerinnen und Künstler richten sich zuallererst an Polen, um ihnen die An- und Abwesenheit der ehemaligen deutschen Bevölkerung im öffentlichen Gedenken vor Augen zu führen. Die Arbeit von Tomasz Bajer ist hierfür kennzeichnend: 1996 hat er Ziegelobjekte mit der Prägeschrift „Breslau“ angefertigt. Ihr beleuchtetes Inneres hinterm Guckloch zeigt Fotografien von Ziegelböden aus ehemals deutschen Häusern. Eine feine Form der Vergangenheitsbewältigung. Zu Zeiten der Volksrepublik hieß die Losung noch: „Jeder Stein ist polnisch“. Bajers Landsleute werden sich gewundert, womöglich etwas geschluckt haben.

Leid der Deutschen nicht vergessen

Dass der Ausstellungstitel die Rückkehr der Deutschen mit einiger Erleichterung verneint, ist dagegen auch für Besucher der Dresdner Schau eine Geschichtsstunde. Denn die aus nunmehr weißrussischen und ukrainischen Gebieten nach Schlesien umgesiedelten Polen konnten nie auf eine Rückkehr in die alte Heimat hoffen. Sie mussten jedoch mit dem im Westen Deutschlands von den Vertriebenen nachdrücklich betonten Rückkehrwunsch leben. Wenn jetzt Aleksandra Sojak-Borodo, deren Eltern aus dem Osten Polens stammen, in sämtlichen verborgenen Fächern eines Wohnzimmerschrankes Kilotüten Weizenmehl versteckt, ist das nicht bloß Ausdruck der Nachkriegshamsterei. Sondern sie will die unsichere Lage der Umgesiedelten ansprechen. Das Leid der Deutschen ist damit nicht vergessen: Dorota Nieznalska widmet ihnen einen Zusammenschnitt von Archivmaterial und einen Stapel Türen ehemals deutscher Häuser.

Mehrere Arbeiten der Schau bündeln das Thema nationaler Identität in einer städtischen. Man hat ja nach dem Krieg Wroclaw zu Teilen neu aufbauen müssen. Das Kunstsymposium 1970 schlug hochmoderne Artefakte und mächtige Lichtstrahlen vor, um der Bevölkerung diese Leistung vor Augen zu führen. Was man den hier ausgestellten Zeichnungen nicht mehr ansieht: Es ging um die unbeschränkte Ausübung der Kunst.

Die archäologische Arbeit von Zbigniew Makarewicz und Ernest Niemczyk berührte dagegen damals schon den Versuch der polnischen Propaganda, mit den Trümmern die deutsche Hinterlassenschaft zu tilgen. Mit Karten und einer Anleitung für einen Augentrick zeigt Karolina Freino, wie heute aus Geschäftsgründen ehemals deutsche Architektur durch neue, nicht bessere ersetzt wird.

Die Installation „Demontage“ von Jerzy Kosalka benennt indessen noch mal die Angst vor der Rückkehr der früheren Eigentümer – und Symbolpolitik. Kosalkas Spielzeugsoldaten in deutschen Uniformen reißen ein Modell der stählernen Nadel vor der Jahrhunderthalle in Wroclaw ab. Die „Iglica“ wurde 1948 errichtet, um das Bauwerk durch einen doppelt so hohen Stich in den Himmel visuell zu spalten.

Auch ein Anreiz zum Nachdenken zum Thema Stadt: Was sagt die barocke Silhouette über Dresden?

Die Schau im Kunsthaus Dresden (Rähnitzgasse 8) ist bis zum 5. März zu sehen, geöffnet dienstags bis donnerstags von 14 bis 19 Uhr, freitags bis sonntags von 11 bis 19 Uhr.