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Dienstag, 16.01.2018

„Meine Eltern hatten Tränen in den Augen“

Jan „Monchi“ Gorkow, Frontmann der Band Feine Sahne Fischfilet, über Politik, Heimat und das neue Album.

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Eine Stimme mit ordentlich Gewicht: Jan „Monchi“ Gorkow ist Frontmann der 2007 im Rostocker Umland gegründeten Band Feine Sahne Fischfilet. Die hat jetzt ein neues Album herausgebracht und spielt ab Anfang Februar in den großen Hallen in Österreich, Deutschland und der Schweiz.
Eine Stimme mit ordentlich Gewicht: Jan „Monchi“ Gorkow ist Frontmann der 2007 im Rostocker Umland gegründeten Band Feine Sahne Fischfilet. Die hat jetzt ein neues Album herausgebracht und spielt ab Anfang Februar in den großen Hallen in Österreich, Deutschland und der Schweiz.

© dpa

Sie sind die deutsche Band der Stunde. 2007 noch zu Schulzeiten gegründet, haben sich die sechs aus diversen Dörfern rund um Rostock stammenden Männer ein nicht nur loyales, sondern massiv wachsendes Publikum erspielt. Mit dem druckvollen Mix aus Rock, Punk und Ska könnte Feine Sahne Fischfilet irgendwann mal das Erbe der Toten Hosen annehmen, befreundet ist man bereits. Mit vollem antifaschistischen Einsatz kämpft man speziell in Mecklenburg-Vorpommern gegen rechts, ob nun mit Kampagnen wie „Noch nicht komplett im Arsch – Zusammenhalten gegen den Rechtsruck“ oder dem alljährlichen und selbst organisierten Festival „Wasted in Jarmen“. Immer wieder ist die Band deshalb Zielscheibe rechtsradikaler Gewalt, und der Verfassungsschutzbericht des Landes Mecklenburg-Vorpommern erwähnte die Musiker jahrelang als linksextreme Gruppierung. Wie er mit diesem Zwiespalt klarkommt, erklärt Jan „Monchi“ Gorkow (30) im SZ-Interview.

Herr Gorkow, „Alles auf Rausch“ heißt eins Ihrer neuen Lieder. Wie rauschhaft fühlt sich das Leben gerade an?

Sehr. „Alles auf Rausch“ beschreibt, wo wir gerade stehen, wie es uns geht. Es gibt echt nichts Abgefuckteres, als jeden Abend vor ein paar Tausend Leuten zu spielen. Da kann keine Droge der Welt mithalten.

Sie haben Ende Dezember sieben Shows vor jeweils über 10 000 Leuten mit den Toten Hosen gespielt, ab Februar gehen Sie selbst auf Tour. Da ist wohl Dauerrausch angesagt.

Das ist alles der Oberhammer momentan. Wir machen das seit zehn Jahren, wir haben uns quasi auf dem Schulhof kennengelernt, kommen alle aus Vorpommern. Wir gründeten die Band, weil wir rauskommen wollten. Jahrelang standen wir vor 50 oder hundert Leuten auf der Bühne, und jetzt verkaufen wir die großen Hallen aus.

Sind die Toten Hosen Ihre Vorbilder?

Wir finden es cool, dass Campino mitgemacht hat, als wir letztes Jahr in Mecklenburg-Vorpommern übers Land gefahren sind, um mit unserer Aktion „Noch nicht komplett im Arsch“ Position gegen den Rechtsruck zu beziehen. Wir sind uns schon sehr sympathisch, und natürlich habe ich als Kind auch die Toten Hosen gehört. Aber ich habe als Kind auch gern Udo Lindenberg oder Die Prinzen gehört und bin mit 13 zusammen mit meiner Schwester zu Caught In The Act gegangen.

Ist der Song „Niemand wie ihr“ eine Liebeserklärung an Ihre Eltern?

Ja, schon.

Die hatten es nicht immer leicht mit Ihnen, oder?

Stimmt. Und vielleicht haben sie es sogar bis heute nicht immer leicht mit mir. Ich spiele in einer Band, ich habe kurz vorm Abi die Schule abgebrochen, ich habe keine Lehre gemacht – das ist nicht das Standardleben, das sich Eltern vorstellen. Und damals in meiner Jugend, da war es noch härter. All die Dinge, die ich in dem Song anspreche, die haben wirklich stattgefunden. Dieses Lied zu schreiben, war an der Zeit. Und doch war es eines der schwierigsten Stücke, die wir je gemacht haben.

Was war so schwer daran?

Es ist verdammt uncool, zuzugeben, die eigene Schwester beklaut zu haben. Man will ja schon lieber ein anderes Bild von sich erzeugen. Oder damals mit 19, als ich zwei Jahre auf Bewährung bekam, Mann, Mann. Meine Eltern streiten bis heute mit mir, manchmal bis aufs Letzte, aber nach jedem Streit haben sie gesagt: Wir finden scheiße, was du machst, aber wir stehen zu dir.

Wofür gab es die Bewährungsstrafe?

Ich war an einer Fußballrandale beteiligt und habe ein Polizeiauto abgefackelt. Deshalb die Zeile „23 000 Euro kostet ein Sixpack, wenn es brennt, in dieser Zeit hatte ich Angst, dass ihr euch trennt.“

Kennen Ihre Eltern das Lied?

Meine Eltern waren die ersten außerhalb der Band, die es hörten. Ihnen das vorzuspielen, war ein besonderer Moment. Sie waren sprachlos und hatten Tränen in den Augen.

Wie ist Ihr Verhältnis?

Sehr gut. Wir alle in der Band haben tolle Familien. Sie besuchen uns ständig auf Konzerten und bauen auch unser jährliches Dorffest „Wasted in Jarmen“ mit auf. Unsere Eltern hätten sich vor zehn Jahren auch nicht träumen lassen, dass wir mal bei „Rock am Ring“ spielen oder demnächst in der Rostocker Stadthalle.

Ihre Musik ist unheimlich druckvoll. Beinahe euphorisch. Sollte das so sein?

Ja, Euphorie und Aufbruchstimmung sind das, was wir auf dem Album rüberbringen wollen. „Sturm und Dreck“ geht nach vorne. Es ist nicht an der Zeit, vom Weltuntergang zu labern, sondern voranzugehen und was zu reißen. In Zeiten, in denen es so einen krassen Rechtsruck gibt, gilt es zusammenzustehen. Deshalb fahren wir auf die Dörfer, deshalb unsere Aktion „Noch nicht komplett im Arsch“, deshalb ein Stück wie „Wir haben immer noch uns“. Ich halte nichts davon, krass rumzuheulen. Es haben genug Leute gesagt, wie schlimm alles ist. Jetzt muss jeder sehen, dass er den Arsch hochkriegt und sich einbringt.

Kürzlich griffen Nazis Ihren Proberaum mit Buttersäure an und schlugen die Scheiben ein. Haben Sie Angst?

Ich hätte nie gedacht, dass solche Verhältnisse wie Anfang der Neunziger noch einmal zurückkommen. Aber Angst dürfen wir uns davon nicht machen lassen. Auch wenn sich das vielleicht platt anhört: Wir lassen uns nicht einschüchtern.

Ihr letztes Album hieß „Bleiben oder gehen“, auf „Sturm und Dreck“ gibt es Songs wie „Zuhause“ und „Wo niemals Ebbe ist“. Können Sie sich vorstellen, Rostock zu verlassen und zum Beispiel nach Hamburg oder Berlin zu ziehen?

Das kommt immer auf die Umstände an. Ich will die Welt sehen, ich will rumkommen, doch Mecklenburg-Vorpommern ist mein Zuhause. Ich wohne zehn Minuten vom Ostseestrand entfernt, und ich lebe hier sehr, sehr gerne. Wir setzen uns mit den Dingen auseinander, die wir scheiße finden, doch wir haben total Bock, hier zu sein, und wir haben auch mal Bock, nicht über Politik zu labern.

Sie haben jahrelang Vermerke im Verfassungsschutzbericht des Landes Mecklenburg-Vorpommern gesammelt, in bürgerlichen Kreisen gelten Sie als linksradikal und mitunter als gefährlich. Macht Sie das eher sauer oder ist das Werbung für die Band?

Mal so, mal so. Wir erwarten nicht, dass uns alle Leute toll finden. Wenn eine Behörde wie der Verfassungsschutz uns scheiße findet, ja nun, dann ist das eben so. Diese Behörde baut selbst die ganze Zeit Mist und behindert weiterhin die Aufklärung der NSU-Verbrechen. Für uns ist das alles kein großes Thema mehr, wir machen unser Ding. Unangenehm ist es, wenn Politiker Wahlkampf mit uns machen.

Als Bundesjustizminister Heiko Maas Ihr Engagement bei „Noch nicht komplett im Arsch“ lobte, wurde er dafür von der CDU angegriffen.

Genau. Das hat dann überhaupt nichts mehr mit uns zu tun. Aus einer Stadt wie Anklam, wo wir gemeinsam mit Campino und Marteria gegen rechts aufgetreten sind, haben sich die großen Parteien doch komplett zurückgezogen. Ist doch okay, wenn Heiko Maas sich darüber freut.

Ist es eine Art Kompliment, wenn einen der Verfassungsschutz beobachtet?

Das kann man so sehen, punktuell haben wir auch mit einem Augenzwinkern mit dieser Situation gespielt. Aber es ist immer noch ein staatlicher Geheimdienst. Ich wurde drei Jahre lang observiert und hatte einen Peilsender unter dem Auto. Die negativen Seiten überwiegen insgesamt.

Der Schauspieler Charly Hübner, der ebenfalls aus Mecklenburg-Vorpommern stammt, hat die Doku „Wildes Herz“ über Sie gedreht, im April kommt sie ins Kino. Worum geht es?

Um mich, um die Band, auch meine Familie kommt darin vor. Charly hat mich dreieinhalb Jahre lang begleitet. Der Film ist geil. Überhaupt: Das wird ein unglaubliches Jahr für uns. Tour, Film, Festivals. 2018 steht im Zeichen von „Sturm und Dreck“.

Das Interview führte Steffen Rüth.

Das Album: Feine Sahne Fischfilet, Sturm und Dreck.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 16 Kommentare

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  1. alter Schwede

    Wenn bringt die SZ einen Bericht über rechte Band,s?

  2. Besorgter

    Wofür gab es die Bewährungsstrafe? „Ich war an einer Fußballrandale beteiligt und habe ein Polizeiauto abgefackelt.“ Kürzlich griffen Nazis Ihren Proberaum mit Buttersäure an und schlugen die Scheiben ein. Haben Sie Angst? „Ich hätte nie gedacht, dass solche Verhältnisse wie Anfang der Neunziger noch einmal zurückkommen.“ Noch weitere Fragen an diesen selbstgerechten Heuchler ?

  3. BesterOssi

    Eine "Band" die im Verfassungsschutzbericht als linksextremistisch geführt wird, zu Straftaten aufruft, offen gegen den Staat hetzt (alles Wikipedia), wird von der SZ mit einer dreiviertel Seite belohnt - das ist eine Sauerei hoch Acht.

  4. Thomas Rosenberg

    Wann hat die SZ endlich den Mut, Kommentare wie 1 und 2 nicht zu veröffentlichen? Oder wenden wir uns gerade zu einer entsprechenden Stimmenplattform?

  5. Kai-Uwe Lensky

    Sind die Beiträge 1 und 2 als Hetze zu betrachten? Rufe nach Zensur finde ich da viel bedenklicher. Wenn man unwidersprochene Elogen auf linksextreme Bands lesen will, sollte man zum neuen deutschland greifen.

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