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Donnerstag, 11.10.2018

Mein Freund, der Baum

Umweltschutz ist gerade schwer angesagt – vor allem im Hambacher Forst. Warum #hambibleibt trotzdem mehr als eine Party ist.

Von Johanna Lemke

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Festival? Party? Nein, Demo für Klimaschutz und gegen Braunkohleabbau am Hambacher Wald bei Köln.
Festival? Party? Nein, Demo für Klimaschutz und gegen Braunkohleabbau am Hambacher Wald bei Köln.

© action press

Am Ende war es die Bechsteinfledermaus. Sie, oder besser gesagt: ihr Schutz verhindert bis auf Weiteres das Abholzen des Hambacher Waldes bei Köln durch den Energiekonzern RWE. Wochenlang hatten Umwelt- und Klimaschützer gegen die Rodung protestiert und den Wald besetzt. Die Bilder von Polizisten, die Menschen aus Baumhäusern zerrten, zogen medial so weite Kreise wie lange keine andere Demonstration. Zwar wurde die Räumung schließlich deshalb gestoppt, weil ein Gericht nun erst einmal prüfen muss, ob der Hambacher Forst die Kriterien für „besonders schützenswerte Naturräume“ erfülle. Dennoch bleiben die massenhaften Proteste gegen die Rodung des Waldes, eine Demo mit 50 000 Teilnehmern und die große Sympathie im bürgerlichen Lager bemerkenswert. Wie kommt es, dass sich so viele Menschen so deutlich zum Umwelt- und Klimaschutz bekennen, während Öko-Demos sonst lausige Teilnehmerzahlen vorweisen können? Warum heißen die neuen Baumliebhaber dafür sogar gewalttätige Proteste gut?

Alexandra sang es schon 1968

Unter dem Hashtag #hambibleibt erschienen in den letzten Wochen allein in der lifestyligen Community Instagram über 12 000 Beiträge. Nutzerinnen mit Namen wie „Goldenstueck“ posteten Bilder von sich auf Demonstrationen mit „Stay, Forest, Stay“-Plakaten und Herzchen-Sonnenbrillen – so ein Selfie hätte auch auf einem Festival entstehen können. Das Video einer festgenommenen Baum-Besetzerin, die in einem berührenden Monolog von ihren Idealen erzählt, ging viral. Und auf Facebook konnte man sich um sein Profilfoto eine Binde montieren, auf der steht „Hambi bleibt“.

Auch wenn die Besetzer auf den Baumhäusern zum Teil aus straff linken, teilweise anarchistischen Kreisen kommen, konnten sich sehr schnell sehr viele mit dem Kampf um den Hambacher Forst identifizieren. Unterstützung kam von Braunkohlegegnern, Baumfreunden oder Klimaschützern, von Wanderern, Veganern oder Christen. Anhand der Bilderflut war es nicht immer so leicht zu unterscheiden, was die Intention der Demonstrierenden war. Ging es ihnen wirklich um Baumerhalt? Oder, um es mit dem Soziologen Niklas Luhmann zu sagen, waren es „Eruptionen des Selbstverwirklichungsmilieus“? Eruptiv, also sehr plötzlich, hatte man das Gefühl, Deutschland bestehe aus einem Volk von Baumschützern, die nur auf ihren großen Moment gewartet haben.

Nur: Warum kommen sie erst jetzt? Seit 1978 holzt RWE – damals noch Rheinbraun AG – Bäume im Hambacher Forst für den Tagebau ab. Seitdem organisiert sich auch Widerstand gegen die Umsiedlungs- und Abrisspläne einiger Dörfer. Seit sechs Jahren gibt es ständig bewohnte Baumhäuser und immer wieder auch Räumungen. Doch erst in diesem September wurde der „Hambi“ auch jenen ein Begriff, die unter Baumschutz bisher nur das jährliche Beschneiden der Zweige verstanden hatten.

Ein Grund liegt sicherlich in dem heißen Sommer 2018, als erstmals auch hier spürbar wurde, wie sich eine Erderwärmung anfühlen könnte. Eine Fortsetzung der Braunkohleenergie lässt sich schlicht nicht mehr rechtfertigen. Doch einer der wichtigsten Gründe für die plötzliche Sympathie für eine Öko-Bewegung liegt in den technischen Möglichkeiten. Weltweit haben Umweltschützer gelernt, eingängige Formate für ihre Botschaften zu finden. Mit geringem Aufwand kann man inzwischen ein beeindruckendes Erklärvideo zu schmelzenden Polkappen produzieren. Noch schneller postet man es auf Facebook, wo es millionenfach geteilt wird. In diesem Jahr verbreiteten sich mehrere bestürzende Filme von Müllmassen auf dem Ozean oder plastikverseuchten Stränden. Seit Drohnenaufnahmen ohne teures Equipment zu realisieren sind, wird ein Alt-Problem der Umweltbewegung überlistet. Früher war es kaum möglich, sich einen steigenden Meeresspiegel vorzustellen, erst recht keine Müllmassen im Ozean. Inzwischen gibt es all diese Bilder.

Politische Bewegungen brauchen Symbole. Ein Eisbär auf der Scholle ist so eins, ein sterbendes Bienenvolk, ein mit Öl beschmutzter Seevogel. Im Falle des Hambacher Forstes ist das Symbol ein in Deutschland bewährtes: der Baum. Die unschuldige Natur steht Willkür, Profitsucht und Zerstörung entgegen. Das Bild wird durch die Robin-Hood-Ästhetik der Baumhausbesetzer noch verstärkt. Die alte „Mein Freund, der Baum“-Romantik, von der die Schlagersängerin Alexandra schon 1968 sang – sie greift noch immer. Dass einige Besetzer ganz unromantisch Polizisten angriffen, scheint wenig zu stören.

Auch wenn man die an eine große Party erinnernden Bilder der Hauptdemonstration vom letzten Sonntag leicht als Event abtun könnte: Die bildaffine Generation, die sich von #hambibleibt so gern abholen ließ, tut dies mitnichten aus einem Spaßgefühl heraus. Es mag nicht hinter jeder Solidaritätsbekundung eine politische Einstellung stecken. Was sich aber sehr wohl verändert hat, ist ein ökologisches Grundempfinden einer immer größer werdenden Gruppe, die nach Ausdrucksformen sucht. Allerdings mit einem anderen Verständnis von politischem Engagement: Die letzte Shell-Jugendstudie hatte bestätigt, dass junge Menschen sich durchaus als politisch begreifen – sie halten nur nicht sonderlich viel von Parteien.

Wobei sich das auch wieder ändern könnte. Von der Öffentlichkeit wenig beachtet erschienen letzte Woche Zahlen des Meinungsforschungsinstituts Forsa: In aktuellen Umfragen zur Bundespolitik ist die Partei der Grünen in der Wählergunst zweitstärkste Kraft nach der CDU – einen Prozentpunkt vor der SPD. Die nächste Wahl ist noch drei Jahre hin, das Ergebnis mag durch die aktuellen Ereignisse im Hambacher Forst und die jüngsten Studien zum Klimawandel geprägt sein. Es ist dennoch historisch.

„Man kann ja eh nichts ändern“

Ist es möglich, dass Öko nun doch langsam ein salonfähiges Image bekommt? Zumindest in Großstädten wird niemand mehr schräg angeschaut, der statt der Brat- eine Tofuwurst bestellt. Supermärkte werben für Stoffbeutel statt Plastetüten, Beauty-Bloggerinnen vergeben Rabattcodes für vegane Cremes. Zwar bleibt Umweltbewusstsein bei vielen auf den privaten Konsum beschränkt. Und es geht auch oft nur so weit, dass der eigene Lebensstil nicht eingeschränkt wird: Man lässt sich seine Oliven in eine mitgebrachte Dose abfüllen und fliegt trotzdem mit dem Billigflieger nach Barcelona. Zudem spielt sich das Engagement größtenteils im virtuellen Raum ab. Genau daraus entsteht aber das große Interesse an dem in seinem Realismus kaum zu übertreffenden Protest der Baumbesetzer.

„Man kann ja eh nichts ändern“ war lange ein Argument für den Einzelnen, dann doch wieder nichts zu tun. Niklas Luhmann bezeichnete dies in den 1980ern als „eigentümliche Hilflosigkeit“, die Umweltbewegungen hemmte. Und Hilflosigkeit überkommt einen tatsächlich, wenn man sich die Luftaufnahmen des verbliebenen Stückchens Hambacher Forst anschaut: Einst mehrere Tausend Hektar groß, ist er durch die Rodungen auf 200 Hektar geschrumpft, der Tagebau hat den Wald förmlich verschlungen. Die Bilder zeigen auf bizarr-ästhetische Weise die Macht des Menschen über die Natur. Während die Bundesregierung über den Kohleausstieg diskutiert und fast täglich neue erschreckende Meldungen über die Erderwärmung erscheinen, wirken solche Bilder absurd und unbeherrschbar. Vielleicht hat #hambibleibt darum so viele angesteckt: Sie fühlten sich nicht mehr hilflos.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Roba

    Die sz hat offensichtlich, wenn auch nur vereinzelt bzw. in Teilbereichen, Intellektuelles "zu bieten". Mehr davon bitte, Frau Lemke!

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