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Dienstag, 13.02.2018

Man muss töten können

Ein Drama um zwei Kinder im Krieg beeindruckt in Dresden als gewaltiges Mensch-Maschine-Musikwerk.

Von Rafael Barth

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Auflauf der Männer: Sechzehn Darsteller stapfen im Dresdner Schauspielhaus im Takt über zwei Kreisflächen, die sich den ganzen Abend drehen.
Auflauf der Männer: Sechzehn Darsteller stapfen im Dresdner Schauspielhaus im Takt über zwei Kreisflächen, die sich den ganzen Abend drehen.

© Sebastian Hoppe

An der Tür zum Theatersaal steht eine Schüssel mit Ohrstöpseln. Greifen Sie zu, wenn Sie empfindsam sind. Besonders am Ende dreht die Musik auf. Minutenlang grunzt der elektrische Bass zum Donner des Schlagzeugs. Der Chor der Schauspieler spricht, ruft, schreit hinein in die Apokalypse. Er schreit von dem Nachbarsmädchen, das Soldaten vergewaltigt haben. Vom Lager und verkohlten Leichen. Vom Haus, das übrig blieb und nun angezündet wird von zwei Kindern. Dann ist der Krieg vorbei, das Stück ist aus, eine dröhnende Suada der Grausamkeiten, ausgebreitet in mehr als dreieinhalb Stunden. Was für ein Wahnsinn! Soll man sich das antun?

Zweifellos hat sich das Staatsschauspiel Dresden auf eine ästhetische Ausnahmeposition eingelassen, indem man den Regisseur und Bühnenbildner Ulrich Rasche für diese Inszenierung engagierte. Rasche, Jahrgang 1969, besetzt im deutschsprachigen Theaterbetrieb den Posten des leitenden Mensch-Maschine-Kombinators. Immer konfrontiert er die Schauspieler mit einem großen Apparat, der sie den gesamten Abend hinweg in Bewegung hält. Mal sind es Walzen, mal Förderbänder, auf denen die Spieler über Stunden im Rhythmus gehen und sprechen. Das Ergebnis ist überwältigend, das Konzept preisgekrönt. Erst vor zwei Wochen bekam Rasche für seinen „Woyzeck“ am Theater Basel eine Einladung zum Berliner Theatertreffen. Bei der Spitzenschau der Bühnenkunst hatte er im vorigen Jahr bereits seine „Räuber“ vom Residenztheater München vorgestellt.

Hier nun, in Dresden, drehen sich seit Sonntagabend zwei riesige, kreisrunde, schwarzgraue Scheiben. Sie sind schräg montiert und rotieren gegen den Uhrzeigersinn, gegen den Sinn, pausenlos, gnadenlos, in Schwaden aus Bühnennebel, es ist Krieg. Eine Mutter kann ihre beiden Kinder nicht mehr ernähren und bringt sie darum zu deren Großmutter in eine kleine Stadt. Die Brüder, Zwillinge, sind so pfiffig, dass es unheimlich ist. Sie härten sich ab, ohne dass jemand sie dazu aufgefordert hätte. Sie sagen sich Liebesworte und Hassworte, bis ihnen die Worte nichts mehr bedeuten. Sie hungern freiwillig. Sie schlagen sich. Sie nageln Frösche auf ein Brett. Sie bitten die Großmutter, sie zu rufen, wenn es etwas zu töten gibt. „Man muss töten können, wenn es nötig ist“, sagen die Kinder. Was sie erleben, schreiben sie in „Das große Heft“ – so der Titel des Abends.

Rammstein trifft Steve Reich

Der gleichnamige Roman von Ágota Kristóf erschien vor mehr als dreißig Jahren, aber noch immer liest er sich als packendes Dokument, das aus der Zeit gefallen ist. Kurze, kalte, kahle Sätze. Jegliche Zier fortgeschmirgelt. Keine psychologische Füllung. Kristóf, geboren 1935 in Ungarn, gestorben 2011 in der Schweiz, verarbeitet in diesem und weiteren Büchern, was sie selbst erlebt hat: wie Krieg und Flucht den Menschen entstellen. Und weil sie das so beiläufig erzählt, packt es einen umso mehr.

Bei Ulrich Rasches Inszenierung geschieht nichts beiläufig. Sein Monumentalkonzept kommt an Grenzen bei Passagen, die vom harmlosen Alltag erzählen. Wenn sich jemand mit dem Handrücken den Mund abwischt oder Großmutter Gemüse auf dem Markt verkauft, klingt der kraftstrotzende Rhythmussprech, als äußerten sich Leute, die schwer von Begriff sind. Plötzlich wird das Pathos hohl.

Aber solche Momente sind selten. Harmlosen Alltag gibt es kaum. Die Kinder verrohen zusehends. Sie sind dabei, wenn das Nachbarsmädchen sich freiwillig von einem Hund penetrieren lässt. Am Ende gehen sie im wahrsten Wortsinn über Leichen. Mit ihnen gehen die Schauspieler, vom Anfang bis zum Schluss. Erst zwei, dann vier, irgendwann sechzehn. Aber wir sehen kein Mädchen, keine Mutter, keine Großmutter, den ganzen Abend keine einzige Frau auf den Drehscheiben.

Aus dem Ensemble und von außerhalb hat Rasche einen Männertrupp rekrutiert: Rohheit, wohin das Auge blickt. Jeder hält den Oberkörper ein wenig nach vorn gebeugt, die Hände leicht vor sich geöffnet, als wollten sie gleich zupacken. Der einzelne Spieler dient hier allein dem Ganzen. Die Kolonne stapft rhythmisch-synchron über die Fläche, die sich in entgegengesetzter Richtung dreht. Symbolträchtig verharrt der Mensch, so sehr er sich abstrampelt, am selben Fleck.

Der Takt der Schritte trifft auf den Takt der Sprache. Auf Sätze, die rhythmisch mit Pausen gespickt sind. Auf Worte, die die Spieler hervorpressen, über Kopfmikros in den Saal hämmern. Die Sprache vermischt sich mit der düsteren Komposition von Monika Roscher. Es ist, als träfe Rammstein auf Steve Reich: archaischer Minimalismus. Ein Sog der Wiederholungen, gespielt mit Schlagzeug, Violine, Cello und Bass von vier Musikern am Bühnenrand.

Seine Sogkraft ist letztlich das, was den gesamten Abend ausmacht: „Das große Heft“ sticht deutlich hervor aus allen anderen Inszenierungen, die man derzeit am Staatsschauspiel sehen kann.

Selbst wer zwischendurch abschweifen sollte, findet bald ins Geschehen zurück. Im unablässigen Gleichstrom setzt Rasche regelmäßig Reizpunkte. Das Licht gleißt, dann verschluckt das Dunkel die Spieler. Die Musik bricht plötzlich ab, fährt neu und wieder anders fort. Es drehen sich nicht nur die Spielflächen, auch die gesamte Konstruktion rotiert, man sieht die Gerüste, die Gemachtheit des Ganzen. Spieler kommen und gehen, barfuß oder in schwarzen Schuhen. Sie legen ihre dunklen Shirts ab, wenn die Zwillinge barsch die Sexualität entdecken. Die freien Oberkörper erscheinen auf einer halbtransparenten Wand zwischen Spielern und Zuschauern. Der Chor spaltet sich, die Hälften sprechen perfekt mit- und gegeneinander.

Soll man sich dieses malmende Totalkunstwerk antun? Ja, unbedingt.

„Das große Heft“: wieder am 25. Februar sowie am 6. und 22. März im Schauspielhaus Dresden. Kartentel. 0351 4913555

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Peter Müller

    Ne! Ganz bestimmt nicht!

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