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Freitag, 15.12.2017

Mal ganz anders denken

Was bedeutet Heimat? Darauf geben vier Prominente bei den Dresdner Reden im nächsten Jahr anregende Antworten.

Von Karin Großmann

10 Die Redner in Dresden

Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert analysiert am 11. Februar Formen der Bürgerbeteiligung im Staat. Foto: dpa/Soeren Stache
Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert analysiert am 11. Februar Formen der Bürgerbeteiligung im Staat. Foto: dpa/Soeren Stache

Die Städte, in denen jeder leben möchte, sollten sauber und sicher sein, wirtschaftlich reich und kulturell bestens ausgestattet. Der öffentliche Verkehr sollte effizient funktionieren, und schön wäre es auch, wenn sich die verschiedenen Milieus mischten. Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus. Das treibt den US-amerikanischen Sozialforscher und Kulturwissenschaftler Richard Sennett um. Was er vermisst, ist eine Kunst der Stadtgestaltung, die ein störungsfreies Miteinander unterschiedlicher Stimmen ermöglicht und die nicht isoliert. Eine solche Isolation hat er selbst erfahren. Der 74-Jährige wuchs in einem Armenviertel von Chicago als Sohn überzeugter Kommunisten auf und hatte etliche Grenzen zu überwinden bis zur Promotion. Zuerst versuchte er es mit dem Cellospiel. Seit 1971 lehrt er Soziologie und Geschichte an der New York University und arbeitet auch an Hochschuleinrichtungen in London und Cambridge.

Die Redner in Dresden

Mit Richard Sennett beginnt am 4. Februar der nächste Jahrgang der Dresdner Reden. An vier Sonntagvormittagen gibt das Dresdner Schauspielhaus Gelegenheit zur anregenden, streitbaren Auseinandersetzung. Die Redenreihe ist eine der ältesten in der Bundesrepublik. Sie wird seit mehr als zwei Jahrzehnten in Kooperation von Staatsschauspiel Dresden und Sächsischer Zeitung veranstaltet. Mehr als hundert Redner standen bereits am Pult, prominente Künstler und Wissenschaftler sowie Politiker jenseits der Parlamente. Viele Veranstaltungen waren ausverkauft. Manche beeinflussten die öffentliche Debatte noch wochenlang, wie etwa Ingo Schulze mit seiner profunden Kritik an der sozialen Marktwirtschaft oder Sibylle Lewitscharoff mit ihren umstrittenen Thesen zur künstlichen Befruchtung.

Parlamente, Plebiszite, Populisten

Für eine prononcierte, provozierende Meinung ist Richard Sennett bekannt. In seinen essayistischen Bestsellern setzt er sich kritisch mit den politischen Verhältnissen auseinander, die zur Instabilität in der Gesellschaft führen. Seine These: Eine globale, ökonomische Elite übt moralischen und normativen Einfluss auf alle Bereiche des Lebens aus. Sennett zeigt das am Beispiel der geforderten Flexibilität des Arbeitsmarktes. Der Titel seines jüngsten Buches „The open city“ steht auch über seiner Dresdner Rede. Sie wird aus dem Englischen simultan übersetzt.

Wie viel Mitsprache hat der Einzelne in einer „offenen Stadt“? Wie viel Bürgerbeteiligung ist auf Staatsebene möglich und nötig? Ist ein Volksentscheid das Allheilmittel in einer brüchig erscheinenden Demokratie? Mit solchen Fragen setzt sich der CDU-Politiker und Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Rede am 11. Februar im Dresdner Schauspielhaus auseinander. Sein Thema: „Wer vertritt das Volk? Parlamente, Plebiszite, Populisten.“

Bei seinem letzten Auftritt im Deutschen Bundestag im September hatte Lammert zwei denkwürdige Bitten formuliert. Zum einen sollten die Parteien einen gemeinsamen Konsens der Demokraten gegen Fanatiker und Fundamentalisten finden. Zum anderen mahnte er, vom Recht auf Mitgestaltung Gebrauch zu machen. „Die Demokratie steht und fällt mit dem Engagement ihrer Bürger. Das ist die wichtigste Lektion, die ich in meinem politischen Leben gelernt habe.“

Der 69-Jährige stammt aus einer Bochumer Bäckerfamilie. Er studierte Politikwissenschaft, Soziologie, Neuere Geschichte und Sozialökonomie und trat 1964 in die Junge Union ein. Die wissenschaftliche Karriere und die Parteikarriere liefen einige Jahre lang parallel. Seit 1980 gehörte Norbert Lammert dem Deutschen Bundestag an, als Präsident leitete er das Haus von 2005 bis 2017. Ab Januar übernimmt er den Vorsitz der Konrad-Adenauer-Stiftung. Als Redner überzeugt Lammert nicht nur mit Fakten und historischem Hintergrund, sondern auch durch Emotionalität. Für seine Kunst des politischen Argumentierens wurde er kürzlich mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache ausgezeichnet.

Bei starken Gefühlen allerdings versagen die Argumente. Mit dieser Erfahrung schlug sich Dunja Hayali herum, als sie über Demonstrationen von AfD und Pegida berichtete. Öffentlich setzte sich die Journalistin und Fernsehmoderatorin gegen Hasskommentare zur Wehr. In ihrer Rede als Preisträgerin der Goldenen Kamera 2016 verteidigte sie die Meinungsfreiheit als hohes Gut. Jeder dürfe und müsse seine Ängste und Sorgen äußern können, ohne gleich in die rechte Nazi-Ecke gestellt zu werden. „Aber: Wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie verdammt noch mal ein Rassist.“

Immer wieder muss Dunja Hayali beteuern, eine Deutsche zu sein. Die 43-Jährige wurde in Datteln im nördlichen Ruhrgebiet geboren. Sie ist die Tochter irakischer Christen aus Mossul, studierte an der Deutschen Sporthochschule in Köln und begann ihre journalistische Laufbahn als Sportmoderatorin beim Radio. Ab 2007 moderierte sie nicht nur abends Nachrichtensendungen beim ZDF. Häufig klingelt ihr Wecker bereits um 3.45 Uhr. Dann hat sie im ZDF-Morgenmagazin Dienst.

Nachdem sie in den Sommermonaten Maybrit Illner im Talkmagazin erfolgreich vertreten hat, bekam sie eine eigene Sendung, in der sie Reportagen mit Gesprächen kombiniert. Ab Sommer 2018 wird Dunja Hayali regelmäßig einmal im Monat mittwochs beim ZDF zu sehen sein, „mit starken, überraschenden Themen, die im Studio kontrovers und sachlich diskutiert werden“, so die Ankündigung. Das dürfte auch für die Dresdner Rede der Journalistin am 18. Februar gelten. Sie will sich mit dem „Wir“ und dem „Ihr“ innerhalb der Landesgrenzen befassen. Sie erkundet die Gräben zwischen Modernisierern und Traditionalisten und die Folgen weltpolitischer Verwerfungen. „Es geht um einiges, es geht darum, wem die Heimat gehört“, sagt Dunja Hayali. „Der Kampf um die Deutungshoheit nimmt bizarre Züge an.“

So genau schreiben als möglich

Was Heimat bedeutet, wie die Geschichte des Landes und der eigenen Familie das Leben prägt, das beschreibt der Schriftsteller Eugen Ruge in seinem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Mit diesem Blick zurück auf die DDR überblickte er zugleich ein ganzes Jahrhundert mit all den Kämpfen, Siegen und Verlusten. Für sein spätes Romandebüt erhielt Ruge 2011 den Deutschen Buchpreis. Mit dem Schreiben, sagt er, war auch ein Stück Selbstvergewisserung verbunden. „Zum Selbst gehört ja auch eine Welt, in der man gelebt hat, die man kennt. Die war in meinem Fall vor allem die DDR.“

Der 63-Jährige erlebte seine frühe Kindheit in einer Siedlung im Ural und kam 1958 mit den Eltern in die DDR. Seine Mutter ist Russin. Er studierte Mathematik an der Humboldt-Uni Berlin und arbeitete am Zentralinstitut für Physik der Erde der Akademie der Wissenschaften. Er kündigte, weil er die Erdbebensicherheit eines geplanten Atomkraftwerks in Schleiz berechnen sollte und das nicht verantworten wollte. Ruge arbeitete für die Defa, drehte Dokumentarfilme und schrieb Theaterstücke. Ein Jahr vor dem Mauerfall verließ er die DDR. Das Verlöschen des Sozialismus ist das Thema seines Erfolgsromans. Weitere Bücher sind inzwischen erschienen. Auch im jüngsten Roman „Follower“ geht es um die Identität – in der neuen Technikwelt bleibt nichts davon übrig.

Gemeinsam ist Ruges Texten eine präzise Sprache. „Ich versuche, genau zu beschreiben, was vorgeht. Ich widme Personen, Geschichten, Perspektiven viel Aufmerksamkeit.“ Modisches Wortgeklingel ist dem Autor suspekt. „Sprache muss nicht selbst leuchten“, sagt er in einem Interview, „sondern sie muss den Gegenstand zum Leuchten bringen.“

Die Dresdner Rede, die Eugen Ruge am 25. Februar hält, nennt er einen „Versuch über eine aussterbende Sprache“.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 10 Kommentare

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  1. Demokrat

    Ja Reden Reden Reden das ist die große Formel den Bürgern alles erklären um sie mitzunehmen. Nichts dagegen das bestimmte Fragen auch beantwortet werden müssen .Dabei muß aber beachtet werden das der Bürger Mündig ist u.nicht nur Erklärungen will sondern Handlungen in seinem Sinne. Die ganzen Talk-Shows wie Maybritt Illner sind oft nichts anderes als teilweise unterhaltsames bla,bla bla -also wie der Name sagt Show.Dann solche Fragen wie offene Stadt muß man nicht diskutieren unsere Städte waren immer offen für Touristen aus aller Welt analog Studenten.Offenheit aber für illegale Einwanderer,oder Asylanten die das deutsche Recht mißbrauchen u. der Staat die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ein kalres NEIN. Nun wird schnell alles als Populistisch dargestellt ja das gibt es ,es ist eine oft demagogische Politik um Gunst der Massen zu gewinnen.Merkel wendete dies an bei Schließung Atomkraftwerke,Schulz zZ. mit der Forderung der Vereinigten Staaten Europas nur die lösten die Probleme ??

  2. Horst Klinger

    Gut das es so kluge Leute wie Frau Hayali gibt, die uns ständig das eigene Weltbild aufs Auge drückt. Besonders wertvoll ist der belehrende Ton wenn die Welt in richtig und falsch eingeteilt wird. Danke Personen wie Frau Hayali wissen wir einfachen Bürger wieder was richtig und falsch ist.

  3. Graf von Henneberg

    "Mal ganz anders denken" so die Überschrift. Und im Inneren fängt es an zu rumoren. Ist es das große Ziel, die Gedanken zu lenken, zu steuern? Der Bürger als von der Regierung gelenkte Roboter - Stimmvieh? Dazu gehört die Manipulation des Bürgers. Wer braucht sowas? Wer veranlasst sowas? ...DIE GEDANKEN SIND FREI...!

  4. Michi N.

    Zum Thema Heimat hat NuovisoTV ein sehenswertes Interview mit Uwe Steimle geführt. Einfach mal bei Youtube suchen. lg, mn

  5. Realist

    (1)muß man zustimmen-wenn unsere Politiker verantwortungsbewust handln würden gäb es nicht die heutigen Probleme. Wir brauchen auch keine ewigen Diskussionen oder neue Gesetze .Wir müssen nur das umsetzen was vorhanden ist. Frau Merkel als Kanzlerin hat nie mitgeteilt das nun innere Sicherheit oder das Problem Altersarmut zur Chefsache wird.Nein sie turnt lieber im Ausland herum u.will die Welt retten. Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen :bekommt die Probleme im eigenen Land nicht in den Griff sieht nun aber die Verantwortung für den afrikan.Kontinent. Da steht die Frage warum haben wir Vertreter in der UNO u.zahlen da auch. Diese müssen im Auftrag der deutschen Regierung Druck auf die Korrupten afrik.Politiker machen.Wenn Merkel die Probleme Deutschlands löst dann brauch das Volk auch keine Erklärer jeglichen Coleurs die auch noch gut bezahlt werden. Fazit es wird zu viel geredet u.zu wenig gehandelt - Das muß sich ändern dazu braucht es neue Köpfe u.keinen Starrsinn

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