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Sonntag, 15.07.2018

Mächtige Mäzene

Staatliche Museen sind auf die Unterstützung privater Sammler und Sponsoren angewiesen. Damit begeben sie sich auch in eine heikle Lage.

Von Christoph Driessen und Birgit Grimm

Die Berliner Kunstsammlerin und Mäzenin Erika Hoffmann im Dresdner Albertinum. Das Objekt „Woman to go II“ von Mathilde ter Heijne ist eine der Interventionen im Museum aus der Sammlung Hoffmann.
Die Berliner Kunstsammlerin und Mäzenin Erika Hoffmann im Dresdner Albertinum. Das Objekt „Woman to go II“ von Mathilde ter Heijne ist eine der Interventionen im Museum aus der Sammlung Hoffmann.

© SKD, Oliver Killig

Der Hamburger Kunstsammler Harald Falckenberg erzählte bei einer Podiumsdiskussion eine unglaubliche Anekdote: 2009 wurde er mit dem Preis der Kunstmesse Art Cologne ausgezeichnet. Da wenige Wochen zuvor das Kölner Stadtarchiv eingestürzt war, wollte er das Preisgeld an die Stadt weiterreichen, damit es für die Restaurierung der verschütteten Dokumente verwendet werden konnte. Eineinhalb Jahre später landete der Scheck wieder auf seinem Schreibtisch: Es habe sich als unmöglich erwiesen, ihn einer bestimmten Behörde zuzuordnen, ließ ihn die Stadt wissen. Deshalb mit Dank zurück.

Das Verhältnis zwischen öffentlicher Hand und privaten Wohltätern ist kompliziert. Da Kunst vielfach als Geldanlage gekauft wird, sind die Preise dermaßen gestiegen, dass sich die meisten Museen kaum noch etwas leisten können. Sie sind auf private Gönner angewiesen, die ihnen etwas schenken oder vererben.

Platz ist rar, Neubauten teuer

Das Problem dabei: Die Sammler sind meist nicht so selbstlos, das ohne Gegenleistung zu tun. Sie fordern zum Beispiel, dass ein bestimmter Prozentsatz ihrer Bilder ständig zu sehen sein muss oder gar, dass ein Neubau her muss, wie es Alfred Gunzenhauser einst bestimmte, als er seine Sammlung nach Chemnitz gab. Entstanden ist aus einem denkmalgeschützten Sparkassenbau ein feines Museum mit sehenswerten Ausstellungen. Ein Zugewinn für Chemnitz, nachdem die Stadt zunächst ordentlich investierte.

Manche Sammler verlangen, dass das Museum ihre ganze Sammlung übernimmt, obwohl eigentlich nur zwei oder drei Werke wirkliche Top-Stücke sind. Die fachgerechte Lagerung der Arbeiten ist dann ein ständiger Kostenposten für das Museum. Die Staatlichen Kunstsammlungen standen bei ihrer jüngsten Schenkung zeitgenössischer Kunst – der Berliner Sammlung Hoffmann – auch vor diesem Problem und fanden eine gute Regelung: Es werden immer einige, immer wieder andere Arbeiten aus der Hoffmann’schen Sammlung in der ständigen Ausstellung zu sehen sein. Kein Neubau und vorerst auch keine komplette Magazinierung der Privatsammlung in Dresden. Platz ist rar, Neubauten nicht zu finanzieren. Umso erstaunlicher war es, dass der Freistaat Sachsen sich von Egidio Marzona das Archiv der Avantgarden (AdA) schenken ließ und dafür das barocke Blockhaus umbauen lässt. Zurzeit sind die Materialien unterm Dach des Japanischen Palais abgestellt und finden hier und da den Weg in Ausstellungen, zu denen sie Substanzielles beitragen. Derzeit ist das AdA in der Schau zur polnischen Konzeptkunst im Kupferstich-Kabinett gut vertreten. Ein wichtiger Mäzen für die SKD ist seit Langem auch die Gesellschaft für moderne Kunst Dresden e. V., die sich mit ihren Schenkungen und Erwerbungen für das Albertinum natürlich gern in der Dauerausstellung wiederfindet. Das ist zwar mit der Museumsleitung abgestimmt, aber gefällt nicht jedem Besucher.

Viele Museen seien „voller Sachen, die einfach aus Nettigkeit und Wichtigtuerei geschenkt wurden“, sagt Kasper König, einer der wichtigsten deutschen Ausstellungskuratoren. Was den Wunsch der Sammler betrifft, ihre Bilder auch ausgestellt zu sehen, stellt der 74-Jährige klar: „Ein Museum ist ein Depot mit Schauräumen und nicht umgekehrt.“ Es geht aber nicht nur um Zugewinne für die ständige Sammlung, es geht auch um Leihgaben für Sonderausstellungen. Diese Schauen sind es, die den Großteil der Besucher anziehen. Von Kuratoren und Direktoren werden deshalb erstklassige Kontakte nicht nur zu anderen Museen, sondern auch in die private Sammlerszene erwartet. Diese Netzwerke sind das eigentliche Kapital, das in der Kunstszene zählt.

Dabei entsteht oft ein geschlossener Kreislauf, in dem sich Öffentliches und Privates so stark verschränkt, dass es nicht mehr auseinanderzuhalten ist. Da macht dann ein Kurator eine Ausstellung zu einem jungen Künstler, den er gleichzeitig als Jurymitglied mit einem Preis bedenkt und seinen Galeristen- und Sammlerfreunden empfiehlt. „Die Unabhängigkeit der Museen wird dadurch sehr strapaziert“, meint König. „Es hat auf jeden Fall ein Geschmäckle.“

In den Ausstellungen werden die Künstler gern zum Genie hochgejubelt. Eine kritische Würdigung findet nicht statt. Besucher und Sponsoren sollen begeistert werden. Zudem würde man vermutlich Sammler vergraulen, wenn man die Schwächen ihrer Leihgabe herausstellen würde.

Als ein Paradebeispiel für eine zwischen dem „Public“- und „Private“-Sektor hin- und hergleitende Netzwerkerin gilt die aus Singen stammende Kuratorin Beatrix Ruf. Rankings zufolge ist sie eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der internationalen Kunstszene. Ruf war lange Direktorin der Kunsthalle Zürich, dann übernahm sie die Leitung des Stedelijk Museum Amsterdam. Dort trat sie im vorigen Jahr wegen umstrittener Nebentätigkeiten zurück. Ihr wurde vorgeworfen, nebenher ein Beratungsunternehmen für Kunstsammler betrieben und dies verschwiegen zu haben. Zu ihren Kunden hätten auch Leihgeber des Museums gehört. Ein Untersuchungsbericht der Stadt Amsterdam sprach sie im Juni jedoch von jedweder Interessenvermischung frei.

Ausschließlich fürs Gemeinwohl?

„Die Probleme rund um privates und öffentliches Geld, mit denen wir uns auseinandersetzen mussten, die gibt es überall“, sagte Ruf der Zeitung Het Parool. Sie sehe auf diesem Feld große Chancen. Das Stedelijk Museum sei von Privatsammlern gegründet worden, „und es gibt heute wieder viele Sammler, die etwas für das Museum tun wollen. Nicht, weil sie das Museum übernehmen wollen oder glauben, dass ihre eigene Kunst dadurch wertvoller wird, sondern weil sie eine große Verantwortung empfinden, etwas für die Gemeinschaft zu tun.“ Kaspar König dagegen gehört zu denjenigen, die die Motive vieler Sammler kritischer einschätzen. Für ihn ist besonders wichtig: „Alles muss in Offenheit und Transparenz geschehen.“ Der beste Mäzen wäre vermutlich derjenige, der einfach Geld gibt. Und weiter gar nichts will oder tut. Sodass man nur dessen Scheck einlösen muss. Obwohl auch das – siehe Köln – zum Problem werden kann. (dpa/SZ)