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Montag, 12.03.2018

Lob der Verführung

Alles ist Hingabe im „Sommernachtstraum“ an den Landesbühnen Sachsen.

Von Marcel Pochanke

Ehezoff war gestern. Die Liebe im verzauberten Wald geht verschlungene Wege. Sandra Maria Huimann spielt die Elfenkönigin Titania, die sich hier schon wieder mit ihrem Gatten Oberon vertragen hat (Grian Duesberg).
Ehezoff war gestern. Die Liebe im verzauberten Wald geht verschlungene Wege. Sandra Maria Huimann spielt die Elfenkönigin Titania, die sich hier schon wieder mit ihrem Gatten Oberon vertragen hat (Grian Duesberg).

© Hagen König

Shakespeares „Sommernachtstraum“, machen wir uns nichts vor, ist wirr und chaotisch. Zwei Paare, die sich wechselseitig, lieben, eine Hochzeitsgesellschaft, eine Theatertruppe, dazu die umtriebigen Elfen. Alle kommen allen auf einer Bühne ins Gehege. Schnell ist beim Zuschauen der rote Faden weg, und der Theaterabend wird lang. Schließlich entstand das Werk in einer Zeit, in der Rationalität durchaus anders betrachtet wurde als in diesen Tagen. Umschifft der Regisseur die Klippen des Chaos, ist die Belohnung eine Komödie, die so ziemlich alles mischt, was das Menschsein ausmacht. Das gelingt den Landesbühnen Sachsen beispielhaft. Die Inszenierung, die am Sonnabend im ausverkauften Stammhaus in Radebeul Premiere hatte, lässt alle Fallstricke vergessen. Zwar vergehen die knapp zweidreiviertel Stunden nicht wie im Flug. Aber sie sind ein echtes, ein denkwürdiges Vergnügen. Peter Kube gelingt es, bemerkenswert viel Ordnung auf die Bühne zu bringen und dabei nichts von der Energie zu opfern, die das Stück populär machte.

Ein Mittel dafür sind klare, glaubwürdige Charaktere, an die das Publikum zudem schnell das Herz hängt und dadurch nur zu gern den Wirren im Athener Wald folgt. Insgesamt 16 Schauspieler stehen für die große Inszenierung auf der Bühne, und es kann bei der Nennung Einzelner nicht gerecht zugehen. Tom Hantschel als Puck ist hervorzuheben, der die Vorstellung von einem umtriebigen Troll nicht ganz und irgendwie umso mehr erfüllt. Eher stämmig, manchmal nah am Kaffeesachsen, feiert er seine Streiche und kuscht dann vor Oberon wie der Arbeitnehmer vor seinem Vorgesetzten. Irgendwie ist alles nicht so ernst, und dadurch umso mehr. Die vier jungen Liebenden haben viel Zeit und den Wald und ihren Willen. Da ist alles Hingabe, unverstelltes Wollen. Man sieht den Schmachtenden zu, wie sie sich dem Angebeteten als Hund andienen (beeindruckend: Julia Rani) und dabei nichts von ihrer Würde verlieren.

Raffiniert und doch zugänglich

Ihre Sprache wankt zwischen den herrlichen Versen der Shakespeare-Übersetzung und kleinen Einschüben aus dem Heute. „What?“ fragt Luca Lehnert als Hermia schulterzuckend, ein kleiner Moment nur, der das Stück aber dicht bei uns hält. Der Radebeuler „Sommernachtstraum“ ist „für junges Publikum“ empfohlen. Etwa zwölf sollte man sein, um wirklich auf seine Kosten zu kommen. Besonders das Stück im Stück jedoch ist ein Leckerbissen für reifere Theaterkenner. Die Szene um eine Handwerkertruppe, die ein eher unvorteilhaftes Stück probt und schließlich dilettierend bei der Fürstenhochzeit aufführt, wird nicht selten gestrichen. In Radebeul wird sie zum Herzstück. Schauspieler spielen Handwerker, die als Feierabendmimen eine griechische Tragödie zum Besten geben. Shakespeares genialen Einfall lotet Peter Kube überraschungsreich aus. Es ist hinreißend, wie der Zettel von Holger Uwe Thews die Gunst der Stunde sucht, um endlich auf der Bühne zu brillieren. Alle Rollen würde er am liebsten selbst übernehmen, was seine Bier trinkenden Kumpane nicht stören würde. Michael Berndt-Cananá hält erst den Handwerkerladen zusammen und sorgt schließlich im Finale als säuselnde Thisbe für Schenkelklopfer. Nein, das Überdrehen lassen sich die Radebeuler nicht nehmen. Platt wird es deswegen keineswegs. Die Liebeswirren der vier jungen Leute, die sich im Wald wechselseitig anschmachten und fortscheuchen, werden mit großer Ernsthaftigkeit auch im Komischen ausgereizt. Ohne doppelbödigen Zynismus wird geliebt und angebetet, von Puck ironisch kommentiert. Wenn Felix Lydike als Lysander und Johannes Krobbach als Demetrius ihre Liebesschwüre in Versform vorbringen, wirkt das keinen Moment so, als sei es aus einer anderen Zeit. Die Sprache in der Übersetzung des für seine Shakespeare-Übertragungen vielfach ausgezeichneten Frank Günther ist raffiniert und zugänglich zugleich.

Auch das hilft beim Verstehen der vertrackten Handlung. Schließlich leisten Bühne und Kostüme von Barbara Blaschke ihr Übriges. Für die verschiedenen Truppen bedient sich die Inszenierung einfacher Farbcodes. Gelb für die vier Liebenden, Rot für den Fürsten, Blau für die Waldgeister. Bis auf ein großes Holzgerüst, auf dem vor allem die Handwerker turnen, ist der Materialeinsatz eher sparsam, aber klar gezeichnet. Laub wird etwa durch den Wald geblasen, den sieben nur annähernd baumartige Stoffrollen darstellen. Wir schauen auf eine Bühne, darüber will das Stück nicht hinwegtäuschen. Und zeigt gleichzeitig eindrucksvoll, welche Verführungskraft darin steckt. Der Premierenapplaus war lang und laut.

Wieder am 14. 3. in Hoyerswerda, am 17. 3. in Neustadt/Sa., 23. 3. in Freital, 25. 3. in Großenhain.
In Radebeul wieder Sonntag, 19 Uhr, am 1. und 7. April.

Kartentelefon: 0351 895 4214

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