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Sonntag, 11.03.2018 Offener Brief

Liebe Mette-Marit!

Von Marcus Thielking

Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit ist Stargast der Leipziger Buchmesse.
Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit ist Stargast der Leipziger Buchmesse.

© picture alliance / dpa

Mit Interesse habe ich gelesen, dass Sie der Stargast der Leipziger Buchmesse sein werden. Nächsten Sonnabend führen Sie auf dem Blauen Sofa ein Gespräch mit der norwegischen Bestseller-Autorin Maja Lunde. Das Außenministerium Ihres Landes teilt mit, dass Sie nicht nur Kronprinzessin sind, sondern auch „Botschafterin der norwegischen Literatur“. Im nächsten Jahr wird nämlich Norwegen das Gastland der Frankfurter Buchmesse sein. Das finde ich ja schon mal alles ganz wunderbar, vor allem weil es in Ihrer Sprache so schøne Buchståben gibt. Hærrlich!

Warum, bitte, hat Deutschland so was wieder nicht? Ich finde, ein Botschafter für die deutsche Literatur würde unserem Land auch mal ganz guttun. Bloß, wer soll es machen? Eine Königin haben wir nicht, also leider auch keine Kronprinzessin. Es müsste aber schon ein bekanntes Gesicht sein. Als Erstes fällt einem natürlich Martin Schulz ein. Der hat jetzt viel Zeit, und er war ja früher mal Buchhändler. Im Gegensatz zur Kanzlerkandidatur verstünde er also was von der Sache. Gut möglich, dass er in Deutschland innerhalb kürzester Zeit einen regelrechten Buch-Hype auslösen könnte. Die Menschen würden in Scharen in die Bibliotheken stürmen und von morgens bis abends dicke Schmöker verschlingen. Fernsehquoten und Internet-Klickzahlen brächen zusammen. Eine unheimliche, aber wohltuende Stille käme über das gesamte Land. Doch, oh je, eines Tages käme die Stimmung ins Rutschen. Bald läse niemand mehr überhaupt noch irgendein Buch, und Martin Schulz müsste kläglich als Botschafter zurücktreten. Nein, nein, mit Schulz, das geht gar nicht, vergessen wir das!

Wer käme noch infrage? Von der Eiskunstläuferin Kati Witt ist bekannt, dass sie sich gerne als Botschafterin für gute Zwecke engagiert. Sie war Botschafterin für die deutsche Olympia-Bewerbung, für BMW, für „Disney On Ice“ und für eine Lotterie. Für das Amt bringt sie also breit gefächerte Erfahrungen mit. Außerdem schreibt sie selbst Bücher, zum Beispiel „Gesund und fit mit Kati Witt“. Dichterisches Talent, gepaart mit langjähriger Botschafterinnenexpertise – sie wäre die perfekte Kandidatin. Aber ich fürchte, sie hat keine Zeit.

Dann wird’s auch schon langsam dünn mit literarisch bewanderten Promis aus Deutschland. Nur wenige Namen fallen mir noch ein. Zum Beispiel Karl Lagerfeld – damit Lesen wieder in Mode kommt. Oder Thomas Gottschalk, denn: „Bildung kommt von Bildschirm. Wenn es von Buch käme, hieße es Buchung.“ Das hat der Kabarettist Dieter Hildebrandt gesagt. Aber der ist leider schon tot. Auch Marcel Reich-Ranicki lebt nicht mehr, der deutsche Literaturpapst. Und der echte Papst Benedikt XVI. wäre zwar sehr belesen, aber ich weiß nicht … Tja, bleibt am Ende also doch wieder nur Martin Schulz. So langsam kann ich die SPD verstehen. Møchten Sie ihn womøglich mål frågen? Das wære æcht nætt!

Ihr

Marcus Thielking

Der Offene Brief ist eine Rubrik aus der Wochenendbeilage der Sächsischen Zeitung.

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