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Freitag, 14.09.2018

Leipzig macht die Wende

Museumschef Alfred Weidinger plant eine große Schau über den Umbruch in der Ost-Kunst. Ein Gespräch über Yoko Ono, Kunst im Container und museale Reaktionen auf die Kunst aus der DDR und Gegenwart.

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Klaus Hähner-Springmühl, dem das Leipziger Bildermuseum bis zum 10. Februar 2019 eine umfangreiche Sonderschau widmet, war einer der wichtigen oppositionellen Künstler in der DDR.
Klaus Hähner-Springmühl, dem das Leipziger Bildermuseum bis zum 10. Februar 2019 eine umfangreiche Sonderschau widmet, war einer der wichtigen oppositionellen Künstler in der DDR.

© Punctum/A. Schmidt

  • Klaus Hähner-Springmühl, dem das Leipziger Bildermuseum bis zum 10. Februar 2019 eine umfangreiche Sonderschau widmet, war einer der wichtigen oppositionellen Künstler in der DDR.
    Klaus Hähner-Springmühl, dem das Leipziger Bildermuseum bis zum 10. Februar 2019 eine umfangreiche Sonderschau widmet, war einer der wichtigen oppositionellen Künstler in der DDR.
  • Alfred Weidinger
    Alfred Weidinger

Seit einem Jahr leitet der Österreicher Alfred Weidinger das Museum der bildenden Künste in Leipzig. Ein Gespräch über Yoko Ono, Kunst im Container und museale Reaktionen auf die Kunst aus der DDR und Gegenwart.

Herr Weidinger, wann sind Sie heute aufgestanden?

Um 3.50 Uhr. Das war auch für mich relativ früh, weil ich noch einen Text für die Gustav-Klimt-Ausstellung in der Moritzburg in Halle fertigschreiben musste.

Sie leiten das Museum seit einem Jahr. Sind Sie zufrieden?

Ja, sehr. Dass es uns im Ansatz bereits gelungen ist, den Puls der Stadt nicht nur aufzunehmen, sondern auch mitzubestimmen, darüber freue ich mich riesig. Hausintern und mit den Vertretern der Stadt sind wir als Team gut zusammengewachsen. Ich lebe mehr im Museum als in meiner Wohnung und bin viel unterwegs. Am letzten Wochenende habe ich drei Künstler in Dresden besucht, die Klaus Hähner-Springmühl gut kannten, den wir jetzt ausstellen.

Schauen wir uns Ihre vor einem Jahr formulierten Ziele an: Im Erdgeschoss soll eine Dauerausstellung zur Leipziger Schule eingerichtet werden.

In gewisser Weise haben wir die bereits, denn so viel Kunst aus Leipzig wie in diesem Sommer war im Haus noch nie gleichzeitig ausgestellt. Den Leipziger Schulen werden wir dauerhaft eine Fläche von 500 Quadratmetern einräumen. Das wird keine statische Ausstellung, sie wird sich immer wieder verändern.

Sie haben 30 Ausstellungen eröffnet. Bleibt es bei dieser hohen Frequenz?

Wir wollten rasch in Erfahrung bringen, wie die Menschen in dieser Stadt auf unterschiedliche Ausstellungsformate reagieren. 2019 reduzieren wir um etwa ein Viertel und widmen uns vor allem der Neuaufstellung der Sammlungen, dem Vermittlungsangebot und der Digitalisierung.

Wann wird die Sammlung des Museums digital zugänglich sein?

Unser Ziel ist es, in vier bis fünf Jahren die grafische Sammlung und einen großen Teil der Gemälde digitalisiert zu haben. Vor zwei Wochen erst hat uns die Stadt den Ankauf eines Scanners für die Grafik ermöglicht. Wir sind im Bereich der Digitalisierung der Sammlung eines der Schlusslichter in Deutschland. Aber wir haben den Vorteil, dass wir Digitalisierung, Generalinventur und Provenienzforschung nun in einem Zug machen können.

Die Leipziger Kunstszene kommt wieder ins Museum, auch weil Sie viele Leipziger ausstellen. Manche äußern die Sorge, das würde zur Kunsthalle.

Diese Sorge ist unbegründet. Wir haben eine bedeutende Sammlung, und mit der wird auch intensiv gearbeitet. Große Überblicks- oder Themenausstellungen benötigen eine lange Vorlaufzeit. So arbeiten wir derzeit gemeinsam mit dem Kunstpalast Düsseldorf an einer großen Ausstellung zu Caspar David Friedrich, in der unsere Bestände eine tragende Rolle spielen werden.

2019 jährt sich die Friedliche Revolution zum 30. Mal. Sie planen eine Ausstellung über die Wendezeit und den Umbruch in der ostdeutschen Kunst.

Das ist ein Resultat der Ausstellung zu Arno Rink. Durch sie haben wir verstanden, wie unterschiedlich Künstler auf diesen Umbruch reagiert haben, das sehe ich besonders deutlich bei meinen zahlreichen Atelierbesuchen. Diese Auseinandersetzung möchten wir in den Focus nehmen, das wurde so konkret noch nie gemacht. Bisher war die Angst, sich daran die Finger zu verbrennen, offenbar groß. Die Ausstellung wird von Christoph Tannert, Paul Kaiser und mir kuratiert.

Sie lassen gern die immense Raumhöhe von sechzehn Metern bespielen.

Die gewaltigen Volumina der Architektur des Hauses und die lichtdurchfluteten offenen Räume sind dafür ideal. Yoko Ono, deren Schau im Oktober eröffnet, wird alle drei Terrassen bespielen. Ihre Ausstellung wird zudem sehr partizipativ.

Ist das Museum unterbesetzt? Die Kuratorenstelle von Frédéric Bußmann, der seit Mai die Kunstsammlungen Chemnitz leitet, wurde nicht ausgeschrieben.

Für ein Museum unserer Größe gab es zu viele Kuratoren und zu wenige Mitarbeiter, die sich um die Sammlung gekümmert haben. Das führte zu starken Belastungen der Mitarbeiter. Die Kuratorenstelle wurde daher nicht nachbesetzt, stattdessen kamen die Stellenanteile dem Ausstellungsmanagement und der Digitalisierung zugute. Seit Kurzem sind wir komplett besetzt, auch in der kaufmännischen Abteilung. Das spürt man sofort.

Sie wollen die Dauerausstellung kostenfrei zugänglich machen. Ab wann?

Das ist die Entscheidung der Stadt. Es ist nach wie vor mein Ziel, und praktisch ließe sich das sicher für die erste und zweite Etage realisieren. Wir werden sehen.

Ihr Konzept heißt weiterhin: Internationale Stars und Leipziger Kunst unter einem Dach?

Ja, auch außerhalb des Hauses. Ab kommendem Frühjahr werden wir mit „MdbK mobil“ in die Region gehen. Drei Container werden in Kleinstädten und Dörfern stehen. Einer mit Werken von einem regionalen Künstler, einer mit einem internationalen Künstler und einer zur Vermittlung. Wir arbeiten dabei sehr eng mit den Schulen und Akteuren vor Ort zusammen.

Inwieweit muss ein Museum auf politische Ereignisse reagieren?

Wenn in Leipzig so etwas wie in Chemnitz oder Köthen geschähe, würden wir sehr wahrscheinlich schnellstmöglich mit einer Sonderausstellung das Thema aufnehmen und dazu Stellung beziehen. Immerhin sind wir als Museum eine der Stimmen der Stadt.

Interview: Sarah Alberti

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