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Dienstag, 08.05.2018

„Lasst uns Patrioten sein!“

Der Patriotismus sollte nicht den Rechten überlassen werden. Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin Thea Dorn präsentiert ein neues Buch und den Begriff des aufgeklärten Kulturpatriotismus.

Von Sibylle Peine

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Deutsche Leitkultur: nein. Deutsche Kultur und Identität: ja.
Deutsche Leitkultur: nein. Deutsche Kultur und Identität: ja.

© Christian Charisius/dpa

  • Deutsche Leitkultur: nein. Deutsche Kultur und Identität: ja.
    Deutsche Leitkultur: nein. Deutsche Kultur und Identität: ja.
  • So lässt sich kurz zusammenfassen, was Philosophin und Publizistin Thea Dorn in ihrem neuen Buch „deutsch, nicht dumpf“ schreibt.
    So lässt sich kurz zusammenfassen, was Philosophin und Publizistin Thea Dorn in ihrem neuen Buch „deutsch, nicht dumpf“ schreibt.
  • Thea Dorn: deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten, Knaus Verlag, München, 336 Seiten, 24,00 Euro
    Thea Dorn: deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten, Knaus Verlag, München, 336 Seiten, 24,00 Euro

Die deutschen Intellektuellen treibt es um. Unter den Stichwörtern Heimat, Identität, Migration und Patriotismus finden derzeit aufgeregte Debatten statt. Vor kurzem hatte der Schriftsteller Uwe Tellkamp („Der Turm“) in einer aufsehenerregenden Diskussion in Dresden mit seinem Kollegen Durs Grünbein vehement die deutsche Flüchtlingspolitik attackiert („95 Prozent reine Wirtschaftsflüchtlinge“).

Eine Diskussion über Meinungsfreiheit begann. Es folgte die von prominenten Autoren und Publizisten unterzeichnete „Erklärung 2018“, in der die „illegale Masseneinwanderung“ angeprangert und die Wiederherstellung der „rechtsstaatlichen Ordnung an den Grenzen unseres Landes“ gefordert wurde. Der Philosoph Rüdiger Safranski wiederum wetterte im „Spiegel“ gegen das „inflationäre Geschwätz von Fremdenfeindlichkeit und lslamophobie“.

Insofern ist es ganz gut, wenn die Schriftstellerin und Philosophin Thea Dorn (47) es jetzt einmal mit einer abgeklärteren Herangehensweise versucht. Unter dem Titel „deutsch, nicht dumpf“ hat sie einen „Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“ entwickelt. Ihr Plädoyer: „Lasst uns Patrioten sein! Kritische, wache und aufgeklärte Patrioten!“. Genau genommen plädiert sie für einen modernen deutschen und doch weltoffenen Kulturpatriotismus.

Es ist nicht das erste Mal, dass Dorn sich mit Fragen der deutschen Identität beschäftigt. 2011 veröffentlichte sie zusammen mit dem Schriftsteller Richard Wagner eine Kulturgeschichte, in der sie deutsche Befindlichkeit über Begriffe wie Gemütlichkeit und Abendbrot, Wanderlust und Männerchor zu ergründen suchte. Das aktuelle Buch geht bestimmten Schlüssel- und Reizbegriffen wie Heimat, Identität, deutsche Nation, Leitkultur, Weltbürgertum, Europa und schließlich Patriotismus nach. Dorn setzt sich mit diesen zum Teil sehr strittigen Begriffen historisch und politisch, vor allem aber kultur- und literaturhistorisch auseinander.

Ihre Kernaussagen lassen sich in etwa so zusammenfassen: Die plakative Bezeichnung „deutsche Leitkultur“ ist abzulehnen. Aber es gibt durchaus eine spezifische deutsche Kultur und Identität. Eines ihrer wichtigsten Merkmale ist der Respekt vor der Freiheit des Individuums, wie er im Grundgesetz niedergelegt ist. Die Idee des freien Bürgers, im Kern eine europäische Idee, ist derzeit weltweit in Gefahr. Deshalb müssen wir für „unser Freiheitsverständnis werben, werben und unermüdlich weiterwerben“.

Weiterhin hat das kulturelle Erbe der Deutschen für Thea Dorn eine herausragende Bedeutung. Entsprechend ist in ihrem Buch viel von Schriftstellern und Philosophen die Rede, von Goethe und Thomas Mann, Wittgenstein und Habermas. Auch das politische Erbe - speziell die NS-Zeit - spielt eine Rolle.

Völlig unterbelichtet bleiben dagegen ökonomische Aspekte. Und das ist ein Problem. Denn die Identitätskrise der Deutschen, wenn man sie denn annimmt, hat viel mit der Globalisierung und diese mit wirtschaftlichen Umwälzungen und Erschütterungen zu tun, von denen die Flüchtlingsbewegungen nur ein Ausdruck sind. Diesen Aspekt so ganz außen vor zu lassen, ist deshalb schwierig. Etwas weltfremd ist so auch Dorns Empfehlung, einwanderungspolitische Entscheidungen nicht an den „Bedürfnissen unserer Wirtschaft auf der einen und an der sozialen Bedürftigkeit von Migranten auf der anderen Seite“ zu orientieren, sondern nur „Freiheitskämpfer“ aufzunehmen. Thea Dorns Buch ist ein beherzter und leidenschaftlicher, dabei nie unsachlicher Debattenbeitrag in einer aufgewühlten Diskussion, greift aber insgesamt leider zu kurz. (dpa/szo)

Dossier zum Thema Meinungsfreiheit

Können wir unsere Meinung noch frei äußern? Die Diskussion zwischen Durs Grünbein und Uwe Tellkamp, die Debatte über die Charta 2017 und der Streit über die Meinungsfreiheit in einem Dossier.

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. PS

    Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand, daß ein gutes Deutschland blühe, wie ein andres gutes Land. Daß die Völker nicht erbleichen wie vor einer Räuberin, sondern ihre Hände reichen uns wie andern Völkern hin. Und nicht über und nicht unter andern Völkern wolln wir sein, von der See bis zu den Alpen, von der Oder bis zum Rhein. Und weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir’s. Und das liebste mag’s uns scheinen so wie andern Völkern ihrs. Bertolt Brecht

  2. catenaccio

    Wieso der Beitrag von Frau Dorn zu kurz greift bleibt m. E. ein Geheimnis von Frau Peine. Die Identitätskrise der Deutschen ist doch vorsätzlich herbeigeführt und hat m.E. doch eher mit der Schuldzuweisung für zwei verlorene Kriege gegenüber unbeteiligten Generationen und dem Plan von Teilen des Establishments, den deutschen Nationalstaat in einem postdemokratischen Vereinigten Europa aufzulösen. Die der Globalisierung schicksalshaft zu geordneten "Flüchtlingsbewegungen" ist dabei Mittel zum Zweck, den deutschen Nationalstaat zu destabilisieren und Deutschland im Interesse besserer Verwertungsbedingungen des internationalen Finanzkapitals Kapitals in eine multiethnische Gesellschaft zu transformieren.

  3. Manfred Hengst

    Ich verzichte auf verordneten Patriotismus nach dem Muster Dorn, Lengsfeld , Sarrazin und noch schlimmer AfD und Pegida. Ich bin auch Patriot wenn ich heute daran denke heute daran wer und außer den neuen verordneten "Freunde" uns von den Nazis befreit hat. Als Deutscher und Atheist ist es für mich nicht patriotisch Kreuze an die Wand zu nageln

  4. stolz

    "Patriotismus", "Stolz auf ..." und und und sind für mich aller Übel Anfang. "Ich bin Stolz und Patriot ..." heißt für mich im nächsten Halbsatz "... und Du nicht!" Dadurch wird Ausgrenzung aktiv gelebt und denen vor Augen geführt, die angeblich nicht hierher passen. Das ist zutiefst unmenschlich. Es gibt keinen Patriotismus mit menschlichem Antlitz. Wir sollten im 21. Jahrhundert endlich das Trennende hinter uns lassen. Denn mit Abgrenzung beginnen Unterschiede, die durch Verblendete und deren Mitläufer in der Vergangenheit als Grund für Vieles herangezogen wurden, um Taten zu begehen, auf die ich gar nicht - selbst mit patriotisch geschwellter Brust - stolz sein kann. Bitte, liebe SZ, berichtet weiter sachlich über solche gesitige Fehlleitungen, aber zeigt auch Diejenigen, die bereits darüber hinweggekommen sind, sich über Patriotismus und falsch verstandende Heimatliebe zu definieren.

  5. Joachim Herrmann

    Ja, Hr. Hengst ich verzichte gern auf die (moralischen, generischen und apokalyptischen) Übergriffe dieser Namen- auch den von Tellkamp, der von innerem Sendungsbewusstsein zerfressen scheint. Ich bin stolz auf meine deutsche Identität- stolzer bin ich aber auf das von vielen deutschen Humanisten gelehrte Menschenbild. Auf unsere Weltoffenheit, auf unseren patriotismus, der im Besonderen dazu dienen! sollte, dass wir uns stringent an der Entwicklung, Beförderung und Wahrnehmung der Kulturen dieser Welt beteiligen sollten. Nicht unsere Kultur ist das Maßgebende und ALLES Überstrahlende, sondern unser Umgang mit anderen muss über Allem stehen. Die Kleinteiligkeiten, die allerorts und leider auch von solchen "Charakteren" wie hier, geäußert werden, sind schon sehr fragil. Übrigens-gerade Fr. Dorn hat in manchen Reden (und Schriften) zu der missliebigen Stimmungslage beigetragen. Und, Jeder sollte sich die Frage gefallen lassen- "Wie hälts Du es mit Andersdenkenden"!-das Kreuz ist schlimm!

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