erweiterte Suche
Samstag, 08.09.2018

Kurven, Sterne, Blöcke, Balancen

Von Uwe Salzbrenner

Eine der typischen Schreibmaschinenzeichnungen von Ruth Wolf-Rehfeldt.Foto: SKD
Eine der typischen Schreibmaschinenzeichnungen von Ruth Wolf-Rehfeldt.Foto: SKD

Es ist eine spröde Kunst, die Ruth Wolf-Rehfeldt einst hergestellt hat: mit der Schreibmaschine getippte Zeichnungen. Die Härte des Bildes lässt sich nicht vermeiden. Sie kommt von den Einschränkungen der Mechanik, den per Typenhebel bewegten Drucktypen, von Zeichenabstand und Zeilenschaltung. Mit den Buchstaben schwingt jedoch subtil Bedeutung mit: Wolf-Rehfeldt nutzt, besonders im Frühwerk, die Nähe der Grafik zum Gedicht. Reiht Buchstaben und Worte, verschiebt sie spaltenweise. Lesen und verstehen kann man sie immer noch. Später nimmt sie den gesamten Zeichenvorrat der Tastatur für eine Anordnung in Kurven, Spiralen, Sternen, Blöcken, Balancen, die hier und da wieder zerfallen, als hätte Wind hineingeblasen. Seltsame Käfigwesen entstehen auf dem Papier, die auch Käfigwesen heißen und womöglich auf die Situation in der DDR hinweisen. Ungelenke, gravitätische Figuren, fast schon wieder Schrift - zu sehen in einer Dresdner Schau.

Öffentlich bekannt werden diese Blätter durch Wolf-Rehfeldts Mann Robert. Er ist es auch, der ihr die Tür zur Kunst weit aufmacht, nachdem sie 1950 fürs nachzuholende Abitur und ein Philosophiestudium von Wurzen in die DDR-Hauptstadt gezogen ist. Ein Dauerbegeisterter ist er, der Ostberliner mit Westkunststudium, Hans Dampf in allen Gassen. Schwärmt von Joseph Beuys und fängt unablässig neue Projekte an, von der Malerei bis zum Schmalfilm. Ermutigt seine Frau zum Dichten und zum Zeichnen. Als er Anfang der 1970er von „Mail-Art“ hört – der postalischen Verbindung von Künstlern über Ländergrenzen hinweg, jenseits von Zensur und Markt –, besorgt er sich Adressenlisten. Mithilfe polnischer Künstler knüpft Robert Rehfeldt weltweit Briefkontakte, die Wohnung in der Mendelstraße 19 wird zum Mail-Art-Zentrum der DDR. Ab und zu packt er ein paar Grafiken seiner Frau in den Umschlag.

Ruth Wolf-Rehfeldt arbeitet inzwischen im Ausstellungsbüro der Akademie der Künste, tippt ihre Schreibmaschinenkunst ungestört zu Hause. Ihre erste Einzelschau hat sie 1975 in Warschau, parallel zur Mail-Art ihres Mannes. Da ist sie 43 Jahre alt. Weitere Ausstellungsbeteiligungen in Schweden und Brasilien folgen. Mit der Aufnahme in den Verband bildender Künstler 1978 darf sie offiziell Kopien herstellen und verschicken. Bis zum Ende der DDR entwirft Wolf-Rehfeldt mehr als 800 Blätter mit der Schreibmaschine, druckt sie als Zinkographien, vervollständigt sie in Collagen. Dann ist es ihr genug. Wahrscheinlich kann sie mit der westlichen Sicht auf die Kunst wenig anfangen.

Die Mail-Art-Szene erinnert sich hier und da ihres Werks. 2009 zeigt das Museum Weserburg Bremen in seinem Studienzentrum für Künstlerpublikationen ein paar Arbeiten, im Rahmen der Ausstellung eines Konvoluts von Grafiken, Büchern, Filmen und Untergrund-Zeitschriften aus der DDR. Ruth Wolf-Rehfeldt sticht offenkundig so heraus, dass man ihr drei Jahre später im Museum eine Retrospektive ihres Schaffens ausrichtet. Bald kümmert sich die Berliner Galerie Chert um Werk und Werkverzeichnis und präsentiert es auf der Messe „Art Basel“. Der Höhepunkt der unverhofften Wiederentdeckung ist der Auftritt der damals 85-Jährigen auf der „documenta 14“ in Kassel.

Jetzt reiht sich das Albertinum Dresden bei den Fürsprechern ein, mit einem ungewöhnlichen Ausstellungsformat: Es zeigt nicht allein 62 von Wolf-Rehfeldts Schreibmaschinengrafiken, dazu einen Teil des Buchstabens B des riesigen Rehfeldtschen Postkunst-Archives. Die Kuratorin Kathleen Reinhardt fügt diesem Werk die Hommage eines amerikanischen Künstlers hinzu – als Hinweis, dass solch gedanklich bewegliche Kunst nach wie vor inspiriert. David Horvitz, Jahrgang 1982, hat mailartgerecht per Brief Grüße nach Berlin geschickt, Schriftbilder des Himmels über Los Angeles. In der Schau erscheint seine Kunst so flott und versiert mit allem Material, als wäre Wolf-Rehfeldt aus der Enkelgeneration nochmals ihr 1993 verstorbener Mann zur Seite getreten.

Die Schau ist bis zum 6. Januar im Albertinum zu sehen,

geöffnet täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.