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Freitag, 20.04.2018

Krampf gegen rechts

Die Rechten sind nicht so stark, weil man sie nicht stark genug bekämpft. Sie sind stark, weil die Linken schwach sind, sagt Michael Bittner.

Von Michael Bittner

SZ-Kolumnist Michael Bittner
SZ-Kolumnist Michael Bittner

© Ronald Bonß

Ein Faschist ist kein Rumpelstilzchen. Er zerreißt sich nicht selbst, wenn man ihn oft genug beim Namen nennt. Faschisten sind auch keine Vampire, die man nur ins Tageslicht zerren muss, damit sie verdampfen, oder böse Zauberer, deren hässliches Antlitz, wenn es enthüllt wird, alle Menschen verschreckt.

Im „Kampf gegen rechts“ geben sich viele Linke in bester Absicht Illusionen hin. Sie glauben, man müsse den wahren Namen des Feindes nur laut ausrufen, das Licht der Aufklärung strahlen lassen, dem führenden Kopf die Maske vom Gesicht reißen – und schon wäre der Sieg errungen. Aber der Feind grinst nur und schart weiter Anhänger um sich. Denn viele lieben ihn nicht trotz, sondern wegen seines Charakters. Je unverschämter er sich zeigt, desto größer der Jubel. Je mehr die Linken toben, desto sicherer sind sich die Rechten, dem Richtigen zu folgen. Und indem manche Linke nicht nur Faschisten, sondern auch demokratische Konservative wie Monster behandeln, schaffen sie sich selbst noch Feinde, die bloß Gegner sein müssten.

Aus dem mäßigen Erfolg des Kampfs schließen manche, er müsse noch lauter, noch militanter, noch kompromissloser geführt werden. Aber die Rechten sind nicht so stark, weil man sie nicht stark genug bekämpft. Sie sind stark, weil die Linken schwach sind. Es mangelt der Linken an Köpfen und Ideen, mit denen jene Mehrheit zu überzeugen wäre, die sich weder dem einen noch dem anderen politischen Lager zuordnet. In vielen Fragen unserer Zeit zeigen sich die Linken uneinig: Ist die Globalisierung Übel oder Chance? Muss Europa stärker werden oder der Nationalstaat wieder souverän? Ist der politische Islam Partner im Kampf gegen westlichen Imperialismus oder Gefahr für die Zivilisation? Ist Israel ein Schurkenstaat oder schützenswerte Demokratie? Brauchen wir Arbeitsbeschaffung oder ein Grundeinkommen? Soll unsere Ökonomie wachsen oder sich auf eine Zeit ohne Wachstum einstellen?

Risse solcher Art gibt’s auch bei der Rechten, aber die nimmt Widersprüche traditionell nicht so tragisch, solange nur ein charismatischer Führer und ein schönes Feindbild die Bewegung einigt. Das macht ihre Stärke aus. Im Kampf gegen rechts siegen die Rechten, solange die Linken nicht auch den schwereren Kampf entscheiden: den mit sich selbst.

Besorgte Bürger im Gespräch

Seit über zwei Jahren erscheint hier jeden Freitag im Feuilleton die Kolumne „Besorgte Bürger“. Der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt und der Schriftsteller Michael Bittner wechseln sich Woche für Woche ab und schreiben über Themen, die Land und Leute bewegen. Dabei sind sie selten einer Meinung – und das ist auch gut so. Wer die beiden Kontrahenten einmal live erleben möchte, hat dafür nächste Woche die Gelegenheit: In der Reihe „Kultur im Hochhaus“ diskutieren Bittner und Patzelt im Dresdner Haus der Presse auf dem Podium. Mehr als Hundert Kolumnen sind inzwischen erschienen. Es ging um so unterschiedliche Themen wie Nazis, Islamisten, Bildung, Mieten, Fußball, Leitkultur, Autos, Heinrich Heine, Johann Sebastian Bach, Uwe Tellkamp und Uwe Steimle. Ein Ende der Streitpunkte ist nicht absehbar. Trotz aller Differenzen haben sich die beiden SZ-Kolumnisten stets das bewahrt, was in einer Demokratie selbstverständlich sein sollte: gegenseitigen Respekt, ein offenes Ohr für die Argumente des anderen und einen Schuss Humor. Auf dem Podium werden Patzelt und Bittner ihren Meinungsaustausch fortsetzen, einige Kostproben aus Kolumnen und aus der Leserpost geben und auch aus ihrem Kolumnistenalltag erzählen. Das Gespräch wird moderiert von SZ-Feuilletonchef Marcus Thielking.

„Kultur im Hochhaus – Besorgte Bürger im Gespräch“, Dienstag, 24. April, 19 Uhr, Foyersaal im Haus der Presse, Ostra-Allee 20, 01067 Dresden. Eintrittskarten ab 5 Euro (SZ-Card ab 3 Euro).