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Freitag, 18.05.2018

Königlich und abgefahren

Das Concertgebouw-Orchester gab sein fulminantes Debüt im neuen Dresdner Kulturpalast. Pianist Daniil Trifonov griff wie wild nach diesem Prokofjew.

Von Karsten Blüthgen

Der Dirigent Daniele Gatti
Der Dirigent Daniele Gatti

© Archivfoto: MDR

Ist das zu begreifen, wird sich mancher gefragt haben, der bei Mahlers „Erster“ am Mittwoch in Dresdens Kulturpalast dabei war. Ist in dieser Sinfonie, einer der populärsten überhaupt, nicht längst alles ergründet und ausgeschritten? Offenbar nicht, wie das Concertgebouw-Orchester unter seinem Chef Daniele Gatti auf atemberaubende Weise hören ließ. Der Sturm des Finalsatzes riss noch im Schlussakkord das Publikum aus den Sitzen. Mit Beifall wird bei den Dresdner Musikfestspielen nicht gegeizt. Doch in dieser Fülle und Intensität war er im ausverkauften Kulturpalast ungewöhnlich.

Nach und nach zieht die Weltelite der großen Klangkörper durch Dresdens High-Tech-Konzertsaal. Sie adeln einen Ort, der nicht nur die städtische Philharmonie beherbergt, sondern schnell und folgerichtig zum Zentrum der Musikfestspiele geworden ist. Nun also kam das legendäre „Koninklijk Concertgebouworkest“ aus Amsterdam. Bei Orchesterrankings steht es auf dem Treppchen und auch dessen heimischer Saal, ein klassischer Schuhkarton im 1888 eröffneten Concertgebouw, zählt noch immer zu den weltbesten und hält Ansprüche ganz oben. Aber auch auswärts ist das seit 1988 „Königliche“ Orchester, das heute Musiker aus zwanzig Nationen vereint, eine Offenbarung in Sachen Spielkultur.

Zunächst zeigte es sich als hochsensibler Begleiter beim Dritten Klavierkonzert von Sergej Prokofjew. Dem Orchester schon hier in seinem fein schattierten, perfekt ausgewogenen Klang und seiner Präzision die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken, fiel nicht leicht. Eine fragile Holzbläserpassage zu Beginn, eine idyllische Streicherszene – danach verschwand es mehr oder minder hinter dem passagenreichen, ja geschwätzigen Solopart, der alle Sinne auf sich zog. Daniil Trifonov, in Dresden bereits mehrfach gefeierter Solist, griff wie wild nach diesem Prokofjew. Sein Spiel, technisch über jeden Zweifel erhaben, war nicht mehr impulsiv; es war explosiv. Mehr Energie, mehr Motorik sind nicht denkbar – dieser Auftritt machte sprachlos und ließ das Publikum erwartungsgemäß frenetisch reagieren. Doch bleibt zu fragen, in welchen Sphären Trifonov schwebt, wenn er sich am Flügel derart verausgabt. Es bleibt ebenso zu fragen, was zu gewinnen ist außer der Erkenntnis, dass das Prinzip des Schneller-Höher-Weiter fortlebt. Was spiegelt dieser Auftritt eines derart entrückten, abgefahrenen Solisten? In Respekt und Bewunderung mischt sich das Gefühl, kaum etwas fürs Leben daraus ziehen zu können.

Dazu eignet sich vielmehr Mahlers Erste Sinfonie, die, so der Komponist, die „schneidenden Kontraste“ des Lebens bewusst macht – vom frühlingshaften Erblühen und Wachsen bis zum Begräbniszug. Rohes und Raffiniertes, Banales und Infernales fand sich in dieser Interpretation unter einem gewaltigen Bogen vereint, harsch und zugleich vollendet kultiviert. Für das Concertgebouw-Orchester scheint Mahler eine Art Muttersprache zu sein. Gattis feines, keinesfalls übersättigtes Dirigat war ein untrügliches Zeichen für den natürlichen Fluss, den diese Sinfonie hier entwickelte. Ein denkwürdiges Erlebnis.

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