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Donnerstag, 13.09.2018

Klänge und Farben einer neuen Welt

Dresdens Musikfestspiele feiern Visionen und bahnbrechende Ästhetiken. Manches Konzert dürfte schon im Vorfeld für Freude oder Tumulte sorgen.

Von Bernd Klempnow

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Meret Becker interpretiert mit Band surreale Lieder und musiziert auf der Säge.
Meret Becker interpretiert mit Band surreale Lieder und musiziert auf der Säge.

© Joachim Gern

  • Meret Becker interpretiert mit Band surreale Lieder und musiziert auf der Säge.
    Meret Becker interpretiert mit Band surreale Lieder und musiziert auf der Säge.
  • Die Bauhaus-Bewegung prägte auch den Tanz. 1922 entstand das faszinierende „Triadische Ballett“ von Oskar Schlemmer, das als Konzept eine dreifache Ordnung feiert:Raum–Form–Farbe, Kreis–Quadrat–Dreieck, Bewegung–Kostüm–Musik. Bei den Festspielen ist es als Rekonstruktion zu erleben.
    Die Bauhaus-Bewegung prägte auch den Tanz. 1922 entstand das faszinierende „Triadische Ballett“ von Oskar Schlemmer, das als Konzept eine dreifache Ordnung feiert: Raum – Form – Farbe, Kreis – Quadrat – Dreieck, Bewegung – Kostüm – Musik. Bei den Festspielen ist es als Rekonstruktion zu erleben.
  • Valery Gergiev dirigiert sein Mariinsky-Orchester bei Tschaikowskys Vierter.
    Valery Gergiev dirigiert sein Mariinsky-Orchester bei Tschaikowskys Vierter.
  • Pianistin Hélène Grimaud spielt Chopin bis Debussy in der Semperoper.
    Pianistin Hélène Grimaud spielt Chopin bis Debussy in der Semperoper.

Altkanzler Helmut Schmidt musste es wissen: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, meinte der einmal. „Da ist was dran“, sagte Jan Vogler am Mittwoch bei der Präsentation des Programms der nächsten Dresdner Musikfestspiele. „Wer Visionen hat, überschreitet Grenzen, wagt Neues, kann im Zweifel bitter scheitern.“ Und gerade deshalb stellt er den nächsten Jahrgang der Festspiele (16. Mai bis 10. Juni 2019) unter das Thema „Visionen“. Dazu inspiriert hat ihn das Bauhaus-Jubiläum. 1919 wurde das gegründet und sorgte für „eine bahnbrechende ästhetische Neuausrichtung, die weit über die Grenzen der Architektur die Definition von Kultur, Geschmack, Lebensqualität und Nachhaltigkeit erneuert hat“. Das will er mit „besonders facettenreichen Angeboten“ in seinem elften Festspieljahrgang feiern.

56 Veranstaltungen an 22 Spielstätten sind geplant. 46 000 Tickets sind im Angebot. Drei Projekte haben direkten Bezug zum Bauhaus, viele andere indirekten. So wird der russische Ausnahmepianist Nikolai Tokarev Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ spielen – begleitet von einer Videoinstallation, die an eine legendäre Inszenierung dieser „Bilder“ von Wassily Kandinsky von 1928 für das Friedrich-Theater Dessau erinnert. „Klang sehen und Farben hören“ sei auch möglich beim Gastspiel des Bayerischen Junior Balletts München mit dem „Triadischen Ballett“ Oskar Schlemmers von 1922.

Er habe bewusst wieder Veranstaltungen herausgesucht, die Empathie erzeugen können. „Musik vermag uns glücklich zu machen – uns Künstler, uns Zuschauer.“ Fürwahr dürften viele Offerten schon im Vorfeld die Herzen erwartungsfroh schlagen lassen. So wird der Dresdner Superbass René Pape mal wieder zu erleben sein. Er gestaltet mit dem Festspielorchester die Eröffnung. Weitere Stars wie den Dirigenten Daniel Barenboim, die Geigerin Anne-Sophie Mutter, den Cellisten Yo-Yo Ma, den Pianisten Jan Lisiecki und den Geiger Joshua Bell konnte das Festival-Team für Dresden buchen. Renommierte Orchester wie die Staatskapelle Berlin, den Klangkörper des St. Petersburger Mariinsky-Theaters und die Wiener Philharmoniker bringen große Sinfonik in den neuen, tollen Saal des Kulturpalastes. Für jazzige Klangfarben und ein anderes Publikum sorgen unter anderem Nils Landgren und Freunde. Populär Neues wie die Mitmachaktion für Laien und Semiprofis „Klingende Stadt“ und beliebte Dauerbrenner wie „Dresden singt und musiziert“ vervollständigen die Festival-Vorhaben.

Dank großzügiger Sponsoren ist manch Extra möglich. So hilft die Ostsächsische Sparkasse, eine ungewöhnliche Uraufführung zu realisieren. Drei Komponisten – ein Amerikaner, ein Japaner und der Deutsche Sven Helbig – schreiben gemeinsam ein Cello-Konzert für Vogler – jeder hat einen Satz: „Sie werden sich nicht absprechen, keine Ahnung, wie das klingt, ob es tatsächlich ein Konzert wird oder eher drei“, sagt der Auftraggeber. „Mit Visionen im Kopf liegt einem die Welt zu Füßen“, sagt Andreas Rieger vom Sponsor.

Vogler liegt vor allem das Publikum zu Füßen. Seine Festivals kommen an, sind international konkurrenzfähig. Auch wirtschaftlich ist das Dresdner Klassikevent Spitze. Dank enormer Sponsorleistungen und stetig steigender Kartenerlöse sorgt es mittlerweile für mehr als 50 Prozent seines Etats selbst, was ungewöhnlich viel ist.

Freilich dürfte es diesmal wohl auch unschöne Szenen an der Vorverkaufskasse geben. Seitdem durchgesickert ist, dass der Gitarrengott Eric Clapton die Festspiele am 10. Juni mit einem Konzert im Kulturpalast beschließt, können sich die Kartenfrauen vor Anfragen nicht mehr retten. Dabei startet der Vorverkauf erst am 1. Oktober. „Wir werden versuchen, alles zu tun, dass alle Fans glücklich sind“, sagt Vogler, der Clapton mit seinen Cellokünsten so begeisterte, dass der eine spontane Einladung nach Dresden tatsächlich annahm. Vielleicht gibt es eine Liveübertragung auf den Altmarkt? „Die Details, auch über seine Lieder und ob er unplugged oder elektrisch verstärkt spielt, werden noch geklärt.“

Infos/Karten beim Besucherservice der Festspiele im Kulturpalast; Tel. 0351 65606700 oder per Mail: [email protected]