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Montag, 26.09.2011

Keine Lust auf Pfefferkuchen?

Gerhard Schiller sucht für eine Pfefferkuchenschau ein Museum in Schlesien oder der Lausitz. Doch noch scheitert das Vorhaben am fehlenden Geld.

Von Irmela Hennig

Nur ein Cappuccino. Mehr nimmt Gerhard Schiller nicht in dem kleinen Café am Rande von Jelenia Góras Marktplatz. Pfefferkuchen zum Kaffee wären hier auch schwer zu bekommen. Anders als in Deutschland sind Niederschlesiens Supermärkte noch nicht voll mit Weihnachtssüßkram. Und überhaupt, die goldenen Jahre des Pfefferkuchens sind hier eh lange vorbei. Gerhard Schiller, gebürtiger Rheinländer, der in Opole (Oppeln) lebt, ist einer der wenigen, der überhaupt noch Bescheid weiß über das, was in Schlesien einst richtig berühmt war. Schlesische Pfefferkuchen, das war lange ein Begriff in Westeuropa. In Museen von Jawor (Jauer), Wroc³aw (Breslau) und Œwidnica (Schweidnitz) gibt es noch einige alte Model.

Doch Krieg, Vertreibung und die Umsiedlung von Ostpolen an die Neiße mit ganz anderen Weihnachtsnaschtraditionen, haben das süße Gebäck aus den Backstuben, den Läden und den Mündern verschwinden lassen. Gerhard Schiller, 41 Jahre alt, hat sich allerdings auf Entdeckungstour gemacht. Seit fünf Jahren lebt der freiberufliche Historiker teilweise in Polen. Ist der Liebe wegen nach Oberschlesien gezogen. Hat fleißig Polnisch gelernt und ein Forschungsthema für sich entdeckt – den Pfefferkuchen.

Idee auf dem Friedhof

Kirchenbesuche brachten ihn auf das süße Brot. In einem Gotteshaus in Opole, in dem sonst alle deutschen Gräber verschwunden waren, fanden sich noch drei – ausgerechnet von Pfefferküchlern. Außerdem entdeckte er das Epitaph eines Pfefferküchlers in der Bischofskirche von Nysa (Neiße); ein einziger Handwerker bestattet unter lauter Bischöfen. Gerhard Schillers Neugier war geweckt. Er begann zu forschen. Und stieß bei seiner Recherche immer wieder auf Schlesien und auch auf die Oberlausitz. Absehen von der wohl ältesten „Pfefferzelten“-Erwähnung um 1100 im Kloster Tegernsee, stammen fast alle frühen Zeugnisse aus dieser Region. Jauer, Oppeln, Schweidnitz werden in Schriftstücken aus dem 13. Jahrhundert genannt. Überall kamen Pfefferküchlereien auf. Es gab Familienrezepte und schließlich den guten Namen. „Hier wurde das Neisser Konfekt erfunden, das einst so berühmt war wie das Lübecker Marzipan“, sagt Gerhard Schiller. Und denkt über die Gründe nach, die die Süßigkeit hier gedeihen ließen. „Der slawische Raum hatte schon früh viele Handelsbeziehungen, hier kamen exotische Gewürze an“, weiß der Historiker. Es gab genügend Wald fürs Zeidlerwesen, also zum Honigsammeln. Und – anders als in Westeuropa und dem arabischen Raum – wurde mit Roggenmehl gebacken. Gewürze, Honig, Roggenmehl sind die klassischen Pfefferkuchenzutaten.

Fakten, Bilder, Hintergründe – all dies hat Gerhard Schiller zusammengetragen. Doch damit gibt sich der Wahlschlesier nicht zufrieden. Er möchte sein Wissen zum Teil einer Ausstellung machen. Eine, die den Pfefferkuchen beleuchtet und besonderes Gewicht auf die Schlesische und die Lausitzer Tradition legt. Denn das, was es in Pulsnitz mit den Pfefferküchlereien und der Schauwerkstatt in Weißenberg gibt, suche seinesgleichen.

Interesse in Görlitz

Im Schlesischen Museum zu Görlitz kennt Museumsleiter Markus Bauer Schillers Idee. Er hält sie für gut und absolut passend für die Görlitzer Einrichtung. Eine fertige Ausstellung zu übernehmen oder zu zeigen sei problemlos machbar. „Aber wenn wir selbst Zeit und Geld in so ein Projekt stecken müssen...“. Markus Bauer spricht den Satz nicht zu Ende. Ergänzt aber, dass sein Museum langfristig plane. Bis 2014 sei man vor allem mit einem Projekt zum Oberlausitzer Adel beschäftigt. Ab 2015 gebe es wieder mehr freie Kapazitäten. Gerhard Schiller hat inzwischen auch zu anderen Museen Kontakt aufgenommen, hat in Jelenia Góra (Hirschberg), Jawor, Œwidnica nachgefragt. Hält Verbindung zum Haus Schlesien in Bonn, nach Hamburg und zur Alten Pfefferküchlerei in Weißenberg. Doch überall scheiterte sein Ansinnen bislang an den fehlenden Finanzen.

Aufgeben will er nicht. Schließlich gibt es Vorhaben, die Mut machen. Im polnischen Kargowa nordöstlich von Zielona Góra (Grünberg) will die Gemeinde, die eine lange Schokoladentradition hat, ein Schokomuseum aufbauen. In Partnerschaft mit dem Museum in Weißenberg. Der Konzern Nestlé, der in Kargowa ein Werk betreibt, ist mit im Boot. Vielleicht kann sowas ja Schule machen.