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Donnerstag, 11.10.2018

Keine Angst vor der Kontroverse

Von Dieter Paul Adomeit

Mit dem Andrang von Fachbesuchern hat am Mittwoch in Frankfurt die traditionsreiche Buchmesse begonnen. Höhepunkt des ersten Tages der weltgrößten Bücherschau war der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Er diskutierte mit der kroatischen Schriftstellerin Ivana Sajko und dem belgischen Autor Stefan Hertmans über die Verteidigung der Freiheit in „stürmischen Zeiten“. Angesichts der Bedrohungen durch den Populismus hat Steinmeier den Medien vorgeworfen, die Realität nicht richtig widerzuspiegeln. Die mediale Darstellung erwecke derzeit den Eindruck, als sei Deutschland schon nahezu von denen beherrscht, die die Demokratie zu Fall bringen wollten, sagte Steinmeier am Mittwoch auf der Frankfurter Buchmesse. Es gebe „eine Normalität, über die wir eigentlich miteinander gar nicht reden“. Das gelte für Deutschland und ganz Europa. Steinmeier wies in der Diskussion mit den zwei Autoren darauf hin, dass Hunderttausende von Menschen ehrenamtlich oder als Kommunalpolitiker „täglich unspektakulär“ dafür sorgten, „dass Menschen in diesem Lande gerne leben“. Es gehe nicht darum, die „neue Faszination“ für das Autoritäre in vielen Ländern Europas schönzureden. Demokraten seien aber nicht wehrlos. Steinmeier forderte, den verloren gegangenen Dialog in der Gesellschaft wiederaufzunehmen. „Wir müssen die Angst verlieren vor der Kontroverse.“ Der belgische Autor Stefan Hertmans sagte, Europa müsse sich wieder um eine positive Haltung bemühen und den Menschen Hoffnung geben. Populisten hätten außer Hetze und Hass keine Antwort auf die wichtigen Fragen.

In Osteuropa habe das Misstrauen gegen die politischen Institutionen auch zu einem generellen Verlust an Respekt für die Kultur geführt, sagte die kroatische Autorin Ivana Sajko. Literatur könne den Menschen, die sich nicht mehr gehört fühlten, mit individuellen Geschichten eine Stimme verleihen.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat derweil die Einführung eines „Deutschen Verlagspreises“ angekündigt. „Angesichts der angespannten Situation gerade kleinerer und anspruchsvoller Verlage wollen wir ein Zeichen für literarische Vielfalt setzen“, sagte Grütters. Der neue Preis solle die Bedeutung unabhängiger Verlage stärker sichtbar machen. Dieser Preis soll aus „Spitzenpreisen sowie einer mittleren zweistelligen Zahl von Förderpreisen“ bestehen. Das Gesamtbudget soll bei einer Million Euro jährlich liegen. Grütters reiste anschließend nach Frankfurt, um die Buchmesse zu besuchen, wo sie die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises, Inger-Maria Mahlke, traf.

Ebenfalls am Mittwoch stellte Thilo Sarrazin sein Buch „Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ vor. Er habe dafür den Koran in deutscher Übersetzung „von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen“, sagte er. Eine Debatte über die Thesen seines Buches gab es auf der Messe nicht, Fragen durften nicht gestellt werden. (dpa)

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