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Freitag, 23.02.2018

Kampf um den Westen

Schon oft gaben sich die Feinde der Demokratie als deren wahre Verteidiger aus.

Von Michael Bittner

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Michael Bittner
Michael Bittner

© Ronald Bonß

Als 1990 die DDR der BRD beitrat, waren die meisten Beobachter überzeugt davon, die deutsche Frage sei nun beantwortet. Das wiedervereinigte Deutschland habe seinen historischen Sonderweg verlassen und sei endgültig im Westen angekommen, der überhaupt bald die ganze Welt nach seinem Bilde umgestalten werde. Das Ende der Geschichte schien nah.

Diese frohgemuten Prophezeiungen erscheinen uns heute blauäugig. Nicht nur trotzen autoritäre Staaten auf der ganzen Welt der bröckelnden Macht des Westens. Es zeigt sich gerade auch deutlich, was eigentlich schon immer galt: Der Westen selbst ist nicht nur der Westen, er ist auch sein Gegenteil. Die zwei wesentlichen Ideen der westlichen Zivilisation sind die Gleichheit der Menschen an Würde und Rechten sowie die Demokratie als politische Selbstbestimmung der Bürger. Aber diese Ideen waren und sind umkämpft. Sie existierten oft nur als schöner Schein, weil tatsächlich allein reiche, weiße Männer regierten und sich um die Rechte der Frauen, der Armen und der Sklaven einen Dreck scherten.

Es fehlte nicht an Ideologen, die diesem Handeln auch eine Rechtfertigung lieferten: Die Menschen seien eben nicht gleich, der Kampf ums Dasein lese eine Elite aus, die zur Herrschaft berufen sei. Die Natur habe auch die Völker auf unterschiedliche Plätze und Ränge verwiesen, die einen zu Herren und die anderen zu Dienern bestimmt. Jede Mischung zwischen ihnen sei von Übel. In kaum einer Kultur wurde der Kampf zwischen denen, welche für Gleichheit und Demokratie und denen, die für Blut und Diktatur stritten, so erbittert ausgetragen wie in der deutschen.

Im Nationalsozialismus erlebte alles, was der westlichen Zivilisation widersprach, seinen zeitweiligen Triumph. Schon damals gaben sich die Feinde des Westens mit Vorliebe als dessen wahre Verteidiger aus, so wie heute wieder die frustrierten alten Männer der „Alternative für Deutschland“.

Unsere völkischen Nationalisten behaupten gerne, wer ihnen entgegentrete, sei vernarrt ins Fremde und verachte „das Eigene“. Wir sollten ihnen gelassen und fröhlich erwidern: Euer „Eigenes“ ist nicht unser Eigenes, eure „Kultur“ ist nicht unsere Zivilisation, euer „Abendland“ ist nicht unser Europa. Wir bekämpfen nicht das Eigene, wir bekämpfen euch!

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. So gesagt

    Wer "Euer" und "Unser" schreibt, hat offenbar Spaß an der Spaltung der Gesellschaft. Wer eine demokratisch gewählte, dem Deutschen Bundestag angehörende Partei mit den Nationalsozialisten des Dritten Reiches auf eine Stufe stellt, hat offenbar Spaß an der Diffamierung ganzer Bevolkerungsgruppen. Wer den Kampf und nicht die zivilisierte Auseinandersetzung sucht, hat offenbar Spaß an der Aufwiegelung verschiedener Gruppen der Gesellschaft. Somit lautet das Fazit für diese Kolumne: Hetze. (Glück für Herrn Bittner, das er 1. eine Kolumne veröffentlicht und 2. nicht auf Facebook...)

  2. Berg

    Der Autor geht von "Westen-Osten" aus und bleibt dabei. In Deutschland spielte sich aber etwas anderes ab, nämlich die Beendigung eines Versuches Sozialismus in einem Teil Deutschlands und übernahme der kapitalistischen Gesellschafts und Wirtschaft. Weder Kapitalismus noch Sozialismus kommen in dem Aufsatz vor. Der heutige Zustand mt in Grundbüchern eingetragene Besitzst#ände sind die Hauptursache der Ungleichheiten - prinzipiell aber gesetzmäßig nach dem Gesellschaftsgesetz Kapitalismus. Das kann man nicht mehr mit Westen und Osten verorten. - Dieser Begriff Demokratie ist (wie auch der Begriff Soziale Marktwirtschaft) eine Bemäntelung zur Beruhigung der Bürger. Keine aller dieser demokratisch gewählten Regierungen kann das Wirtschafts-und Gesellschaftsgesetz Kapitalismus außer Kraft setzen: Ellenbogen, Konkurrenz, Clevere/Gewinner-Dumme/Verlierer usw. - Die AfD sammelt die aus Benachteiligten und verspricht ihnen eine bessere Zukunft. Wie - das hat noch niemand sagen können.

  3. @2

    Schön viel geschrieben, aber leider am Thema vorbei. Auch im Westen gibt es Gegenden mit einem hohen AfD-Wahlergebnis, somit ist das kein Ost-West Problem. Das Thema des Herrn Bittner ist doch eher, dass er seine Sicht der deutschen Verhältnisse als die allein gültige Doktrin begreift und gegenteilige Auffassungen und Meinungen glaubt "bekämpfen" zu müssen. Sein Leitspruch ist: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns." (Übrigens: Auch zu DDR-Zeiten gab es Grundbücher, in welchen die Besitzverhältnisse eingetragen waren.)

  4. Moritzburger

    Sehr gut erkannt Herr Bittner. Der Nationalsozialismus ruhte auf vier ideologischen Säulen. Anti-westlich, antikapitalistisch, antisemitisch und betonhart nationalistisch bzw. völkisch. Große Preisfrage: Welche Partei kommt diesen vier tragenden Säulen immer näher? Richtig, fängt mit A an und hört mit D auf. Das Merkmal antisemitisch wird ergänzt/variiert mit anti-islamisch. Wenn man sich aber manche Äußerungen von Vertretern dieser Partei zum „Weltfinanzjudentum“ (heute. Soros und die NGOs), Bilderbergern etc. anhört, sind die wieder auf dem gleichen Trip. Das Ende ist hoffentlich noch bekannt.

  5. so ä dresdner

    @1: wer damit nicht umgehen kann dass das Volk gespalten über verschiedene Dinge ist sondern gerne hätte dass alle mit einer Stimme sprechen ist offenbar ein Fan der "Volksgemeinschaft" und ähnlicher Zwangskollektive.

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