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Samstag, 23.12.2017

Käsereibe, so groß wie ein Schrank

In Leipzig rücken Mona Hatoum und Ayse Erkmen das Museum für bildende Künste in neues Licht.

Von Sarah Alberti

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Man muss schon ein Fakir sein, wenn man sich auf Mona Hatoums „Daybed“ entspannen wollte. Auch ihr „Paravent“ hat Charme. Seinen Zweck als Möbelstück könnte er nur bedingt erfüllen. Als Kunstwerk ist er mehr als nur ein Hingucker. Es geht um Überwachung und Kontrolle.
Man muss schon ein Fakir sein, wenn man sich auf Mona Hatoums „Daybed“ entspannen wollte. Auch ihr „Paravent“ hat Charme. Seinen Zweck als Möbelstück könnte er nur bedingt erfüllen. Als Kunstwerk ist er mehr als nur ein Hingucker. Es geht um Überwachung und Kontrolle.

© dotgain.info © Mona Hatoum

  • Man muss schon ein Fakir sein, wenn man sich auf Mona Hatoums „Daybed“ entspannen wollte. Auch ihr „Paravent“ hat Charme. Seinen Zweck als Möbelstück könnte er nur bedingt erfüllen. Als Kunstwerk ist er mehr als nur ein Hingucker. Es geht um Überwachung und Kontrolle.
    Man muss schon ein Fakir sein, wenn man sich auf Mona Hatoums „Daybed“ entspannen wollte. Auch ihr „Paravent“ hat Charme. Seinen Zweck als Möbelstück könnte er nur bedingt erfüllen. Als Kunstwerk ist er mehr als nur ein Hingucker. Es geht um Überwachung und Kontrolle.
  • Wie kommt die Granate ins Museum? 90 Keramikobjekte hat Ayse Erkmen zu ihrer Arbeit „PMDF-1 and others“ zusammengefügt.
    Wie kommt die Granate ins Museum? 90 Keramikobjekte hat Ayse Erkmen zu ihrer Arbeit „PMDF-1 and others“ zusammengefügt.

Ein Geschenk sei diese Ausstellung für ihn, sagt Alfred Weidinger, seit August Direktor des Museums für bildende Künste in Leipzig. Die Ausstellung Displacements/Entortungen von Ayse Erkmen und Mona Hatoum war seit 2015 geplant und mehrfach verschoben worden. Vermutlich auch, weil sie Weidingers Vorgänger nicht so richtig in den Kram, sprich ins Programm passte. Es sei Kunst wie diese, der er künftig in Leipzig eine Heimstätte bieten wolle, betont nun der Neue.

Kunst wie diese, das sind im Fall von Mona Hatoum und Ayse Erkmen Werke, die auf den Ort reagieren. Identität, Selbstbestimmung und Macht sind ihre Themen. So treffen Besucher am Ende der steilen Treppen ins Untergeschoss des Museums auf einen schwebenden Kubus: Dünne Metallstangen hängen an Angelschnüren über dem Boden, geometrisch-mathematisch schön ist Hatoums Impenetrable, nur das Material bricht den ersten Eindruck – es ist feiner Stacheldraht, der an Zäune, Grenzen und Gefangenschaft denken lässt. Daneben eine mit neonfarbenen Schnüren durchzogene Weltkugel, 13 Stahlgerüste, die an Fünffach-Stockbetten in Lagern erinnern, ein Werbemotiv aus dem Jahr 1988, das die Künstlerin mit einem Spielzeugsoldaten auf der Nase zeigt. Hatoums Arbeiten verhandeln Überwachung, soziale Kontrolle und Krieg.

Grün dominiert

Weniger klar zu decodieren sind die Werke von Ayse Erkmen, die eher auf das visuelle, ja körperliche Erleben setzen: Unter 22 farbigen Glasscheiben, die vor Strahlern montiert sind, verfärbt sich das Notizblatt der Autorin. Gleich einem überdimensionalen gotischen Kirchenfenster werfen sie ein Farbmeer auf den grauen Fußboden. Grün dominiert Erkmens Hauptraum, in dem ältere Arbeiten platziert sind, etwa ein Ziegelsteinhaufen mit hineingerammter Neon-Röhre oder ein Vorhang aus mit ihrem eigenen Namen versehenen Bändern. Subtiler als bei Hatoum geht es hier um Wahrnehmung, die Verortung des Individuums im großen Ganzen, aber auch um die Schönheit des Schrecklichen, etwa wenn Handgranaten animiert als froschgrüne Objekte über Bildschirme flimmern.

Ayse Erkmen, Jahrgang 1949, pendelt seit 1993 zwischen Berlin und ihrer Heimatstadt Istanbul. Auch Hatoum hat biografische Erfahrungen mit der Entortung: 1952 in Beirut geboren, lebt sie seit 1975 in London. Der Ausbruch des Bürgerkriegs im Libanon machte eine Rückkehr damals unmöglich. Es ist die erste Dialogausstellung der beiden Künstlerinnen, die sich durch diverse Gruppenausstellungen schon lange kennen. In Leipzig bespielen sie nun das Untergeschoss. Ein Dialog, der funktioniert. Es war auch unter dem langjährigen Direktor Hans-Werner Schmidt ein wiederkehrendes Regiemoment, Kunst in Sonderausstellungen „dialogisch zu präsentieren“, um zu erwirken, dass sich das Gezeigte „gegenseitig kommentiert“. Doch der Talk blieb mitunter unverständlich, etwa als im Herbst 2013 weibliche Akte mit Konsumprodukten und Tieren von Mel Ramos auf Werke von Richard Müller und dessen nationalsozialistisch geprägte Biografie trafen und obendrein noch Wolfgang Joops bestickte Schimpansenbilder an der Wand hingen. Hörbar atmen die Räume nun durch, so ganz ohne die sonst für Sonderausstellungen – darunter in den vergangenen Jahren auch Highlights, etwa Via Lewandowsky, Paul Klee oder Bernini – nötigen Extrawände und Struktur gebenden farbigen Flächen.

Mona Hatoum und Ayse Erkmen, sie treten nicht nur miteinander in Dialog, sie kommen auch ins Gespräch mit dem Haus und motivieren insbesondere die Leipziger dazu, mal wieder eine Runde durch die Sammlungspräsentation zu drehen: Im zweiten Obergeschoss trifft man hinter einer auf die Dimensionen einer Museumsbank vergrößerten Käsereibe – Hatoums Daybed – den heiligen Hieronymus, der glaubt, die Posaunen des Jüngsten Gerichts zu hören. Und im Innenhof hängen fünf unterschiedlich große Stoffmodelle desselben, die davon zeugen, dass Ayse Erkmen die Räume des Museums auf sich hat wirken lassen: „Das Haus hat eine übertriebene Höhe und man fühlt sich sehr klein darin“, erklärt sie. „Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist, aber man kann diese gegebene Architektur nicht ignorieren.“

Eine Aussage, die Direktor Alfred Weidinger aus dem Herzen sprechen dürfte. Schon für seine erste Ausstellung im Oktober lud er den Chinesen Wang Qingsong ein, eine der überdimensionalen Wandflächen des Hauses zu bespielen. Im nächsten Jahr sollen sich wohl Ai Weiwei und Yoko Ono den Herausforderungen des Gebäudes stellen. Bleibt zu hoffen, dass sich das Museum in den kommenden Jahren wieder stärker da verorten wird, wo es hingehört: mitten hinein in die deutsche Museumslandschaft.

„Ayse Erkmen & Mona Hatoum: Displacements/Entortungen“, Museum der bildenden Künste Leipzig, bis 18. Februar 2018, geöffnet Di, Do – So 10 – 18 Uhr; Mi 12 – 20 Uhr; Feiertage 10–18 Uhr. Am 24. und 31. Dezember geschlossen.

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