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Dienstag, 12.05.2009

Kader, Spitzel und Komplizen

Ein Buch wiederholt alte IM-Vorwürfe gegen Ludwig Güttler, der diese abstreitet. SPD-Politiker Karl Nolle will dem Startrompeter Orden und Titel aberkennen.

Von Bernd Klempnow

Alles neu macht der Mai – zumindest wiederholt seit wenigen Tagen ein neues Buch uralte IM-Vorwürfe gegen den Dresdner Trompeter und Frauenkirchen-Engagierten Ludwig Güttler. In der Birthler-Behörde sei neues, Güttler belastendes Material auf 19 Seiten aufgetaucht, schreiben die Autoren der Publikation „Vorwärts und vergessen – Kader, Spitzel und Komplizen: das gefährliche Erbe der SED-Diktatur“, die im Rowohlt Verlag erschienen ist. „Diese Unterlagen runden das Bild ab“, wird die Behörde zitiert: „Nach archivischer Betrachtungsweise handelt es sich dabei eindeutig um Unterlagen zu einem Inoffiziellen Mitarbeiter.“

Die Aktenlage seit 1992 klar

Ludwig Güttler bestritt auch gestern im SZ-Gespräch, wie stets seit dem Auftauchen seiner Akten 1992, jemals für das Ministerium für Staatssicherheit gespitzelt zu haben. Die Birthler-Behörde bestätigte ihre Aussage: „Wir stufen das Material nur nach unseren Erfahrungen ein. Ein Urteil fällen wir nicht“, sagt die Berliner Sachgebietsleiterin Sabine Schiffner. Sie fügt hinzu: „Wesentlich Neues bieten die jetzt zitierten Papiere nicht – der Aktenbefund ist seit den 1990er-Jahren klar.“

Was sagen die Akten: Es gibt zum einen eine IM-Akte „Friedrich“, die vom Dresdner Stasi-Offizier Hans Erlach von März 1979 bis Januar 1983 geführt worden war. Sie wurde wegen mangelnder „effektiver inoffizieller Zusammenarbeit“ geschlossen. Diese Akte benennt Treffs, Gespräche und Geschenke – nachzulesen auf gut 170 freigegebenen der über 260 Seiten.

Was fehlt, sind die abschließenden Beweise für eine aktive IM-Tätigkeit. Es gibt keine Verpflichtungserklärung, zu einigen beschriebenen Treff-Terminen war Güttler auf Tournee im Ausland, und zwei handschriftliche Papiere sind laut grafologischem Gutachten nicht vom Beschuldigten. „Drei Anwerbungsversuche gab es“, wiederholt der Künstler. „Auf die Anwerbung bin ich nicht eingegangen, habe mich stattdessen über die ungenügende Ausbildung des Musikernachwuchses beschwert.“ Dafür gibt es Opferakten, in denen nachzulesen ist, dass zeitweise 20 Spitzel den Trompeter bis Ende 1989 ausspioniert haben sollen.

Aber in der IM-Akte taucht zweimal der Schriftzug „Friedrich“ auf, der Güttlers Handschrift zuzuordnen ist. Der heute 65-Jährige spricht von einer Fälschung, „indem die Anrede meines langjährigen Kollegen Friedrich Kircheis übertragen oder kopiert worden ist. Merkwürdig ist, dass diese Dokumente nur als Reproduktion von verfilmtem Material vorliegen.“ Einer, der alles weiß oder wissen müsste, ist Hans Erlach, Jahrgang 1938, der ab 1972 beim Ministerium für Staatssicherheit in Dresden gearbeitet hatte. Er bestritt bereits am 26. November 1992 in Dresden vor Journalisten eine „IM-Tätigkeit und richtige Zusammenarbeit“ von Güttler. Er habe zwar die Akte angelegt und sachliche Gespräche geführt. Der Musiker habe „nie Einschätzungen über Personen gegeben“ und „nie einen einzigen Zettel unterschrieben. Er hat nie jemanden belastet.“ Erlach 1992: „Ich habe die Akte an höhere Offiziere geben müssen. Ich weiß nicht, was die damit gemacht haben.“

Die 16 Jahre alten Vorwürfe aus dem Buch „Vorwärts und vergessen“ greift der sächsische SPD-Landtagsabgeordnete Karl Nolle jetzt auf. Der Politiker fordert in sieben Kleinen Anfragen an die Landesregierung Auskunft, wie jemand bei einer angeblichen Stasi-Verstrickung wie Güttler 2007 das Bundesverdienstkreuz erhalten konnte, und ob Orden sowie Professoren-Titel in solchem Fall nicht abzuerkennen seien.

Der Bundespräsident klärt gut

Fakt ist: Der Freistaat Sachsen, der Güttler unter anderem für sein Engagement beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche für das Verdienstkreuz vorschlug, hatte den auszeichnenden Horst Köhler informiert. Ein Sprecher des Bundespräsidenten: „Vor der Vergabe staatlicher Ehrungen findet grundsätzlich ein umfassender Prüfungs- und Abwägungsprozess statt.“ Im konkreten Fall sei „die Existenz einer Stasi-Akte auch der breiten Öffentlichkeit bekannt“ gewesen.