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Mittwoch, 28.02.2018

„Jetzt steht der Frieden im Regen“

Uwe Steimle hat seine Schirmherrschaft für die Ökumenische Friedensdekade wieder verloren. Der Kabarettist fühlt sich falschen Behauptungen ausgesetzt.

Von Fabian Schröder

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Der Kabarettist Uwe Steimle verliert die Schirmherrschaft der Ökumenischen Friedensdekade. Dabei hatte er dieses Amt als Chance gesehen, sich zu bewähren.
Der Kabarettist Uwe Steimle verliert die Schirmherrschaft der Ökumenischen Friedensdekade. Dabei hatte er dieses Amt als Chance gesehen, sich zu bewähren.

© Archiv: Sven Ellger

Dresden. In der Bibel spielt die Zahl 10 eine wichtige Rolle. An vielen Stellen der Heiligen Schrift bringt sie die Verantwortlichkeit des Menschen vor Gott zum Ausdruck. Uwe Steimles Schirmherrschaft für die Ökumenische Friedensdekade ließ sich in diesem Zusammenhang offensichtlich für die Organisatoren des zehntägigen Kirchenfestes nicht halten. Nachdem es Anfang der Woche reichlich Wirbel in sozialen Medien um die Benennung des Kabarettisten zum Botschafter des Friedensfestes gab, kommt jetzt die Rolle rückwärts.

„Ich habe gerade den Anruf bekommen, dass meine Schirmherrschaft zurückgezogen wird“, erklärt Uwe Steimle am Mittwochmorgen der SZ. „Das ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten“, kopfschüttelt es aus dem streitbaren Humoristen heraus. Die Organisatoren bestätigen die Entscheidung und verweisen auf eine mittags veröffentlichte Pressemitteilung. Demnach habe man trotz unterschiedlicher Bewertung einiger in Teilen als „grenzwertig oder auch als grenzüberschreitend angesehenen Aussagen“ von Steimle diesen Entschluss gefasst. Steimle, so heißt es, würde offenbar die politische Polarisierung der Gesellschaft befördern und sei deshalb dem Gesamtanliegen des Festes nicht zuträglich.

Die Ernennung Steimles zum Schirmherren der Friedensdekade, die alljährlich im Vorfeld des Buß- und Bettages auf bis zu 4 000 Einzelveranstaltungen bundesweit Menschen für Konflikte in der Gesellschaft, Frieden und Gerechtigkeit sensibilisieren will, wurde kontrovers diskutiert. Vor allem auf Twitter und Facebook regten sich Widerstand und Kritik. Der Dresdner Künstler stehe Pegida nahe, verstecke in seinen Programmen antisemitische Äußerungen und sei fremdenfeindlich, hieß es. Auch ein Foto, auf dem Steimle ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ami go home“ trägt, machte auf Twitter die Runde. Vertrieben wird das Shirt vom rechtspopulistischen Magazin „Compact“.

Die Friedensdekade knüpft an die vielen elektronischen Wort- und Bildmeldungen an: Knackpunkt sei, dass Steimles Äußerungen „keine eindeutige Distanzierung von rechtspopulistischen Positionen bzw. der Pegida-Bewegung erkennen“ lassen würden. „Verlautbarungen über Israel und die USA seien einseitig, würden der Komplexität nicht gerecht und ließen die Grenze zu antiamerikanischen und antisemitischen Positionen verschwimmen“, urteilt es im Pressetext.

Steimle empfindet trotz der Absage des Kirchenfestes keinen Groll. „Es tut mir leid, aber ich bin nicht böse. Vielleicht findet sich ja ein neuer guter Schirmherr des Friedens“, sagt er. Ärgern würde ihn aber, dass sich „falsche Behauptungen über mich damit verfestigt haben.“ So hatte er noch am Dienstag bekräftigt, nicht mit Pegida zu sympathisieren oder jemals auf eine Veranstaltung der Dauerdemonstranten gegangen zu sein. „Aber ich finde, dass man mit allen Menschen auf allen Seiten reden muss. Dieser Hass in unserer Stadt ist nicht gut“, kommentierte er seine Haltung zum Vorwurf der angeblichen Nähe zu der Protestbewegung.

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Für den Kabarettisten ist die Aberkennung der Schirmherrschaft sicher verschmerzbar. Doch der Fall reiht sich in eine Verkettung zumindest unglücklicher Umstände und Entscheidungen ein. So muss es Steimle laut Urteil des Meißner Amtsgerichts im November aushalten, als „völkisch-antisemitischer Jammerossi“ bezeichnet zu werden. Zuletzt gab es auch Verwirrung um einen Beitrag aus der Fernsehsendung „Steimles Welt“. Darin hatte der Komiker davon erzählt, dass ihm eine Frau gesagt habe, im Freiberger Dom würden „‚die‘ hinter den Altar kacken“. Auf Nachfrage, wer „die“ seien, habe die Antwort „Na wer wohl?“ gelautet. Im Internet verbreitete sich daraufhin über einschlägige Portale und Social-Media-Accounts die „Nachricht“, dass Flüchtlinge dahinter stecken würden.

In das Bild der Friedensdekade passt all das nicht wirklich, wenngleich sich Steimle jetzt missverstanden fühlt. Die Organisatoren zogen dennoch die Handbremse. Jan Gildemeister, Vorsitzender der Ökumenischen Friedensdekade e. V, stellt nun fest: „Wir hätten im Vorfeld der Entscheidung besser recherchieren müssen.“ Erst die Rückmeldung durch Partner im Dresdner Umfeld hätten auf die mit der Person Steimle verbundenenen Unwägbarkeiten aufmerksam gemacht. „Dabei hatte ich die extra gefragt: ‚Sie wissen doch, worauf Sie sich mit mir einlassen‘“, sagt Steimle, der jetzt ohne Schirmherrschaft den Frieden im Regen stehen sieht.

Kritiker Steimles fühlen sich durch die Absetzung bestätigt. Dafür nehmen jetzt Gegner der Entscheidung das Kirchenfest ins digitale Fadenkreuz. So wittert etwa der Dresdner AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Maier einen Eingriff „von oben herab“ in die Meinungsfreiheit und wirft den Kirchen vor, sie würden „ein böses Schindluder“ mit Steimle treiben. Dass die Friedensdekade in diesem Jahr ausgerechnet unter dem Motto „Krieg 3.0“ steht, hebt die ganze Diskussion um den Kabarettisten zumindest ein bisschen in den Kontext der Veranstaltung. Wenngleich es den Kirchenvertretern weniger um die Gefahr von Social-Media-Aktivitäten geht, sondern der eines möglichen dritten Weltkriegs und einer Digitalisierung der Kriegsführung durch Drohnen und Roboter.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 61 Kommentare

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  1. Egbert

    Weiter so Herr Steimle. Solange Menschen wie Obama den Friedensnobelpreis oder ein George Soros einen Preis für Menschenrechte bekommen (https://www.welt.de/regionales/nrw/article173964299/Menschenrechtspreis-fuer-US-Geschaeftsmann-George-Soros.html) muß man sich nicht anbiedern. Lieber "streitbar" bleiben, den "Aufstand der Anständigen" fordern, als in der Masse der merkwürdigen Belanglosigkeiten untergehen.

  2. Horst

    Wenn Steimle sich WIRKLICH missverstanden fühlt, dann sollte er vielleicht mal ernsthaft über seine kruden Auftritte und Aussagen nachdenken. Vielleicht erkennt er dann, dass nicht alle, die seine Gedanken nicht teilen, ihm automatisch etwas Schlechtes wollen. Ansonsten ist das mit den "gefühlten Fakten" eben so eine Sache...

  3. Kirche im Abstieg

    Wie blöde und uninformiert müssen die Verantwortlichen in der Kirche sein. Mir wurde 1984 mein Anorak in der Schule zerschnitten, weil ich das Symbol"Schwerter zu Pflugscharen" aufgenäht hatte. ..und jetzt ernennt man diesen „völkisch-antisemitischen Jammerossi“ zum Schirmherren. Ein Skandal und eine Beleidigung für alle, die zu DDR Zeiten tapfer dieses Anliegen vertreten haben. Es reicht! Diese Kirche werde ich verlassen!

  4. Robert Lorenz

    Man muss sich wirklich fragen, mit was für einem Arbeitsverständnis die Entscheidungsträger der Friedensdekade ans Werk gehen. Steimle hat sie tatsächlich sogar selbst quasi vorgewarnt?! Und nun ist man plötzlich überrascht von der erwartbaren und meiner Meinung nach auch berechtigten Kritik an dieser Personalie? Herrjehmineh.

  5. Joachim Herrmann

    So ist es, wenn man bestimmten "Menschen" in bestimmten "Medien" die Herrschaft überlässt. Die Verantwortlichen kannten Steimle nicht- na aber hallo- man könnte sich ja mal informieren?! Klar, dass der Sänger der "Kehre" bei Manchem ob seiner Texte und Meinungen auf unfähige Ohren und Geist stößt. Wer aber lieber keilt, als zu reden- und zwar mit denen, mit denen man noch reden kann, sollte sich hinter dem Ofen verkriechen. Zudem sollte man zwischen Kabarettist und Klaumakist (davon gibt es zu Viele!) wohl unterscheiden und dem, was Steimle so trefflich über Stände, Zustände und Gegebenheiten in unserer Jetztzeit zu sagen hat. Auch sind seine "Glossen" über die DDR und Wende schon vielen Erfahrungen geschuldet, die Manchem nicht passen. Übrigens, wer Steimle auslädt, hat Steimle auch nicht verdient. Schlimm ist trotzdem, was sich im "Mainstream" so abspielt und wie "hörig" man dem hinterher läuft. Beschäftigung führt zu Wissen und manchmal auch zu Erkenntnissen- die scheint zu fehlen?!

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