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Freitag, 01.06.2018

„Jetzt mach’ ich auf Sprecher“

Peter Schreier lag lange auf der Intensivstation. Nun rappelt er sich wieder hoch und tritt bei seinem Schumann-Fest auf.

Von Bernd Klempnow

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„Ich lass mich immer wieder zu Auftritten überreden. Aber eigentlich brauche ich die Zeit für meine Gärten in Dresden und Kreischa“, sagt Peter Schreier. Und eigentlich müsste er erst einmal seinen Rücken kurieren.
„Ich lass mich immer wieder zu Auftritten überreden. Aber eigentlich brauche ich die Zeit für meine Gärten in Dresden und Kreischa“, sagt Peter Schreier. Und eigentlich müsste er erst einmal seinen Rücken kurieren.

© Ronald Bonß

Peter Schreier hat Humor. „Ich lag im Frühjahr mit dieser fiesen Grippe vier Wochen auf der Intensivstation“, sagt der 82-Jährige. „Es stand offenbar auf Kippe, denn verdächtig viele Leute besuchten mich. Noch mal Schreier sehen! Aber so einen Abgang wollte ich nicht.“ Also rappelte er sich wieder hoch. Gerade kommt er von der medizinischen Kur in Kreischa. Mithilfe der Kunst will er sich in Kreischa und Reinhardtsgrimma noch weiter aufpäppeln. Er leitet dort die 10. Schumanniade, die vom 22. bis 24. Juni stattfindet. Das kleine Fest soll an die ungemein kreativen Aufenthalte von Clara und Robert Schumann in der Region 1849 erinnern. Das Besondere des diesjährigen Festivals: Der Musiker, der sich als Sänger Ende 2005 und eigentlich auch als Dirigent von der Bühne verabschiedet hatte, tritt beim Abschlusskonzert noch einmal auf – als Sprecher.

„Ich weiß, was Sie jetzt denken“, sagt er: „Der Alte kann nicht mehr singen, also macht er auf Sprecher.“ Er wollte eigentlich keinen Auftritt mehr, „weil das doch immer eine Belastung ist“. Dabei sind es nicht die Nerven, die flattern. Peter Schreier hat seit Jahren mit dem Rücken Probleme. Kein Arzt konnte ihm bisher helfen. Medikamente tun es auch nur bedingt. Morgens braucht er derzeit Stunden, um in die Gänge zu kommen. Aber er sagt: „Ich bin kein Typ, der so ’ne Sachen auslebt. Gehenlassen gibt es bei mir nicht.“

„Ich verbeuge mich vor den Damen“

Sein Freund, der Starpianist Sir András Schiff, weiß um diese Stehauf-Qualitäten. Er, der sonst in Metropolen spielt und nur Schreier zuliebe immer wieder ins Schloss Reinhardtsgrimma kommt, wünschte sich für die Schumanniade dieses letzte gemeinsame Duo. Sie interpretieren die Davidsbündlertänze vom jungen Robert nach Melodramen von Friedrich Hebbel. Die Texte kann Schreier nicht frei nach Belieben sprechen, sie sind in den Klavierstücken rhythmisch präzise vorgegeben. Das sei eine Herausforderung. „Ich freue mich auf die Schumanniade, weil ich wieder mal ein bisschen mehr von der musikalischen Welt mitkriege.“

Der ehemalige Kruzianer und einst über Jahrzehnte weltweit gefeierte Tenor hat für sich selbst wie fürs Festival Neues entdeckt – nämlich Lieder von Clara Schumann, Fanny Mendelssohn und Pauline Viarot. Die Sopranistin Miriam Alexandra gab den Tipp und wird sie im Eröffnungskonzert singen.

Diese Kompositionen vor allem von Pauline Viarot (1821 – 1910), die eine der vielseitigsten Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts war, offenbarten Schreier ein musikalisches Genie. „Ihre Lieder fühlen sich an wie die von Hugo Wolf. Diese Farben, diese Kraft.“ Es sei unglaublich, dass diese Frau, die von Richard Wagner wie Theodor Storm geschätzt worden war und der Camille Saint-Saëns seine Oper „Samson et Dalila“ gewidmet hatte, nicht populärer sei. Nur Insider würden ihren Namen kennen. Doch auch, was von Clara und Fanny zu hören sein wird, dürfte für viele neu sein. Man habe diese Lieder damals offiziell einfach Robert und Felix zugeschrieben – die „Damen wurden verleugnet, umso mehr verbeuge ich mich vor ihnen“.

Zudem freut sich Schreier, dass die „fantastischen Hornisten der Sächsischen Staatskapelle“ das Schumann-Konzert für zwei Klaviere und vier Hörner F-Dur spielen. Es gehört zu den Lieblingsstücken des Kammersängers.

So ist das Programm dieser Ehrung wieder abwechslungsreich und doch ganz speziell. Als Bilanz seiner bislang zehn Festivals sagt Schreier: „Es hat sich gelohnt, den Komponisten (1810 – 1856) in Beziehung zu der Region, wo er viele Hauptwerke geschaffen hat, in den Vordergrund zu stellen.“ Alle zwei Jahre geschah das. Die Schumanniade bei Dresden ist das kleinste Festival für den Schöpfer der „Frühlingssinfonie“ und von gut 150 Liedern. Aber es bot stets Feinheiten von höchster Qualität.

Zum letzten Mal lädt Peter Schreier dazu ein. Er gibt die Leitung der Schumanniade an den Dresdner Kammersänger und Lied-Professor Olaf Bär ab. „Ich tue das lieber rechtzeitig, so wie ich es auch als Sänger getan habe. Zu viele treten erst nach dem Zenit ab.“

Der 60-jährige Bariton Bär ist Schreiers erste Wahl. „Er ist eine Persönlichkeit, die Robert Schumann sehr verbunden ist. Zudem: Wir haben auch musikalisch gern zusammengearbeitet.“

Und dann? Wird es nicht langweilig ohne Auftritte und Termine? „Nein, ich bin gern faul. Außerdem habe ich jetzt Zeit, mich mit CDs und DVDs zu beschäftigen.“ Mehrere Tausend hat er im Musikzimmer seines Hauses am Elbhang von Loschwitz. Und immer wieder kommen welche mit ihm selbst hinzu.

„Mein Fernziel ist der Willisch“

Gerade ist in Japan eine neue CD erschienen, die Material „kreuz die quer durch den Liederwald“ von Beethoven bis Mozart und eine Live-Aufnahme der schumann’schen „Dichterliebe“ vom 16. Oktober 1996 im Metropolitan Theatre Tokio bietet. Es begleitet am Klavier der langjährige Schreier-Pianist Helmut Deutsch. Im Internet ist die Doppel-CD erhältlich. „Erstaunlich finde ich, dass die Nachfrage nach meinen Sachen immer noch da ist. Ich bin doch schon so lange weg. Andererseits freut es mich, wenn ich im Gedächtnis der Leute bin.“

Mancher Musikfreund wird ihn auch anders gut in Erinnerung haben. Der Ausnahmekünstler räumt auf und verschenkt an Studenten seine Partituren. Nur drei Komponisten bleiben unangetastet. Die Lieblinge Bach, Mozart und Pfitzner. Pfitzner? „Ja, ich habe doch dessen Palestrina gesungen – ein fantastisches Werk. Leider wird Pfitzner nicht so oft gespielt. Er hätte es verdient.“ Die Einspielung unter Otmar Suitner und mit Künstlern der Berliner Staatsoper von 1986 gilt unverändert als Referenzaufnahme, so wie Schreier meisterlich gestaltet.

Wenn der alte Dresdner von Musik erzählt, dann vergisst er die Schmerzen. Und wenn er schwimmt. Jeden Tag zieht er seine Bahnen. Schreier kämpft. Nach der Schumanniade fährt er noch einmal zur Kur. In Meckpom soll es eine Spezialeinrichtung für Rückenleiden geben. „Mein Ziel ist es, wieder auf den Willisch bei Kreischa zu steigen. So, wie ich es früher zweimal im Jahr gemacht habe. Nirgends kann der Blick so herrlich über die wellige Landschaft des Osterzgebirges und Erzgebirgsvorlandes schweifen wie dort oben: schöne sächsische Heimat.“

Infos/Karten auf www.schumanniade.com

Leser-Kommentare

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  1. Berg

    Peter Schreier hat sein ganzes Leben der Musik gewidmet - und die Musik hat ihn voll vereinnahmt. Als Oberloschitzer waren wir stolz, solche Leute in der Gegend zu haben. Zusammen mit Adam verbreiteten sie Musikinteressen an Generationen von Kindern und ihren Eltern.Leider bin ich ihm nie begegnet, was mir Amateurmusiker ein großes Vergnügen gewesen wäre. Wir haben auch Musikmachen gehegt, aber nicht zum Beruf gemacht. Ihm weiterhin alles Gute!

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