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Dienstag, 05.06.2018

Islamischer Judenhass – alles halb so wild?

Wie der Politologe David Ranan versucht, das Problem des muslimischen Antisemitismus kleinzureden.

Von Michael Bittner

Kippa als Protest: Am 25. April trugen Zehntausende Berliner die jüdische Kopfbedeckung als Zeichen gegen das Wiedererstarken des Antisemitismus in Deutschland.
Kippa als Protest: Am 25. April trugen Zehntausende Berliner die jüdische Kopfbedeckung als Zeichen gegen das Wiedererstarken des Antisemitismus in Deutschland.

© AFP/Getty Images/TOBIAS SCHWARZ

Dschihadistische Terroristen morden in einem jüdischen Supermarkt in Frankreich. In Schweden attackieren muslimische Gewalttäter ein jüdisches Gemeindezentrum. Pro-Palästinensische Demonstranten skandieren in Deutschland „Juden ins Gas“. Es gibt in Europa neben dem Antisemitismus, der von Neonazis und linken Antizionisten ausgeht, inzwischen auch einen militanten Judenhass, dessen Träger Muslime sind. Eine Tatsache, aus der Rechtsparteien wie die „Alternative für Deutschland“ für ihre Agitation gegen den Islam reichlich propagandistischen Profit ziehen.

Wissenschaftliche Aufklärung über dieses Phänomen wäre gerade deshalb dringend nötig. Das Buch „Muslimischer Antisemitismus“ des in Tel Aviv geborenen, inzwischen in Berlin und London lebenden Politikwissenschaftlers David Ranan enttäuscht jedoch diese Erwartung. Zu aufdringlich wird dem Leser hier eine These präsentiert: Alles halb so wild!

Besonders die ersten Kapitel des Buches ergehen sich darin, muslimischen Antisemitismus kleinzureden. So wirft der Autor den Medien vor, sie würden zu oft und zu laut über Gewalttaten gegen Juden berichten. Dabei belegten doch Umfragen: „Nur 3 Prozent der Befragten berichteten über einen körperlichen Angriff in den letzten 12 Monaten in Deutschland, weil sie jüdisch sind.“ Nur drei von hundert Juden wurden also gewaltsam angegriffen – im Laufe eines Jahres. Wenn das kein Grund zur Entwarnung ist! Die „Panik“ in Sachen Antisemitismus werde im Auftrag von „Lobbyorganisationen“ geschürt und habe inzwischen fast die „Wirkung einer Gehirnwäsche“. Angesichts solcher Äußerungen wünscht man, Ranan möge sich einmal das Gehirn waschen lassen, um in Zukunft sauberer zu argumentieren.

Den Forschern, die sich mit Antisemitismus beschäftigen, wirft er vor, sie verfügten nicht über eine allgemein akzeptierte Definition von Antisemitismus – als bestünde Sozialwissenschaft nicht gerade darin, Sache und Begriff erst durch den Diskurs näher zu bestimmen. Umfragen, die starke antisemitische Einstellungen unter Muslimen messen, seien nicht zuverlässig. Ranan schreckt nicht einmal vor der Unterstellung zurück, Aktivisten im Kampf gegen den Antisemitismus würden „übertreiben“, weil man sie dafür bezahle.

Judenhass und Antizionismus

Die methodischen Einwände Ranans sind umso kurioser, als seine eigene Methode ziemlich zweifelhaft ist: Er hat Interviews mit etwa 70 zumeist akademisch gebildeten Muslimen geführt. Trotz dieser mangelnden Repräsentativität beweisen deren Aussagen oft noch immer gerade das Gegenteil von dem, was der Autor anscheinend gerne belegt hätte.

Ranans legitimes Ziel ist es, Muslime gegen Vorwürfe in Schutz zu nehmen, die eigentlich nur Islamisten gelten sollten. Dazu unterscheidet er zwischen antisemitischem Hass gegen Juden und antizionistischer Kritik am Staat Israel. Was analytisch nachvollziehbar ist, scheitert aber oft an der Wirklichkeit. Denn die Aussagen vieler befragter Muslime zeigen, dass diese selbst zu solchen Unterscheidungen nicht willens oder in der Lage sind. So berichtet ein 18-jähriger Abiturient über die Glaubenssätze seines Umfeldes: „Man sagt McDonald’s gehört Juden, die Welt gehört Juden. Es wird gesagt, gehe nicht zu McDonald’s, kauf kein Coca-Cola, weil es Juden gehört. Auch, dass 60 Prozent der Marken Israel gehören. Woher diese These kommt? Von meinen muslimischen Brüdern, Geschwistern, das weiß jeder. Das ganze Geld geht nach Israel und Israel bombardiert Palästina.“

David Ranan legt die Begriffsvermischung konsequent zugunsten der Muslime aus. Der Nahostkonflikt, in dem auch Juden in westlichen Ländern für Israel Partei ergreifen, mache es Muslimen schwer, zwischen Israelis und Juden zu unterscheiden. „Wenn zum Beispiel in Reaktion auf ein israelisches Bombardement von Gaza auf einer Demonstration ‚Jude, Jude, feiges Schwein‘ oder ‚Juden ins Gas‘ skandiert wird, sind damit weder die Londoner noch die New-Yorker Juden gemeint, sondern die Israelis“, behauptet Ranan und lässt seinen Versuch der Differenzierung in Verharmlosung kippen. Dass sich unter den befragten Muslimen auch vernünftige Leute finden, die sich vom Antisemitismus fernhalten, weckt Zweifel an seiner These, er sei vor allem Produkt der Politik Israels. Gern hätte man stattdessen mehr erfahren über die Methoden, mit denen junge Muslime in Elternhaus, Schule und Moschee zum Hass gegen Juden erzogen werden.

Auch einen anderen wichtigen Aspekt des Themas streift David Ranan nur: die ideologische Verwandtschaft des Islamismus mit dem deutschen Faschismus. Schon 1933/34 wurde Hitlers „Mein Kampf“ mehrfach ins Arabische übersetzt. Der Großmufti von Jerusalem unterstützte im Zweiten Weltkrieg den Mord an den europäischen Juden. Die antisemitische Fälschung „Protokolle der Weisen von Zion“, deren Bild einer jüdischen Weltverschwörung zu einer Quelle des Nationalsozialismus wurde, inspiriert auch das Programm der palästinensischen Hamas.

Antisemiten gegen Antisemitismus

Ein anderer Propagandist der „Protokolle“ ist übrigens heute der Antisemit Wolfgang Gedeon, der als Abgeordneter jener „Alternative für Deutschland“ angehört, die angeblich jüdische Bürger gegen muslimischen Antisemitismus schützen will. Die Juden in Deutschland sind eingeklemmt zwischen falschen Freunden und echten Feinden. Ein Grund mehr, mit ihnen solidarisch zu sein.

David Ranan: Muslimischer Antisemitismus – Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland? Dietz-Verlag, 224 S, 19,90 Euro