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Montag, 08.10.2018

„Islam bedeutet Unterwerfung“

Im Staatsschauspiel Dresden läuft das kritische Erfolgsstück „Geächtet“ – brav an der Brisanz vorbei.

Von Sebastian Thiele

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Anfangs Berührungen, später Schläge – die Publikumslieblinge Christine Hoppe und Ahmad Mesgarha brillieren in der Neuinszenierung „Geächtet“.
Anfangs Berührungen, später Schläge – die Publikumslieblinge Christine Hoppe und Ahmad Mesgarha brillieren in der Neuinszenierung „Geächtet“.

© Sebastian Hoppe

Ellenbogen raus, und den Dollars hinterher. So könnte die To-do-Liste zur Umsetzung des amerikanischen Traums beginnen. Mit Erfolg ist der Anwalt Amir Kapoor dabei, sie abzuhaken. Mit einer attraktiven Künstlerin an seiner Seite, in einer exklusiven Wohnung in New York. Störend ist nur seine islamische Herkunft. Je vehementer Amir sich vom Koran distanzieren will, seine Wurzeln lieber indisch als pakistanisch verortet, umso faszinierter ist seine Frau Emily von dieser Kultur. Als Amirs Neffe Abe, der eigentlich Hussein heißt, Amir versucht zu überreden, juristisch einem Imam zu helfen, führt Amirs way of life in den Abgrund.

2013 erhielt der US-Amerikaner Ayad Akhtar den Pulitzer Preis für sein Debütstück „Geächtet“. Seitdem läuft die erfolgreiche Broadway-Komödie auch auf deutschen Bühnen und ist nun am Dresdner Staatsschauspiel angekommen.

Behauptete religiöse Toleranz

Im Schauspielhaus, wo am Sonnabend die Premiere stattfand, blickt der Zuschauer zunächst in ein graues Atelier. Nicht besonders einfallsreich, aber funktional hat Bühnenbildner Stephan Prattes einen Guckkasten im Betonwand-Stil hingestellt. Über Leinwand-Rückwände gleitet das Auge. Grünes Sofa, roter Sessel, Stühle und Atelier-Kram kolorieren und vergegenständlichen gegenwärtigen Realismus. An der Hinterwand ruht dann der Blick auf einem aus mehreren Farbkopien bestehenden Bild des Malers Diego Velazquez. Es zeigt das Porträt eines maurischen Sklaven, der äußerst selbstbewusst wirkt. Inspiriert von dieser Vorlage will Emily ihren erfolgreichen Mann malen. Anfangs kann Amir über die Verbindung zwischen seiner Identität und der des Sklaven noch lachen. Doch beim Besuch des jüdischen Galeristen Isaac, der anfangs unbewusst Amir auf dessen islamische Wurzeln reduziert, brechen alte Wunden der Kränkung auf.

Ayad Akhtars Text ist ein messerscharfer Beitrag zur interkulturellen Debatte. Provokant und polemisch demaskiert er die oberflächlich behauptete religiöse Toleranz der amerikanischen Upperclass. „Islam bedeutet Unterwerfung“, belehrt Amir das Galeristenpaar Jory und Isaac. Herrlich grotesk, wie dabei Christine Hoppe als mädchenhaft-naive Ehefrau versucht, mit Anchovis-Salat abzulenken. Aber die religiösen Sticheleien Isaacs und die endlosen Drinks entfachen ein unsachliches verbales Kreuzfeuer. Nervlich am Ende gesteht Amir, dass er tief in seinem Inneren beim Anschlag am 11. September etwas Stolz empfunden habe. Da kann Isaac, den Raiko Küster konzentriert bürgerlich-verlogen spielt, Amir nur noch als einen „Drecksdschihadisten“ abstempeln. Das kann kein Small-Talk-Geheuchel mehr kitten.

Als Amir muss Ahmad Mesgarha all seine Erfahrung und psychologischen Karten in dieser Welt der Einfühlung ausspielen. Überzeugend taumelt seine zerrissene Figur im Spannungsfeld von Klugheit und Kontrollverlust, zwischen Weinerlichkeit und Wut. Schade nur, dass Regisseur Nicolai Sykosch „Geächtet“ absolut konservativ anstatt kontrovers inszeniert. Die bitterbösen Sätze müssten viel schärfer das Publikum treffen. Durch das Realismus-Korsett klemmt das Konzept in der Falle. Benötigt man für eine Figur mit anderer Hautfarbe zwingend eine entsprechende Schauspielerin? Sicher nicht. Zumal die Darstellerin Sabrina Ceesay leider nicht überzeugt.

Uninspirierte Regie, rasante Dialoge

Das Ensemble des Staatsschauspiels gibt alles, um die uninspirierte Regie mit rasanten Dialoggewittern auszugleichen. Auch wenn das Geplauder in „Geächtet“ anfangs sehr spannungsarm plätschert. Bis das erste Kunstglas an der Guckkasten-Wand zersplittert, klappt mal die Tür oder dreht sich der Stuhl. Plakativ strukturiert die Regie die Szenen: Filmische Erzählhilfen im Sinne von „Drei Monate später“ leuchten großformatig auf. Dazu jazzt es seicht-unterhaltend aus den Boxen: Ja, so ist New York.

Die heftigste Szene des Abends, als Amir Emily zu Boden schlägt, kommt durchaus als negativer Höhepunkt zum Ausdruck. Denn danach strahlt nur noch kaltes Licht. Doch gebremste Schläge und Kunstblut im Gesicht überhöhen nichts, sondern behaupten und illustrieren nur Gewalt. Vor allem der Text Ayad Akhtars zeigt: Eine verlogene Gesellschaft hat Amir zu dem gemacht, was er am Ende ist. Ein Täter. „Schön, Herrn Mesgarha wieder in einer Hauptrolle zu sehen – das hat er toll gespielt“, heißt es später im Foyer. Bei Sekt und Schnittchen. Dass dieser Abend aber auch das Gespräch über kulturelle Vorurteile anregt, kann man nur hoffen.

Wieder am 12. und 15. 10.; Kartentel. O351 32042777

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Marc Brossmann

    Seit Jahren diese immergleichen Religionsbefindlichkeiten. Auf Theaterbühnen, auf Kinoleinwänden, in den Medien, im gesellschaftlichen "Diskurs" - es nervt und langweilt mich! Da waren wir doch schon mal weiter, oder nicht?! Es soll jeder an was auch immer glauben, wie er lustig ist, gern, aber warum muss man damit Dritte belästigen? Es wäre herrlich und längst an der Zeit, wenn Aufklärung, Humanismus und der gesunde Menschenverstand auf dieser Erde vollends zur Entfaltung kämen.

  2. christ

    Jeder Glaube verlangt Unterwerfung.

  3. Ä eschdorr Dräsdnor

    Warum sollte HAMLET nicht eine Frau mit Migrationshintergrund sein? Und GRETCHEN ein Junge? Oder ein Dresdner Bürgermeister ein Buddhist?

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