erweiterte Suche
Mittwoch, 01.08.2018

Irritierend verwirrend

Auch nach 20 Jahren hat die Rechtschreibreform kaum an Akzeptanz gewonnen – wie geschrieben wird, ist vielen wurscht. Testen Sie Ihr Wissen.

Von Karin Großmann

2 Testen Sie Ihr Wissen

Sieht nicht schön aus: Mit der Rechtschreibreform kam auch die Konsonantenhäufung in den Duden.
Sieht nicht schön aus: Mit der Rechtschreibreform kam auch die Konsonantenhäufung in den Duden.

© dpa

Der deutschen Sprache geht es so gut wie nie. Denn noch nie besaß sie so viele Wörter wie heute. Sie saugt auf, was sie kriegen kann. Sie erfindet sich ständig neu. Das könnte ein Anlass zur Freude sein. Doch zum einen sagt die Quantität nichts über die Qualität. Ein Zuwachs wie Flachglastechnologieausbildung bereichert die Sprache nur mäßig. Zum anderen verführt das Thema selten zum Jubeln. Der Ärger über die Rechtschreibreform sitzt tief. Bei jedem Zweifelsfall rührt er sich wieder.

Dummerweise hat die Zahl der Zweifelsfälle zugenommen, seit die Reform vor 20 Jahren in Schulen und Behörden verbindlich installiert wurde. Erst das Bundesverfassungsgericht hatte den Weg endgültig freigeräumt. Und was war das für ein Krach am 1. August 1998 und in den Jahren davor und danach! Wissenschaftler zerstritten sich auf Lebenszeit. Bloß gut, dass im Land strenge Waffengesetze gelten. Das Publikum, das viel zu spät mitreden durfte, redete mit und empörte sich, denn bis dahin hatte ja jeder fehlerfrei Mayonnaise und Portemonnaie schreiben können.

Regeln zum Raussuchen

Zuletzt wachten sogar einige Schriftsteller auf und erkannten eine Katastrophe, eine Sünde wider den Geist, eine Sprachvernichtung. Der aus Dresden stammende Dichter Durs Grünbein nannte die Reform einen Inzest: „Man vergreift sich nicht an der Mutter. Man spielt nicht mit dem Körper, der einen gezeugt hat.“ Stets war die lebendige Sprachentwicklung der Maßstab. Nun gibt eine staatliche Kommission die Richtung vor. Die Debatte um Groß- und Kleinschreibung wuchs sich zum Glaubenskrieg aus. Beinahe wäre es zu öffentlichen Dudenverbrennungen gekommen.

Testen Sie Ihr Wissen

1 von 30

Falsch oder richtig geschrieben?

1. Für Alt und Jung

Antwort:

Richtig

Falsch oder richtig geschrieben?

2. Über Kurz und Klein

Antwort:

Falsch

Falsch oder richtig geschrieben?

3. Fonetik

Antwort:

Falsch

Falsch oder richtig geschrieben?

4. Fotografie

Antwort:

Richtig

Falsch oder richtig geschrieben?

5. Ein furchterregender Film

Antwort:

Richtig

Falsch oder richtig geschrieben?

6. Ein Ehrfurcht gebietendes Alter

Antwort:

Richtig

Falsch oder richtig geschrieben?

7. Ihm ist froh zumute

Antwort:

Richtig

Falsch oder richtig geschrieben?

8. Eine rotgestreifte Schürze

Antwort:

Falsch

Falsch oder richtig geschrieben?

9. Den Oberkörper freimachen

Antwort:

Falsch

Falsch oder richtig geschrieben?

10. Ihm den Rücken freihalten

Antwort:

Richtig

Falsch oder richtig geschrieben?

11. Fettropfen

Antwort:

Falsch

Falsch oder richtig geschrieben?

12. Ein großes Potential

Antwort:

Falsch

Falsch oder richtig geschrieben?

13. Außer acht lassen

Antwort:

Falsch

Falsch oder richtig geschrieben?

14. Etwas gut kennenlernen

Antwort:

Richtig

Falsch oder richtig geschrieben?

15. Etwas links liegen lassen

Antwort:

Richtig

Überraschenderweise ging das Abendland trotzdem nicht unter. Aber eine immense Irritation entstand. Eine Übergangsfrist folgte der nächsten, und etliche neue Schreibweisen wurden Stück für Stück wieder einkassiert. Sie wurden angepasst. So heißt das. Bei etwa 2 500 Wörtern sind nun zwei Varianten erlaubt. Das macht das Ganze nicht überschaubarer. Die gelb markierten Empfehlungen des Dudens mögen hilfreich sein. Doch sie nageln eine Entwicklung fest, die auch anders verlaufen könnte. Und bei allem Spaß am lustigen Sprachspiel: Wenn Regeln zum Raussuchen sind, hört der Spaß auf. Dann werden sie überflüssig. Dann ist eh alles wurscht. Was dem allgemeinen Wurschtigkeitsgefühl durchaus entgegenkommt.

Die Verunsicherung erfasste vor 20 Jahren selbst Profischreiber und hält sich nun wie die Nässe im Strumpf bei Regenwetter. Unter uns: Mancher Redaktions-Duden besitzt so viele Klebemerkzettel wie Seiten. Lehrerinnen reagieren darauf gern mit dem Hinweis, eine Sprache sei eine Sprache und müsste halt bloß gelernt werden. Also lernen wir, dass es kleinschreiben heißt und klein schneiden, am besten und des Weiteren, kugelstoßen und Rad fahren. Da darf jeder seine eigenen Lieblinge pflegen. Es werden schon Regeln dahinterstecken. Ein durchschnittlich störrischer Erwachsener meint, das Regelsystem zu beherrschen, und steht nun ratlos zwischen Partikeln, die in Verbindung mit Verben als Verbzusatz auftreten oder als selbständiges Adverb. Als selbstständiges, pardon. Also heißt es querlesen, aber quer liegen. Beides nicht zu empfehlen.

Vielleicht hat sich in den letzten 20 Jahren zumindest die ß-Regel so weit eingeprägt, dass auch der Turnverein seinen Werbezettel fehlerfrei hinbekommt? Richtig, es heißt immer noch Fußball. Für das ß wurde sogar ein Großbuchstabe kreiert als Trost, weil es nun weniger auftritt. Doch die Werbezettel lassen ahnen: So richtig klappt das mit dem ß noch nicht. Es wird zu oft durch ss ersetzt, wo es nicht sein darf. Lehrer meinen, dass die Generalisierung das größte Problem sei beim Verständnis der Rechtschreibreform. Man glaubt, man hat was kapiert, und zieht es durch, ob’s passt oder nicht. Je nach Umfrage-Institut wurden die Schreibleistungen der Schüler in den letzten 20 Jahren viel schlechter oder etwas schlechter.

Es wäre nicht fair, das allein der Rechtschreibreform in die Schuhe zu schieben. In dieser Zeit wechselten nicht nur die Lehrmethoden. In dieser Zeit ereignete sich ein grundsätzlicher medialer Wandel. Es wird viel mehr und vor allem viel schneller geschrieben als vorher. Jeder bastelt oder twittert sich sein eigenes Deutsch zurecht mit Anspielungen und Abkürzungen, die oft nur Eingeweihte verstehen. Die Großschreibung scheint zu den aussterbenden Arten zu gehören wie der Rasierpinsel und der Blaufußtölpel.

Jede Schreibweise ist im Privaten möglich und erlaubt. Doch selbst bei dienstlicher Post entscheidet sich mancher je nach Bauchgefühl, Optik oder Wetter. „Solche Attacken auf die deutsche Sprache aus der deutschen Sprachgemeinschaft heraus hat es noch nie gegeben“, sagte der Potsdamer Linguist Peter Eisenberg bei einer Diskussion in Dresden. Damit meint er nicht nur die Rechtschreibreform und den lotterigen Umgang mit der Sprache.

Die Attacken kommen auch von jenen, die durch politische Korrektheit eine gewisse Eleganz aus der Sprache vertreiben. Ja, Frauen sollten auch in der Sprache sichtbar sein, aber wenn sich Dozentinnen und Dozenten mit Studentinnen und Studenten austauschen, und das Ganze auch noch mit Sternchen, dann hat die Sichtbarkeit einen hohen Preis. Und ja, offizielle Texte sollten für jeden verständlich sein, aber wenn das Inklusionsvokabular dazu führt, dass Passivkonstruktionen und Metaphern verpönt sind, dann wird die Verständlichkeit teuer erkauft. Auch Wesen wie der Studierende und der Auszubildende tragen wenig zur Klangschönheit der deutschen Sprache bei. Dass sie außerdem durch Anglizismen bedroht wird, gehört zur Dauerklage der Sprachschützer. Vielleicht haben sie eines erreicht: Englische Begriffe werden kaum noch eingedeutscht, sondern pur übernommen. Viel Freude also in der Economyclass, auf der Poleposition und besonders beim Desktop-Publishing.

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. PS

    Danke, Karin Großmann! Freudige Zustimmung, insbesondere acuh zu Ihren Meinungen in dem Artikel. / Die offizielle Kommission zeichnete sich aus durch Inkompetenz UND Arroganz der (verliehenen) Macht. Lange weigerte sie sich, ihre Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Krasses Beispiel: "zusammenkommen" und "zusammen kommen" - BEIDES war und ist richtig, hat aber eine völlig unterschiedliche Bedeutung. Deshalb war es falsch, die Getrenntschreibung zur alleinigen Norm zu erklären. Gut, dass das dann (recht spät) korrigiert wurde - doch das hätte einer solchen Kommission gar nicht erst passieren dürfen. / Ich sehe das als Teil einer besorgniserregenden allgemeinen Tendenz - da brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die Deutsche Bahn schlecht funktioniert, BER nicht fertig wird und die Existenz der EU gefährdet ist. Demokratisch gegenhalten, verändern!

  2. B. Guhr

    Der Wissenstest ist gut, aber er wäre besser gewesen, wenn beim falsch Geschriebenen gleich auch die richtige Schreibweise mit erschienen wäre. Dann hätte man aus dem Wissenstest gleich noch was lernen können.

Alle Kommentare anzeigen

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.