erweiterte Suche
Samstag, 17.02.2018

Ins Siechtum gesiegt

Mit Martin Schulz und der SPD könnte man Mitleid haben. Doch vieles ist selbst verschuldet.

Von Werner J. Patzelt

1

Werner J. Patzelt
Werner J. Patzelt

Mitgefühl verdient der Mitbürger Schulz. Als Joker ins schon verkorkste Spiel geholt, endete er als Bauernopfer. Schon weniger Mitgefühl gebührt dem Politiker Schulz. Nachzusehen ist allein, dass der Präsident des pflegeleichten Europäischen Parlaments das Haifischbecken deutscher Innenpolitik unterschätzte, und noch mehr die Zerrissenheit der SPD. Doch zu Recht büßt er für eigene Politikfehler: das programmatische Abtauchen nach seinem Aufstieg zum Messias; die Arroganz beim Einschätzen seiner Rolle („Merkel kann gern unter mir Ministerin werden!“); der Verzicht auf den Fraktionsvorsitz am Wahlabend (wie elegant hat in ähnlicher Lage Angela Merkel ihren Konkurrenten Merz ins politische Nichts gedrängt!); den Abtausch des „schönsten Amtes außer Papst“ (so einst Müntefering über den SPD-Vorsitz) gegen einen Außenministerposten ohne innenpolitische Macht.

Doch gescheitert ist Schulz vor allem an seiner Partei. Deshalb tut es Nicht-Zynikern in der Seele weh, wenn die ihn nun wie einen Sündenbock in die Wüste schickt. Und freilich steht es um die SPD wie im Plot einer griechischen Tragödie: Es geht ja auch bei den Nahles, Scholz, Kühnert & Co. nicht nur ums selbstgefällige Beseitigen eines Mitgenossen, sondern es zeigen sich die grausamen Folgen von Problemzusammenhängen, welche die Gestaltungskraft der in ihnen handelnden Personen übergreifen, diese also „schuldlos schuldig“ machen. Eben das hat seit der Ära von Brandt und Vogel nicht weniger als zwölf SPD-Chefs zur Strecke gebracht.

Die SPD hat sich gleichsam ins Siechtum gesiegt. Unter dem Druck ihrer seit Kaisers Zeiten immer wieder lobenswerten Ziele veränderte sich die Union als ihre bundesdeutsche Nebenbuhlerin so sehr, dass nun auch sie als sozialdemokratische Partei durchgehen kann. Das aber erstickt das Original im Würgeisen von 20 Prozent minus x. Daraus gibt es kein Entkommen, seit die SPD als zwingende Verhaltensregel für die CDU durchgesetzt hat, ja keine Partei mit Bindekraft nach rechts zu sein. Also holt die sich von der SPD an Stimmen, was sie seit Merkels SPD-gefälliger Europa- und Migrationspolitik an die AfD verliert. Wen die Götter verderben wollen, dem erfüllen sie eben seine Wünsche.

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

Alle Kommentare anzeigen

  1. Berg

    Bis auf einige, die am Anfang ihres Lebens stehen, geht es der "Arbeiterklasse" heute größtenteils gut: Wohneigentum, Wagen, Familie, Reisen, Bildung - diese "Arbeiteraristokratie" ist gewachsen und klopft an den Türen den Bürgertums, an den Pforten zur First Class. Und somit hat die SPD ihre Ziele in großen Teilen erreicht. An der Klassengesellschaft kann sie nichts ändern. Nur ein paar arme Schlucker, Niedriglöhner, Niedrigrentner wären noch zu befriedigen; wenn diese nur alle SPD wählen würden!

Alle Kommentare anzeigen

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.