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Samstag, 11.08.2018

In Sorge um die Welt

Die Malerin Rissa vereint die Figur mit der Kunst der Abstraktion.

Von Uwe Salzbrenner

Rissa malte das Porträt „Wüstentochter“ 2009.
Rissa malte das Porträt „Wüstentochter“ 2009.

© Manfred Bogner; © VG Bild-Kunst

Die Bilder der Malerin Rissa wirken unverschämt direkt, weil sie einfach und farbstark sind, zudem merkwürdig schwirrend. Die Spannung entsteht zwischen der gegenständlichen, am Menschen orientierten Malerei und deren möglichst antirealistischer – man könnte sagen: kybernetischer – Ausführung. Die Figuren sind wie vom Automaten steif in Farbfelder und -streifen zerlegt, stärker noch, als dies Künstler im Holzschnitt gewöhnlich tun. Zum anderen changieren diese Felder zwischen Innen und Außen. Was vermeintlich als Oberflächenreiz erscheint, als Spiel von Licht und Schatten auf der Haut, zeigt sich bald als freier Entwurf der Linien.

So organisiert Rissa nahezu unbemerkt Richtung und Gegenrichtung, einen Wind oder Fluss in der Komposition des gesamten Gemäldes, aber auch ein Gerüst für die Figuren. Das Licht kommt als Knall aus deren Grund. Das zwischen reinen Farben hervorbrechende Weiß muss der Betrachter erst mal aushalten. Rissas Biografie kann die demonstrative Sicherheit dieser Attacke zur Hälfte erklären: Sie hat es so gelernt und sieht sich von der Wissenschaft bestätigt. 1938 als Karin Martin in Rabenstein bei Chemnitz geboren, folgt sie ihren Eltern in den Westen. Studiert Kunst in Düsseldorf, seit 1960 bei K. O. Götz, einem der wichtigsten Vertreter des Informel. Gerhard Richter und Sigmar Polke sind ihre Klassenkameraden.

Helferin und Ehefrau von K. O. Götz

Das Verhältnis der jungen Frau Martin zum Lehrer wird privat. Als sie ihn 1965 heiratet, hat sie sich vom norwegischen Dorf Rissa bereits ihren Künstlernamen geborgt und die eigene abstrakte Werkphase beendet. Gewiss schwingt die Arbeit als Götz‘ Helferin im Werk mit: Sie malt für ihn alle Rasterbilder und führt alle Testreihen für die farbpsychologischen Forschungen durch. Das Buch „Probleme der Bildästhetik – Eine Einführung in die Grundlagen des anschaulichen Denkens“ haben beide gemeinsam geschrieben.

Rissa führt in ihre Gemälde unmissverständlich Gegenwartsbezüge ein: die Rassentrennung in den USA, das Ozonloch, die Verletzbarkeit von Frauen, Voyeurismus und Antibabypille. Vor allem die Bildtitel weisen auf ihre Sorge um die Welt hin. Der Golfkrieg erscheint in Plakatgröße, die offene Grenze der DDR als Bedrohung. Rissas bessere Bilder bleiben für Interpretationen offen, auch weil die Komposition dort gewichtiger erscheint als der angesprochene Konflikt. Im Gemälde „Die Schaukel“ sind die Diagonalen der fliegenden Leiber interessanter als das Verhältnis von Mann und Frau. In „Schlafende Antike“ ist Ruhe in Unruhe das stärkere Gebot als die Provokation eines eventuell höher stehenden Erbes.

Bis 13. September in den Kunstsammlungen Chemnitz, Theaterplatz 1, geöffnet dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr. Katalog 25 Euro.