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Dienstag, 09.01.2018

„In der Kulturfinanzierung ist Sachsen deutscher Meister“

Sie hat wieder mehr Millionen für die Kultur und kriegt doch nicht genug – Kunstministerin Eva-Maria Stange über ein Erfolgsgesetz, Investitionsstaus in Theatern und explodierendes Interesse an Instrumenten.

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Die 60-Jährige SPD-Politikern Eva-Maria Stange ist seit 2014 Kunstministerin, war es zuvor schon von 2006 bis 2009.
Die 60-Jährige SPD-Politikern Eva-Maria Stange ist seit 2014 Kunstministerin, war es zuvor schon von 2006 bis 2009.

© Ronald Bonß

Sachsen gibt in diesem Jahr so viel Geld für Kunst und Kultur aus wie nie zuvor. Vor allem ländliche Regionen sollen profitieren, sagt Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) und fördert unter anderem Musikschulen, Kulturbusse und Investitionen. Und sie will endlich eine Lösung mit den Kommunen finden, um die erniedrigenden Haustarifverträge in Theatern und Orchestern abzuschaffen. Den Häusern drohe sonst über kurz oder lang die Insolvenz.

Frau Stange, „Kulturraumgesetz“, das klingt für viele nach totalem Langweiler.
Wieso Langweiler? Dieses Gesetz ist ein Erfolg. Mit seiner Hilfe haben wir die kulturelle Vielfalt im Freistaat erhalten und teils weiterentwickeln können. Freistaat, Kulturräume und Kommunen finanzieren diesen Schatz seit fast 25 Jahren solidarisch gemeinsam – und als Pflichtaufgabe. Das ist einmalig in Deutschland. Aber es stimmt aus Ihrer Sicht: Es knirscht derzeit nicht im Getriebe und alle sind bemüht, das Gesetz noch besser zu gestalten.

Welche Änderungen sind geplant?

Das Gesetz wird demnächst vom Landtag diskutiert und es wird sicher noch Anregungen für eine Novellierung geben. Gravierende Eingriffe sind kaum zu erwarten. Aber in den Details werden sich diese Änderungen gehörig auswirken. Ein zentraler Punkt wird sein, dass die Kommunen zusätzliche Landesmittel für Investitionen pauschaler und direkter einsetzen und die Kulturräume stärker darüber entscheiden können. Momentan sind das drei Millionen Euro, die es zusätzlich zu den Kulturraummitteln gibt, die etwa für Investitionen in Theatern, Orchestern oder soziokulturellen Zentren verwendet werden können.

Für solche Investitionen ist eigentlich das 800-Millionen-Programm des Landes „Brücken in die Zukunft“ gedacht – wieso greift das nicht?

Leider hat dieses Programm die Kultureinrichtungen nicht berücksichtigt. Aber wir sehen einen erheblichen Investitionsbedarf, den die Kommunen allein nicht stemmen können. Denken Sie bitte nur einmal daran, wie viele Theater, Museen oder Kulturhäuser noch immer nicht oder nur unzureichend barrierefrei gestaltet sind. Und da geht es nicht nur darum, dass Menschen mit Handycaps leichten Zugang haben. Unsere Gesellschaft wird älter, mehr Menschen sind auf Rollstühle und Hörschleifen angewiesen, aber kulturinteressiert bleiben sie natürlich.

Ein Hauptkritikpunkt am Gesetz ist die nur mäßige Dynamisierung des Gesetzes, während die Fixkosten der Einrichtungen steigen. Gibt’s da was Neues?

Allen ist klar, dass bei steigenden Sach- und Personalkosten die Kulturraummittel stetig steigen müssen. Diese Dynamisierung wird man aber nicht pauschal ins Gesetz schreiben. Aber der Kultursenat, als eine Instanz, die Landtag wie Regierung berät, sollte in regelmäßigen Abständen Empfehlungen über eine Anhebung dieser Kulturraummittel geben.

Immerhin soll der Jahresetat auf 94,7 Millionen Euro steigen. Was ist damit?

Diese sechs Millionen Euro mehr sind eine Koalitionsvereinbarung und werden festgeschrieben. Das ist, finde ich, schon eine Leistung, weil die 94,7 Millionen Euro eine Mindestgrenze sind. Leider wird wohl auch diesmal unverändert bleiben, dass die Landesbühnen GmbH mit Kulturraumgeldern finanziert wird. Den Kulturräumen werden weiterhin diese rund drei Millionen fehlen. Ich hatte auf eine andere Lösung gehofft.

Diese Landesbühnen-Finanzierung widerspricht dem Gesetz. Wie geht es für andere Theater und Orchester weiter?
Das Problem zu lösen, ist eine gemeinsame Aufgabe. In keinem Bereich können wir die Träger der Einrichtungen verpflichten, nach Tarif zu zahlen. Es gelten vor allem im ländlichen Bereich teilweise Haustarifverträge, die bis zu 30 Prozent unter dem regulären Tarif liegen. Und das seit Jahrzehnten. Das wollen die Mitarbeiter, das werden die Gewerkschaften nicht länger akzeptieren. In Görlitz verhandelt man gerade. Platzt der Deal, geht die Theater GmbH insolvent. Das will keine Seite.

Ihre Staatstheater zahlen Tarif. Warum stocken Sie nicht fürs Land auf? Kein Wunder, wenn sich die Kultur jenseits der Ballungsräume abgehängt fühlt.

Selbst wenn der Landtag uns diese Differenz zum regulären Tarif von ungefähr zehn bis zwölf Millionen Euro bewilligen würde, können wir keine Kommune automatisch verpflichten, das Geld für die Tarifangleichung einzusetzen. Denn die Entscheidungen über die Verwendung der Kulturraummittel gehört in die kommunale Hoheit. Mein Ministerium will einen Weg finden, wie diese Lücke dauerhaft und solidarisch geschlossen werden kann. Auch der Kultursenat erarbeitet dazu gerade eine Empfehlung. Uns ist das Problem bewusst, aber als Land können wir es nicht allein lösen. Auch die kommunale Seite muss ihren Part beisteuern. Ich bin optimistisch, weil alle unter dem Druck stehen, eine Lösung zu finden. Nur so können wir die Qualität der Kultureinrichtungen erhalten.

Mit der Ausdünnung der Nahverkehrsangebote können immer weniger Leute Kultureinrichtungen erreichen. Welche Lösungen haben Sie dafür?

Dank des Landtages haben wir 2017 ein Programm für Mobilitätsprojekte aufgelegt. Ziel war, dass Künstler in die Bildungseinrichtungen fahren und umgekehrt Schulen zu den Kulturbauten. Derzeit gibt es 13 derartige, von Koordinatoren gepflegte Projekte. So gibt es beispielsweise in der Oberlausitz ein KuBi-Mobil, eine Busfahrt mit pädagogischer Begleitung und speziellen Programmen der Häuser für die Teilnehmer. Innerhalb von drei Monaten wurden so 141 Fahrten für 9 000 Kinder zu beteiligten drei Theatern und vier Museen organisiert. Ein anderes, auch anders geartetes Projekt ist das Fab-Mobil in der Oberlausitz. Da fährt ein Bus jede Woche vier Schulen an. Der Bus selbst ist der Kunstraum, in dem die Schüler aktiv werden können, ob mit bildender Kunst oder Theaterprojekten. Ich hoffe, dass wir diese Mittel wieder bekommen können, damit die Modellprojekte Alltag werden.

Sie haben 2017 auch eine Musikschul-Initiative gestartet. Wie läuft diese?

Tatsächlich konnten wir erstmals die Gelder für die 32 Musikschulen im Land aufstocken. Das halte ich für richtig, weil diese Schulen zur kulturellen Grundversorgung beitragen. Fast 70 000 Musikschüler gibt es. Seit Jahren steigen die Teilnehmerzahlen. Der Landesanteil an der Finanzierung dieser Schulen von sechs Millionen Euro wird nach qualitativen Gesichtspunkten vergeben. Dazu gehört unter anderem, wie hoch der Anteil der festangestellten Lehrer ist, wie die Begabtenförderung klappt und wie viele Schüler an Wettbewerben teilnehmen. Es sollen nicht nur die drei ehemaligen Konservatorien bedacht werden, sondern vor allem Musikschulen jenseits der drei Großstädte, die Großartiges leisten. Obwohl sie es erheblich schwerer haben, Lehrer zu rekrutieren. Und weil sie nicht die Gebühren weiter anheben können, ohne Kinder vom Angebot auszuschließen.

Eine Million gibt es für den Instrumentenankauf für Laienorchester sowie für das Programm „Jedem Kind ein Instrument“. Nur explodiert Letzteres, oder?

Und das ist erfreulich, deshalb müssten wir gerade „JeKi“ ausbauen – damit noch mehr Kinder davon profitieren. Wir haben etwa 50 Grundschulen im ländlichen Raum, die dafür mit Musikschulen zusammenarbeiten. Im ersten Jahr gibt es kostenlos, im zweiten Jahr für eine geringe Gebühr eine musikalische Früherziehung. Die Schüler erlernen ein Instrument. Nun haben wir bereits an diesen 50 Grundschulen mehr Schüler als noch vor Jahren, müssten also mehr Geld einsetzen, um das Programm fortzusetzen. Und weil es so eine Erfolgsgeschichte ist, müssten wir „Jeki“ eigentlich an weiteren Schulen starten. Das Projekt ist sehr gut, aber noch zu schmal. Ich werde mich für seinen Ausbau einsetzen.

Manche nennen das „Kinderkram“. Finden Sie dafür politische Mehrheiten?

Der Versuch ist es wert. Sachsen gibt 2018 mit über 216 Millionen Euro für Kunst und Kultur so viel Geld aus wie nie zuvor, von dem insbesondere der ländliche Raum profitiert. Damit liegt Sachsen auf Platz vier im Bundesvergleich. Pro Kopf gesehen, sind wir bei der Kulturfinanzierung sogar deutscher Meister. Trotzdem gibt es immer wieder neuen Finanzierungsbedarf. Bleiben wir nur bei „Jeki“. Weil so viele Kinder ein Instrument für sich entdecken, wollen sie es richtig erlernen. Also haben die Musikschulen wieder einen größeren Zulauf, brauchen sie eine bessere Finanzierungsgrundlage, um Qualität zu liefern und ihre Pädagogen attraktiv zu bezahlen. Ergo werde ich um Unterstützer für diesen „Kinderkram“ ringen. Damit Sachsen nicht nur in den Großstädten Leuchttürme wie die Semperoper pflegt, sondern in allen Regionen eine hochwertige kulturelle Grundversorgung gerade für Kinder bietet.

Das Gespräch führte Bernd Klempnow.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 6 Kommentare

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  1. Friedemann

    Schon Fontane hat festgestellt, dass die Sachsen der kulturell gebildetste deutsche Volksstamm sind. Positiv, dass man versucht dem Rechnung zu tragen. Das noch nicht alle Wünsche berücksichtigt werden können, liegt in der Natur der Sache. Vielleicht lässt sich auch an der Einnahmeseite drehen. Wenn Operette und Philharmonie in Dresden fast zu 100% ausgelastet sind, lässt sich bestimmt an den Ticketpreisen etwas tun. Ebenso sind die Mittel für Kunstausstellungen auf dem Neumarkt in ländlichen Regionen sicher besser aufgehoben.

  2. Drittetreppelinks

    Ad #1: ich würde Ihre Beobachtung insofern kommentieren wollen, dass keinem "Volksstamm" von allein mitgegeben ist, gebildet zu sein. Wie der Begriff schon angibt, ist Bildung stets neu zu erringen und zu bewahren. Insofern sind die im Artikel beschriebenen Maßnahmen in der Tat sehr zu begrüßen, gerade auch wenn sie in die Breite wirken. Die frühere Bildungsbeflissenheit der Sachsen hatte ja einiges mit den Ergebnissen der Konfessionalisierung zu tun:Reformation = Bibellektüre der breiteren Massen = ausgebautes Schulwesen. Da sind die Voraussetzungen heute ja nun andere. Vielleicht kommt ja dennoch auch etwas Herzensbildung herum, die zu etwas mehr Empathie und Toleranz führt.

  3. PeterVorweger

    Die Grundschule unserer Tochter ist eine der JeKi-Modellschulen. Und das ist wunderbar. Der Unterricht findet für Eltern unaufwendig in der Schule statt, die Zuzahlung im zweiten Jahr schließt niemanden aus. Den Kindern gibt es Spaß, Kunstverstand und Selbstvertrauen. Damit ein Dank an den sächsischen Staat, der Kulutsministerin und dem sächsischen Steuerzahler!

  4. Joachim Herrmann

    Die Sachsen haben zwar eine etwas eigentümliche, dafür aber umso liebgewordenere Sprache. Man merkt auch daran, dass sie helle sind. Wissen, Schläue, Kompetenz und Kultur sind ihnen irgendwie mit der Muttermilch zugeflossen. Ein Übriges hat das Bildungssystem getan und die Arbeit, die dem Sachsen (sicher auch anderen "Volksstämmen") nicht nur wirtschaftlichen, sondern eben auch kulturellen Status gebracht. Was sich auf diesem Gebiet in unterschiedlichen Bereichen jetzt so entwickelt wäre schon Untersuchungenwert. Zum Thema- ja, Kultur braucht Engagement, Hingabe und vor allem auch Geld. Was sich da in den letzten 27 Jahren so bewegt hat ist wohl mehr Abbau als Zugewinn. Mehr Zentralisation als breite Fächerung und dazu ein Lohngefüge, dass es jammert. Von Ausdünnung der Spielstätten bis hin zur Ausdünnung der Spielkörper ganz zu schweigen.Das Niveau eines Landes ist zuerst erkennbar an der Vielfalt und den Möglichkeiten die Kultur und Bildung hat- da hat Sachsen großen Nachholebedarf!

  5. Friedemann

    Zur allgemeine Erbauung das Originalzitat von Fontane: Theodor Fontane (ein Preuße) schrieb über die Sachsen: "Sie sind die Überlegenen, und ihre Kulturüberlegenheit wurzelt in ihrer Bildungsüberlegenheit, die nicht vom neuesten Datum, sondern fast vierhundert Jahre alt ist."

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