erweiterte Suche
Donnerstag, 14.06.2018 TV-Tipp

In den Fängen der Sex-Mafia

Von Christof Bock

Systematisch missbraucht: Die drei Freundinnen Holly (Molly Windsor, M.), Amber (Ria Zmitrowicz, r.) und Ruby (Liv Hill) in einem Vorstadtviertel von Rochdale wissen nicht, was sie tun sollen.
Systematisch missbraucht: Die drei Freundinnen Holly (Molly Windsor, M.), Amber (Ria Zmitrowicz, r.) und Ruby (Liv Hill) in einem Vorstadtviertel von Rochdale wissen nicht, was sie tun sollen.

© BBC/Arte

Ruby (Liv Hill) lutscht verstört am Daumen, als sie darauf wartet, ihr Kind abzutreiben. Sie ist erst 13. Geistig zurückgeblieben. Missbraucht. Ausgeliefert von einem Ring skrupelloser Zuhälter an einen Familienvater Mitte 30. Kein Einzelfall – nur eines von rund 1 000 Opfern.

Eine TV-Reporterin wird es später auf den Punkt bringen, warum der erschreckende Missbrauchsskandal zusätzlich so heikel ist: „Sämtliche Männer sind pakistanischer Herkunft, während ihre Opfer ohne Ausnahme weiß sind.“ Lange Jahre ignorieren Behörden alle Hinweise vergewaltigter Mädchen aus der Unterschicht. Nach Strafanzeigen werden Anklagen fallengelassen. Davon berichtet das BBC-Drama „Three Girls. Warum glaubt uns niemand?“ auf Arte.

Die dreiteilige Mini-Serie am Donnerstag greift einen wahren Fall aus Großbritannien auf. In Nordengland hatten sich über Jahre Netzwerke gebildet: Orte wie Telford, Oldham, Rochdale stehen als Synonym für eine Kultur des Wegsehens. Zwischen 2003 und 2012 kam es dort zu systematischer sexueller Ausbeutung junger Mädchen. Das Bekanntwerden der Machenschaften von Banden aus Südasien bedeutete für die liberale Einwanderungsgesellschaft eine Belastungsprobe.

Nicht die Taten stehen im Mittelpunkt von Philippa Lowthorpes preisgekrönter Inszenierung. Die Kamera dreht weg, zeigt Aufnahmen aus der Ferne. Es geht um die Vorgeschichte und den schwer fassbaren Umgang der Behörden mit den Außenseiterinnen. Ein Ermittler gähnt Holly ins Gesicht, als sie ihre Vergewaltigung schildert. Andere drehen Opfer- und Täterrolle um: Sie werfen die Mädchen in einen Topf mit Prostituierten. Obwohl sie Kinder sind, die auf Lockvögel hereinfielen, unter Alkohol oder Drogen gesetzt wurden.

Die Aufarbeitung der Verbrechen und des jahrelangen Behördenversagens in vielen Städten dauert bis heute an. Eines der Opfer gab vor wenigen Wochen der BBC ein Interview: „Am Ende habe ich die ,Pille danach’ mindestens zweimal die Woche beim örtlichen Krankenhaus abgeholt – keiner hat je Fragen gestellt.“ (dpa)

„Three Girls. Warum glaubt uns niemand?“, 20.15 Uhr, Arte

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.