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Dienstag, 08.05.2018

Immer Ärger mit den Großeltern?

Das Kunsthaus Dresden zeigt eine Ausstellung zu Erbe und Last früherer Generationen.

Von Uwe Salzbrenner

Antje Engelmann verweist in ihrer Fotografie „Erzählstock“ auf zwei Vorgängergenerationen: die ihrer Urgroßmutter, der Donauschwäbin, die den Stock am Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Flucht aus Ungarn fand. Und die ihrer Mutter. Deren Schmerzkrankheit befällt nahezu nur Frauen, oft mit ererbten Verletzungen.
Antje Engelmann verweist in ihrer Fotografie „Erzählstock“ auf zwei Vorgängergenerationen: die ihrer Urgroßmutter, der Donauschwäbin, die den Stock am Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Flucht aus Ungarn fand. Und die ihrer Mutter. Deren Schmerzkrankheit befällt nahezu nur Frauen, oft mit ererbten Verletzungen.

© Kunsthaus

Ein pensionierter Bauingenieur, einst tätig an der Drushba-Trasse, dem Bau der Erdgasleitung „Freundschaft“, sendet dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eine Videobotschaft. Darin erinnert er sich an die Lebensfreude und Herzenswärme der Ukrainer und Russen und fürchtet den Untergang seines eigenen Landes. Genauer gesagt, der Fotograf Sven Johne lässt den Schauspieler Gottfried Richter im viertelstündigen Film tun, als wäre es so. Als ginge der Mann jeden Montag in Dresden zum Pegida-Spaziergang. Als hätte er Angst um seine Enkelkinder, als wünschte er sich tatsächlich „russische Klarheit“. Während der vorwiegend aus dem Off gesprochenen Rede bügelt er ein weißes Hemd, rasiert sich, duscht sich gründlich. Am Ende steht er vor dem Spiegel, in Anzug und Krawatte, mit gewienerten Schuhen. So wie er sich ausdrückt, könnte er auf die eigene Beerdigung gehen – ein Attentat nicht ausgeschlossen.

Einfach, normal, gut?

Dieser Beitrag, dessen beschwörendes Schulrussisch dem Besucher entgegenschallt, bevor er ins Obergeschoss zum Gros der Ausstellung steigt, ist leider einer der unterkomplexen und daher schwächeren Arbeiten der Schau im Kunsthaus Dresden, die sich unter dem Titel „Immer Ärger mit den Großeltern“ mit Erbe und Last früherer Generationen beschäftigt.

Ähnlich wie Johnes Farce – als einfach, normal, gut – skizziert die Großmutter der tschechischen Konzeptkünstlerin Katerina Seda in groben Zeichnungen ihr Leben. Ist es nicht hier wie da ein wenig komplizierter gewesen; enger, bewusster, schwärzer, heller? Oder, anders gefragt, will Seda ihrer Oma nicht mehr entreißen, traut Johne seinem erfundenen Pegida-Anhänger diese Kenntnis nicht zu? Oder gibt es für Alte in der Gegenwart kaum Gutes? Womöglich fehlt beiden der Widerspruch dokumentarischen Materials, das die meisten der siebzehn in der Ausstellung vertretenen Künstlerinnen und Künstler ausdrücklich liefern.

Das beginnt beim Bildhauer Ingo Vetter, auf dessen Idee und erste Variante im Künstlerhaus Sootbörn bei Hamburg diese Schau beruht. Er zeigt ein Foto seines einen Großvaters, Funker bei der Wehrmacht. Und eins, das Goldzähne, Abzeichen, Manschettenköpfe zeigt, aus dem Besitz des anderen. Gebissgold ist im Zweiten Weltkrieg eine Zweitwährung, oft KZ-Häftlingen geraubt. Dieses Erbe ist vergiftet. Genaueres kann Vetter nicht herausfinden.

Anders belastet, aber anrührend ist die Mitgift für Ahmet Kavas, dessen türkische Großmutter schon Schals in verschiedenen Farben für die künftige Braut des Enkels sammelt. Kavas lebt allerdings weit weg von ihr im thüringischen Weimar. Das Gleiche ist von der mühevollen Arbeit zu halten, die der in Berlin ansässige Bosnier Sascha Tatic in Videoloop und Fotos dokumentiert. Der auf dem großväterlichen Grundstück freigelegte Grundriss für ein Haus wächst zu, wird nochmals freigelegt, wächst wohl wieder zu.

Nach Flohmarktfotos gemalt

Die in Hamburg ansässige Koreanerin Kjung-Hwa Choi-Ahoi kommentiert extra für Dresden Familienfotos, die sich mit Nachbeben der japanischen Kolonialherrschaft beschäftigen. Elektronische Reiskocher der verhassten Nachbarn wollen die Koreaner dennoch haben.

Wenn die US-Amerikanerin Rajkamal Kahlon Fotos aus der Abhandlung „Die Völker der Erde“ übermalt, kritisiert sie nicht bloß, wie man einst Primitivität inszeniert hat. Sie zeigt Inszenierung als bessere Hälfte des Bildermachens. Dies ist noch in den Zeichnungen und Ölgemälden zu sehen, welche die Dresdnerin Johanna Rüggen originalgetreu nach Fotos von Flohmärkten anfertigt.

Deborah Jeromin interviewt drei Frauen von der Insel Kreta, die 1941, zur Zeit des Überfalls der Wehrmacht, Kinder gewesen sind. Sie berichten nicht allein von erlittenem Leid. Sondern auch von der Verwendung der deutschen Fallschirme als Taschentücher, Schals und Kleider. Und wie sie ihre Großmütter verehrt haben, heute noch in Ehren halten!

Die Schau im Kunsthaus Dresden, Rähnitzgasse 8, ist bis zum 21. Mai zu sehen, geöffnet dienstags bis donnerstags von 14 bis 19 Uhr, freitags bis sonntags von 11 bis 19 Uhr.

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