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Montag, 14.05.2018

Im Sog handgemachter Beats

Pianist Hauschka und Tänzer Edivaldo Ernesto verzauberten in der Reithalle mit einer Geschichte ohne Worte.

Von Karsten Blüthgen

Hüllt sich bei einem Klassikfestival die Bühne in Nebel, geht es an Grenzen. Oder darüber hinaus. So am Sonnabend in der Reithalle im Dresdner Industriegelände. Volker Bertelmann spielte zu vorgerückter Stunde magisch am Flügel, der klanglich kaum wiederzuerkennen war. Der Pianist und Komponist, bekannter als Hauschka, steht für das schwer Einzuordnende. Versucht wird es mit Namen wie John Cage und Philip Glass. Ähnlich Cage, dem Pionier des präparierten Klaviers, bestückt Hauschka die Saiten mit allerlei Alltagsgegenständen wie Pingpongbällen, Stäben, Klammern oder Klebebandrollen, lässt ein Tambourin mitrasseln. Wie Glass, einem Begründer der Minimal Music, baut der Düsseldorfer seine Stücke aus simplen Strukturen, die ihre Wirkung erst in vielfacher Wiederholung entfalten und dabei zu Großem wachsen. Zu einem Strom, der sich kaum merklich, aber stetig wandelt.

Ein Flügel am Bühnenrand, Konturen elektronischer Geräte, Monitorlautsprecher hinter dem Klavierhocker – viel mehr brauchte es auf der Bühne nicht. Das Tischchen in der Mitte, auf dem Hauschka zunächst Metronome in Gang setzte und mit hüpfenden Bällen eine weitere rhythmische Fährte legte, sollte später weichen. Schicht für Schicht wuchs seine Improvisation. Eine gute Stunde sollte sie dauern. Nicht nur die Präparierung verfremdete den Klavierklang, machte ihn hier metallischer, dort dumpfer. Hauschka steuerte mit der Klaviatur zugleich ein elektronisches Instrumentarium, das weiter veränderte, Echos und Flächen hinzufügte. Ausgangspunkt blieb die Handarbeit, Beat für Beat. Manchmal wummerte er in ortsüblicher Lautstärke.

Die Augen schließen und sich treiben lassen wäre ein Weg gewesen. Tänzer Edivaldo Ernesto zeigte einen anderen. Der Mosambikaner, der in Berlin lebt und Mitglied der Sasha-Waltz-Compagnie war, gab den musikalischen Strukturen nicht nur eine körperliche Dimension. Mit energiegeladenen, raumgreifenden Bewegungen und intensivem Ausdruck erzählte er eine Geschichte von Werden und Vergehen, von Anpassung und Entfesselung. Vom Tischchen befreite er sich wie von einer Last. Den Flügel maß er mit argwöhnischer Geste. Im poetischsten Moment des Abends spielte Ernesto mit zwei Lichtsäulen, die sich von oben durch den Nebel bohrten. Er ergriff sie, lenkte den Strahl ins Publikum, schob die Säulen nach oben, ließ sie fallen, trat hindurch wie durch eine Tür.

Wer sich auf all das einlassen konnte, der geriet unweigerlich in einen Sog. An diesem Abend in der sehr gut besuchten Reithalle waren es wohl die meisten. Frenetischer Jubel, nachdem Hauschka den Flügel entrümpelt und seinen großen Bogen mit leisen Akkorden geschlossen hatte.

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