erweiterte Suche
Mittwoch, 30.05.2018

Im Schuppen entdeckt

Revolutionär in Nöthnitz: Zum 250. Todestag des Antikenspezialisten Winckelmann sind Dresdner Raritäten zu sehen.

Von Karin Großmann

1

Mit der Rechtschreibung hatten sie es schon damals nicht so. Das Porträt von Johann Joachim Winckelmann schuf Johann Heinrich Lips nach einem berühmten Gemälde. Das Kopftuch gab Anlass für Spekulationen.
Mit der Rechtschreibung hatten sie es schon damals nicht so. Das Porträt von Johann Joachim Winckelmann schuf Johann Heinrich Lips nach einem berühmten Gemälde. Das Kopftuch gab Anlass für Spekulationen.

© Slub/Deutsche Fotothek

Die Nachwelt rümpfte die Nase. Winckelmann sähe aus wie eine alte Frau. Er trage die Mütze eines Waschweibes, hieß es über das Porträt, das Anton von Maron 1768 in Rom malte. Das Tuch werde dem „ehrwürdigen Scheitel“ nicht gerecht. Doch vermutlich hat sich der Mann ganz bewusst entschieden, wie er gesehen werden wollte. Der Kopfputz betont das Legere und Unabhängige ebenso wie der Hausmantel mit dem Pelz. Da lässt sich vom Äußeren auf das Innere schließen. Außerdem wärmt das Tuch. Winckelmann soll bei sich nie geheizt haben, „außer zur Chokolate“. Die Farbe des Gemäldes war noch nicht trocken, da wurden schon Kopien davon bestellt, als wäre der Porträtierte ein Popstar. In gewisser Weise war er das auch.

Mit einer Radierung nach dem Gemälde beginnt die Ausstellung im Schatzhaus der Sächsischen Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek, die am Dienstagabend eröffnet wurde. Sie feiert einen gescheiten Geist, der vielleicht nicht die Welt revolutionierte, aber doch den Blick auf die Welt. Winckelmann machte die Antike hoffein. In einer Zeit der barocken Schnörkel lobte er die gerade Linie und die klare Kontur, „edle Einfalt und stille Größe“. Nur die griechischen Statuen boten ihm Schönheit, Reinheit, Wahrheit und was man sonst von der Kunst erwartet. „Der gute Geschmack hat sich erst unter griechischem Himmel ausgebildet.“ Die These fand begeisterte Follower. So kam die Klassik zur Welt. Plötzlich ließ sich jeder leidlich solvente Fürst ein paar Säulen vors Haus setzen. Zeitgeistbewusste Eltern nannten ihre Töchter Elektra und Iphigenie.

Kalbsleder mit Goldwappen

Johann Joachim Winckelmann war einer der ersten deutschsprachigen Autoren, der schon zu Lebzeiten europaweit geliebt und gelesen wurde. Das hat man dem Schustersohn in Stendal bestimmt nicht an der Wiege gesungen. Nach einigen abgebrochenen Studien in Theologie, Literatur, Medizin und einer freudlosen Lehramtskarriere lief er in Dresden zu großer Form auf.

Im Buchmuseum der Slub wird er nun erstmals als Bibliothekar und Altertumswissenschaftler gewürdigt. Dafür wurde das Museum bis auf den Maya-Kalender ausgeräumt. Einmal mehr zeigt sich, welche grandiosen Schätze dieses Haus birgt. Kurator Thomas Haffner hat feine erhellende Bezüge zwischen ihnen geschaffen. Manchen Schatz hielt Winckelmann selbst in den Händen. Er hatte schon fast jede Hoffnung aufgegeben, als ihm ein junger Mann in Stendal von einer freien Stelle in der Bibliothek des Grafen Bünau erzählte. Dieser Bünau war Winckelmann ein Begriff als Büchersammler und Verfasser der deutschen Reichsgeschichte. 1748 trat der neue Bibliothekar sein Amt im Rittergut Nöthnitz bei Dresden an. „Ich erblicke den Schimmer einer mächtigen Gönnerschaft.“

Er war im Schlaraffenland angekommen, in einer der bedeutendsten Privatbibliotheken Europas mit 42 139 Bänden aus allen Wissensgebieten. Winckelmann jubelte: die kostbarsten Werke, die größten Beschreibungen, die besten Poeten in allen Sprachen und die schönsten Editionen …

Die Ausstellung zeigt einige Exemplare mit Kalbsledereinband und dem goldgeprägten Wappen der Bünaus – und die Prägestempel dazu. Zu sehen ist ein Porträt des promovierten Juristen Heinrich Graf von Bünau mit genau einem solchen Buch in der Hand. Seine Sammlung wurde nach seinem Tod an die kurfürstliche Bibliothek für lachhafte 40 000 Taler verkauft. Zusammen mit der Kollektion des Grafen Brühl entstand so die Basis der Slub.

Selbstverständlich besitzt das Haus auch die erste Auflage jener Schrift, die Winckelmann in der Dresdner Friedrichstadt drucken ließ. Von 50 Exemplaren sollen nur noch neun Stück existieren. Eines hütete Lessing, der Dramendichter. „Ich wage keinen Schritt weiter, ohne dieses Werk gelesen zu haben.“ Das unscheinbare Büchel mit dem Titel „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Mahlerey und Bildhauerkunst“ lieferte das Basiswissen in einer neuen Disziplin: Hier wurden Kunst und Geschichte erstmals zusammengebracht. Die Alabasterbüste, die der Text beschreibt, steht daneben. Was für Raritäten!

Gedrängt wie die Heringe

Das Anschauungsmaterial fand Winckelmann in der Dresdner Antikensammlung. Die besten Statuen entdeckte er allerdings in einem Schuppen „wie die Heringe gepacket“. Kurator Thomas Haffner kann das erklären: Wegen der Festlichkeiten zur sächsisch-bayerischen Doppelhochzeit waren die Werke aus dem Palais im Großen Garten in zwei Schuppen und in einen der Pavillons verfrachtet worden.

Umso glücklicher war Winckelmann, als er ab 1755 die Vielzahl der Altertümer in Rom erforschen konnte. Davon schrieb er dem sächsischen Oberhofmeister Graf Wackerbarth-Salmour. Der Briefwechsel wurde kürzlich angekauft und ist nun erstmals zu sehen. Bis zuletzt hoffte Winckelmann auf eine feste Stelle am hiesigen Hof: „Man denkt noch beständig in Dresden auf mich“, schrieb er in einem Brief. Doch bei einer Reise nach Norden kehrte er um. Auf einem Stadtplan in der Ausstellung ist das Hotel in Triest markiert, in dem er am 8. Juni 1768 mit sieben Messerstichen ermordet wurde. Der Todestag jährt sich zum 250. Mal. Das Gemälde mit Kopftuch ist das letzte aus Winckelmanns Lebzeit.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

Alle Kommentare anzeigen

  1. Dietmar Junghans

    "Die These fand begeisterte Follower." Deutsche Sprache - schwere Sprache...

Alle Kommentare anzeigen

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.