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Freitag, 09.03.2018

„Ich will kein Fallschirmdirektor der Frauenkirche sein“

Daniel Hope wird der erste Musikdirektor des Dresdner Gotteshauses. Ein Gespräch über diesen magischen Ort und einen Vivaldi für die Semperoper.

Daniel Hope: Das nächste Mal steht der Geiger am 5. Mai im Altarraum der Frauenkirche, um mit seinem Orchester Werke von Mozart und Salieri zu spielen.
Daniel Hope: Das nächste Mal steht der Geiger am 5. Mai im Altarraum der Frauenkirche, um mit seinem Orchester Werke von Mozart und Salieri zu spielen.

© Tibor Bozi

Das ist ein Coup. Der Stargeiger Daniel Hope wird der erste Künstlerische Direktor der Dresdner Frauenkirche ab Sommer 2019. Doch bereits jetzt ist er in Dresden aktiv. Der 44-jährige Brite mit deutsch-irisch-südafrikanischen Wurzeln wird am Sonnabend die Ballettpremiere „Ein Sommernachtstraum“ in der Semperoper musizieren. Das ist ungewöhnlich, denn Ballettmusik zu spielen gilt bei vielen Musikern als unwürdig. Hope lacht über solche Ansichten nur. Als er zum Gespräch in die Opernkantine kommt, grüßt der siebenfache „Echo“-Preisträger, der Hunderttausende CDs verkauft, die Tänzer am Nachbartisch: „Amazing – toll gemacht!“ Dann nimmt er sich Zeit für ein Gespräch über seinen neuen Job, den wichtigsten Dresdner Türenöffner und Pegida.

Herr Hope, wie war das, als man Ihnen das Amt des Künstlerischen Direktors der Frauenkirche angeboten hat?

Ich war zuerst sprachlos. Ich hatte zuvor schon einige Male in der Frauenkirche ganz unterschiedliches Repertoire gespielt. Das erste Mal sieht man das Gebäude, geht hinein und beginnt zu verstehen, wofür dieser Bau steht. Ich sage nur Stichworte wie Bach, Nagelkreuz, Coventry ... Jedes Mal, bevor ich reinging, hörte ich mich tief Luft holen. Es ist kein Ort, an dem man einfach sagt: „Es ist schön“, oder „es ist toll“. Man ist eher so ergriffen, dass man zunächst gar nichts sagen kann. Die Magie der Frauenkirche, der inspirierende Raum, dies ist ein Gefühl, keine Kopfsache. Mein Mentor, der Geiger Yehudi Menuhin, hat viel über die Frauenkirche gesprochen, hat Benefizkonzerte für den Wiederaufbau dirigiert. Mein Stiefvater, der Opernsänger ist, hat 1995 ein Benefizkonzert mit Menuhin in der Kathedrale von Coventry gesungen, um Geld für den Wiederaufbau zu sammeln. Die Frauenkirche war somit schon früh ein Thema für mich. Nun hat sich der Kreis geschlossen und ich darf noch viel öfter hierhinkommen.

Was ist die Frauenkirche für Sie?

Sie ist ein einmaliger Leuchtturm. Sie verkörpert für mich wie kein anderes Gotteshaus einen Ort der Stille, des Nachdenkens, des Friedens, der Versöhnung und des kreativen Musizierens. Als die Anfrage kam, musste ich abwägen. Passen meine Vorstellungen inhaltlich? Habe ich die Zeit dazu? Kann ein Fremder, also ein mehr oder weniger Engländer, der eben mit Coventrys und nicht der Dresdner Geschichte groß geworden ist, solch eine Rolle ausfüllen? Auch, wenn ich mittlerweile mit einer Deutschen verheiratet bin, sogar die deutsche Staatsbürgerschaft habe, in Deutschland lebe, wollte ich mir sicher in meiner Entscheidung sein. Mir war klar, dass dies kein Job und Konzertsaal wie jeder andere ist. Es ist eine immense Verantwortung.

Sie haben mit sich den Sommer über gerungen. Ab wann haben Sie geplant?

Ich habe lange mit meinem Team überlegt, was wir gestalten können. Erst seit Ende November konnten wir für 2019 planen. Das ist extrem knapp. Man braucht sonst zwei, drei Jahre, um die lange im Voraus gebuchten Künstler zu bekommen. Nun, im Großen und Ganzen haben wir bereits alles unter Dach und Fach. Im Mai oder Juni werden wir damit an die Öffentlichkeit gehen. Die Position des Künstlerischen Leiters hatte es zuvor noch nicht gegeben. In dieser Rolle bin ich zuständig dafür, Musik in diesen Raum zu bringen – und das das gesamte Jahr über. Ich möchte kein Fallschirmdirektor sein, der ab und zu einfliegt. Ich will Dresden gut kennenlernen. Ich möchte mit den Kollegen in Dresden kooperieren und langfristig auch Verbindungen mit dem Ausland schaffen.

Kommen jetzt nur Hope-Freunde?

Nein, Herr Klempnow! Mein Team hat die Erfahrung gemacht: Das Wort Frauenkirche öffnet Türen. Es gibt bei vielen Künstlern eine starke Bereitschaft, in Dresden zu musizieren. Zwei Sachen sind mir besonders wichtig. Erstens will ich versuchen, die gesamte Kirche zu bespielen. Die Unterkirche ist für mich ebenfalls ein besonderer, inspirierender Ort. Dort gab es natürlich schon Konzerte, aber für meine Empfindung noch nicht genug, um ihn als Kammermusikraum zu etablieren. Zweitens will ich nicht nur auf die großen, internationalen Stars setzen, sondern es ist mir ein großes Anliegen, jungen sächsischen und deutschen Musikern ein Podium zu bieten.

Künstler kennen meist keine Budgetgrenzen, doch die Frauenkirche ist nicht subventioniert. Wie halten Sie es?

Wir kalkulieren sehr streng. Und das bedeutet auch, dass ich auf Freunde und Kollegen zugehe und gleich sage, dass wir nicht die größten Gagen zahlen können. Wir haben stets die Erfahrung gemacht, dass die Frauenkirche für viele Menschen eine große Bedeutung hat und wir nur positive Rückmeldungen bekommen.

Sie als einer der Stargeiger musizieren zuvor live fürs Dresdner Ballett. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Das Ballett der Semperoper ist auf mich zugekommen. Der Choreograf David Dawson kreierte zu Max Richters Rekomposition von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ ein Stück. „The Four Seasons, recomposed“ wurde für mich 2012 geschrieben, seitdem habe ich es weltweit an die 150-mal gespielt. Der neue Ansatz von Dawson hat mich besonders interessiert. Ich habe schon einige Male mit Tänzern gearbeitet, etwa zu Choreografien von George Balanchine, aber das hier war für mich etwas Neues.

Sie musizieren im Graben, man kann Sie also nicht sehen. Stört Sie nicht?

Überhaupt nicht. Allerdings habe ich mich entschlossen, zum ersten Mal in meinem Leben dem Publikum absichtlich den Rücken zu kehren, damit ich genau verfolgen kann, was auf der Bühne geschieht. Es ist faszinierend zu sehen, wie diese vertraute Musik in Bewegung umgesetzt wird. Ich mag die Realisierung von Musikprojekten, in denen sich Genres treffen, und man untersucht, was genau sie miteinander zu tun haben. Interessant ist, dass ich durch die Ideen des Choreografen Richters Musik wieder anders als bisher spiele. Im Laufe der Jahre hat sich das Stück für mich verändert. Nun musste ich für die Ballettproduktion quasi die Reset-Taste drücken, zurück zum Original von 2012 gehen, weil David Dawson sich auf die Aufnahmen von damals bezog. Da sind die Tempi anders, der Ausdruck ist es ebenfalls. Es gibt kein Sicherheitsnetz mehr. Das macht es für mich ungeheuer spannend.

Eine Ihrer ersten Taten nach der Berufung als Kirchen-Musikchef ist ein Auftritt beim Nachbarn – ungewöhnlich.

Es ist jedoch eine Ehre für mich, mit der Sächsischen Staatskapelle zu spielen. Ich spiele außerdem das erste Mal in der Semperoper. Dann auf der Ballettbühne miterleben zu dürfen, was diese hochbegabten Künstler des Semperopern-Balletts leisten, was die Tänzer ihrem Körper abverlangen, das ist großartig. So, wie ich im Graben stehe, bin ich Teil der Produktion, des Teams, herrlich! Leider kann ich nur die ersten Vorstellungen spielen, da die Anfrage für meinen auf Jahre im Voraus verplanten Terminkalender recht spät kam. Aber mit Simos Papanas wird ein hervorragender Geiger die anderen Abende musizieren.

Sie haben bereits mit dem Popsänger Felix Räuber von der Dresdner Band „Polarkreis 18“ gearbeitet – wie das?

Für Felix habe ich ein Stück auf seiner Comeback-Platte aufgenommen. Wir kennen uns von einem gemeinsamen Konzert 2008, als ich in der Abflughalle Berlin-Tempelhof die Aktion „Tu was!“ zum 70. Gedenktag der Reichspogromnacht organisierte. Ich wollte ein genreübergreifendes Programm kreieren, um damit ein Zeichen zu setzen. Klaus Maria Brandauer hat dort gelesen, Thomas Quasthoff hat gesungen, es gab aber auch Soul und Jazz. Ich suchte unbedingt auch einen frischen Pop-Act. Ich hatte zufällig „Allein, allein“ von Polarkreis 18 gehört, bevor es ein Hit wurde, und rief die Band an. Felix und seine Musiker sagten sofort zu. Das habe ich nicht vergessen. Im vergangenen Jahr bekam ich eine Mail von Felix – er wollte für mich eine Geigenstimme für die erste Single „Wall“ schreiben. Ein traumhaft schönes Lied. Er hat eine tolle Stimme, er ist ein denkender Künstler, er hat was zu sagen. Das hat mich sehr bewegt. Es war wieder eine Möglichkeit, die musikalischen Welten einander etwas näherzubringen, die mental eher auseinanderliegen.

Sie sind bereits Chef vom Züricher Kammerorchester, beraten eines in San Francisco, leiten in Georgia ein Festival, haben 130 Auftritte im Jahr, machen im WDR 3 eine wöchentliche Radiosendung, schreiben Bücher – hyperaktiv?

Meinen Sie das als Kompliment? Wissen Sie, 2019 stehe ich 30 Jahre auf der Bühne. Das verändert mein Denken. Ich habe ein vierjähriges Kind und merke, dass ich nicht immer so rastlos weiterleben will wie bisher. Deshalb möchte ich Säulen schaffen. Zürich vor zwei Jahren war der Anfang. Vielleicht wird Dresden auch zu einer kreativen Heimat. Ich lebe jetzt in Berlin und genieße es, in Deutschland zu sein. Ich werde immer viel reisen, weil es für mich das größte Privileg ist, Musik zu machen. Die zweistündige Radiosendung jede Woche gehört dazu. Das ist viel geistige Arbeit. Aber ich kann ganze Stücke ausspielen und darüber sprechen, kann mich thematisch konzentrieren.

Und Bücher schreiben Sie im Flugzeug?

Nach vier Büchern bin ich eigentlich mit diesem Thema fertig. Bücher schreiben ist eine so kolossale Arbeit. Woran ich allerdings derzeit arbeite, ist die englische Übersetzung meines Debüt-Buches „Familienstücke“.

Das war Ihr eindrücklichstes Buch.

Das kann sein. Es entstand 2007 und war eine lange Selbstanalyse dieser Mischung aus katholisch-irischen, jüdisch- und protestantisch-deutschen Wurzeln, die tief in mir steckt. Als ich das Buch schrieb, hatte ich eine private Krise, die sich erst änderte, als ich meine jetzige Frau kennenlernte – eine Berlinerin. Mit ihr entdeckte ich neu, dass das Deutsche mein Zuhause ist: die Kunst, die Musik, die Literatur, die Sprache. Meine Mutter, die in Österreich lebt, sagt: Du bist so deutsch geworden. Nach vielen Jahren mit stetigen Umzügen alle paar Jahre bin ich endlich angekommen. Deshalb fühlt sich auch Dresden so gut an, weil die Geschichte von Jahrhunderten in dieser Stadt verankert ist, gerade die Musikgeschichte.

Es gibt Künstler wie Iris Berben, die meiden Dresden, weil hier montags die Rechtsradikalen und Fremdenfeindlichen von Pegida demonstrieren. Man wird Sie danach fragen – was sagen Sie?

Iris Berben und ich werden am 10. November ein Konzert in der Frauenkirche geben. Und was die Demonstrationen angehen: Sie haben mich nicht abgehalten, den Ruf der Dresdner Frauenkirche anzunehmen. Demonstrationen gibt es ja nicht nur in Sachsen. Aber ich gebe zu, die Neuerstarkung der rechten Gesinnung, die wir derzeit in vielen Ländern beobachten können, ist für mich als überzeugter Europäer besorgniserregend. Wenn sich jedoch Millionen Menschen von den großen Parteien abwenden, dann muss man sich das anschauen. Das ist nicht nur irgendein kurzfristiger Effekt. Die Menschen wollen ernstgenommen werden und wollen, dass ihre Sorgen respektiert werden.

Momentan scheint das Land eher zu implodieren statt zu reagieren, oder?

Auch ich habe den Eindruck, dass in vielen Ländern die Politik verrücktspielt. Und, dass die Menschen den Glauben an die Politiker verlieren. Nicht nur in Deutschland, wobei ich diesem Land großes Potenzial zubillige, diese Krise zu meistern. Doch zurück zur Pegida-Frage. Nun, meine „Gegenmittel“ sind begrenzt. Ich bin Musiker. Was mich immer mehr an der Dresdner Historie fasziniert, ist, welche besondere Rolle die Musik auch in Krisen gespielt hat. Das motiviert mich. Deshalb werde ich versuchen, mit den Angeboten in der Frauenkirche so viele Menschen wie möglich zu uns zu bringen und einige davon zum Nachdenken anzuregen. Ich mache mir aber nichts vor: Wenn mir das gelingen sollte, schön, wenn nicht, dann haben wir wenigstens schöne Musik geschaffen.

Das Gespräch führte Bernd Klempnow.

„Ein Sommernachtstraum“ in der Semperoper am 10. und 12. 3 mit Daniel Hope sowie am 14., 17. und 19. 3. mit Simos Papanas; Kartentel. 0351 4911705

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