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Mittwoch, 13.06.2018

„Ich spiele jedes Konzert, als wäre es das letzte“

Wanda-Frontmann Michael Marco Fitzthum über Liedzeilen auf der Haut, Konzerte in Dresden und die Lust auf Schnaps.

Michael Marco Fitzthum (l.) und seine Band Wanda gehören zu den erfolgreichsten Musikern Österreichs und spielen am 15. September in Dresden.
Michael Marco Fitzthum (l.) und seine Band Wanda gehören zu den erfolgreichsten Musikern Österreichs und spielen am 15. September in Dresden.

© Universal

Plötzlich war diese Band da: 2014 brachte Wanda aus Wien „Amore“ heraus, ein Album, das sich spektakuläre 102 Wochen in den österreichischen Charts hielt und auch hierzulande abräumte. Die Platte wurde prompt als Klassiker eingestuft, die Band, die sich ihren Namen bei der Zuhälterin Wanda Kuchwalek lieh, spielte nur noch in vollen Sälen. Bevor die Band im Sommer in der „Jungen Garde“ rockt, spricht Frontmann Michael Marco Fitzthum über Auftritte in Dresden, Erich Kästner und Ekstase.

Marco, Sie haben in Wien Sprachkunst studiert. Wollten Sie noch nie ein Buch schreiben?

Da hat es schon öfter Überlegungen gegeben, aber ich stelle mir das Leben eines Schriftstellers sehr einsam vor. Ich habe meine Gang, meine Band und fühle mich in diesem Umfeld wesentlich geborgener, stärker. Ich weiß nicht, ob ich mich in dieser Lebensphase so sehr mit mir selbst beschäftigen möchte, wie das ein Schriftsteller vermeintlich zu tun hat.

Sie haben kürzlich erzählt, dass Sie die Verfilmung des Erich-Kästner-Romans „Die Konferenz der Tiere“ schon früh dazu brachte, Musik zu machen und vor allem zu schreiben.

Ach ja, das psychedelische Interview …

Hat Sie auch später noch ein Werk Kästners inspiriert? Vielleicht der Roman „Fabian – Geschichte eines Moralisten“?

Nein, den kenne ich leider nicht. Bei mir klingelt es nur bei den Kinderbüchern wie „Emil und die Detektive“ oder „Das doppelte Lottchen“. Aber danke für den Tipp.

Kästner ist gebürtiger Dresdner, Sie spielen Ende September wenigstens zum fünften Mal hier. Erinnern Sie sich noch an alle Konzerte?

Ja. Interessanterweise waren die meisten davon jeweils Tourabschluss-Konzerte. Das ist zwar Zufall, aber es war immer sehr schön, sich noch einmal an diesen wundervollen Menschen aufzuladen, bevor man dann ins schwarze Loch nach Hause fährt.

Es gibt aber keine Bühne, die Sie als Favorit im Kopf behalten haben?

Nein, die Location ist für mich belanglos. Viel wichtiger ist es, dass dort Menschen sind, die eine unheimliche Lust auf Ekstase ausstrahlen. Es interessiert mich vielmehr, dass wir gemeinsam Grenzen überwinden, die das System, in dem wir leben, ständig zwischen uns zieht. Wir leben in einer Zeit, in der so viel gespalten wird. Was sicher lukrativ ist und sich für einige wenige bestimmt unheimlich bezahlt macht. Aber ich habe das Gefühl, wir sollten diese Gräben überwinden und zueinanderfinden.

Nun gibt es in der Jungen Garde, wo sie spielen, eine klare Grenze: Spätestens um zehn muss dort Schluss sein. Ist das ein Problem für Sie?

Puh, ich weiß nicht. Ich sehe mich eigentlich nicht als Rebell, außer gegen die Langeweile. Ich glaube, ein Rock ’n’ Roll-Konzert kann auch um elf in der Früh stattfinden, und alle können zufrieden nach Hause gehen. Das ist unabhängig von der Zeit.

Wie wird sich die neue Tour von den Vorläufern unterscheiden?

Wir versuchen, den Spagat zu lösen zwischen diesen etwas ekstatischeren Rock ’n’ Roll-Nummern der ersten beiden Alben und dem ein wenig Düsteren, Morbiden, was das neue Album an sich hat. Das ist künstlerisch eine Herausforderung – und fürs Hirn, schnell zwischen beiden Polen zu switchen. Das wird spannend. Wir arbeiten auf alle Fälle hoch konzentriert.

Sie besingen nicht nur Bologna, sondern haben inzwischen auch Lieder auf Italienisch veröffentlicht. Gibt es schon eine Resonanz von dort?

Ja, es ist vereinzelt aufgeblitzt in niedrigen Chartspositionen auf iTunes oder so etwas. Es gibt vielleicht eine Handvoll Wanda-Fans in Italien, aber ich mag mich dort nicht aufdrängen. Wenn die Italiener uns wollen, würden wir allerdings auf jeden Fall hinfahren.

Am Anfang von Wanda haben Sie oft von einem klaren Plan gesprochen, den die Band verfolgt. Zuletzt zeigten Sie sich aber überrascht, welche Dimensionen die Sache angenommen hat. Haben Sie noch alles in der Hand?

Wir hatten natürlich keinen Plan, wie man sechsfach mit Platin ausgezeichnet wird. Aber wir hatten den Plan, aus einer gewissen hoffnungslosen Lebensphase herauszufinden. Der Plan war, sich aus dem Underground abzusetzen. Aber dann hat das Ganze eine Dynamik entwickelt, dass ich nur noch sagen kann, ich bin hier zufälligerweise dabei. Aber ich hab wenig, immer weniger damit zu tun. Ich habe mehr den Eindruck, dass das Lebensgefühl, das rund um die Band entstanden ist, vom Publikum definiert und uns beigebracht wird.

Macht es Ihnen Sorgen, wenn Sie hören, dass sich Leute Albumtitel oder Liedzeilen auf die Haut tätowieren lassen?

Das nimmt man belustigt bis demütig zur Kenntnis. In Wahrheit ist es aber eine große Ehre.

Vor zwei Jahren sollen Sie gesagt haben: Wenn das so weitergeht, stirbt einer.

Darum spiele ich auch jedes Konzert, als wäre es das letzte.

Sie sind nach den Auftritten aber nicht mehr unterwegs durch die Szene?

Ach doch, das kann schon noch vorkommen. Jede deutsche Stadt hat ihre zwei, drei Kneipen, die ich kenne.

Schnaps trinken Sie also noch immer?

Das ist schwierig. Irgendwann wird man nur noch ungut, wenn man Schnaps trinkt. Bei mir ist das eher ein Genussmittel, das sich langsam ausschwingt.

Haben Sie schon ein neues gefunden?

In Wahrheit trinke ich alles, was dasteht. Außer, es brennt, dann lieber nicht.

Das Interview führte Cornelius de Haas.

Das Dresden-Konzert: Wanda spielen am 15.9. in der Dresdner Jungen Garde
Karten gibt es in den SZ-Treffpunkten und unter 0351-48642002
Das Album: Wanda, Niente. Vertigo/Universal

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