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Donnerstag, 08.03.2018

Heidis Baukastenprinzip

Jede Kritik scheint an „Germany’s Next Topmodel“ abzuprallen. Doch spätestens nach #MeToo könnte sich das ändern.

Von Johanna Lemke

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Wer bei Heidi Klums Show „Germany’s Next Topmodel“ mitmacht, muss eindeutig ins Raster passen. Es geht nicht um Schönheit, sondern um das Einhalten von Maßen wie beim Baukastenprinzip.
Wer bei Heidi Klums Show „Germany’s Next Topmodel“ mitmacht, muss eindeutig ins Raster passen. Es geht nicht um Schönheit, sondern um das Einhalten von Maßen wie beim Baukastenprinzip.

© ProSieben

Heidi kann es nicht fassen. „Was war das denn?“, fragt sie entsetzt, nachdem Gerda auf Highheels auf sie zugestakst ist. „Ich konnte kaum die Augen offenhalten, so langweilig war das!“, wettert Heidi Klum, Moderatorin der Sendung „Germany’s Next Topmodel“, auch GNTM genannt. Heute ist Heidi gnädig, heute bekommt Gerda ein Foto. Eine Runde weiter. Sie wird trotzdem zerknirscht hinter die Bühne gehen. Das war keine gute Leistung.

Zum 13. Mal verheizt Pro 7 auf dem besten Sendeplatz die Würde junger Frauen. Nach einem kleinen Einbruch in den letzten Jahren steigen die Quoten wieder. Die Merchandise-Artikel verkaufen sich prächtig: Puppen, Magazine, Billigschminke, was auf die größer werdende Zielgruppe der Mädchen zwischen acht und zwölf Jahren hinweist. Sie wachsen von klein auf mit dem Bild auf: Sei hübsch und tu, was man dir sagt, dann kommst du weiter. Die Folgen sind nicht zu übersehen: Studien stellen einen direkten Zusammenhang zwischen „Germany’s Next Topmodel“ und dem Körperbild von 16- bis 17-Jährigen her. Die Hälfte aller Mädchen in diesem Alter fühlt sich nicht wohl im eigenen Körper – vor acht Jahren war es noch ein Drittel.

„Kurvig“ mit Größe 36

Wie passt das alles zusammen mit den Diskussionen der letzten Monate? Im Zuge der #MeToo-Debatte berichteten unbegreiflich viele Frauen von sexuellen Übergriffen. Begonnen bei offensiven, lüsternen Blicken in der Tram, über anzügliche Sprüche durch Vorgesetzte bis hin zu konkreter sexueller Gewalt. Die Drastik der Fälle unterscheidet sich stark, aber eins eint sie: Frauen werden als Objekt behandelt. Ihre Person zählt nicht mehr.

Sexismus meint nicht, dass jemand sich sexy anzieht. Es bedeutet auch nicht, dass Mann und Frau sich näherkommen, wenn beide das gut finden. Sexismus benennt die Abwertung eines Geschlechts. Im Zuge der Diskussion über dieses Thema wurden diverse Mücken zu Elefanten gemacht, denn natürlich ist nicht jede flüchtige Berührung gleich ein Übergriff. Doch in unserer Gesellschaft wird es offenbar noch immer toleriert, dass junge Mädchen nicht zu viel Widerspruch leisten sollten. Genau das vermittelt „Germany’s Next Topmodel“.

Die Kritik an GNTM ist so alt wie die Sendung selbst. So ziemlich alles wurde gesagt, trotzdem ändert sich nichts. Die Show funktioniert seit 13 Jahren nach dem immer gleichen Prinzip, das im Übrigen auch die Grundlage für den Erfolg der Kosmetikindustrie ist: Jungen Frauen wird eingeredet, dass sie mangelhaft sind, woraufhin sie von Gönnern oder Produkten äußerlich und psychisch aufgemöbelt werden und in aller Schönheit auferstehen. Es ist das Entlein-Schwan-Prinzip, ganz simpel. Pro 7 lädt als Feigenblatt zwei „kurvige“ Frauen ein, die Größe 36 bis 38 tragen statt 34, und beruft sich auf den Erfolg.

Etwa zwei Millionen Menschen sehen in diesem Jahr wöchentlich dabei zu, wie sich die „Meeedchen“, wie Heidi Klum sie nach wie vor gern nennt, am liebsten die Augen auskratzen würden. Im Ernst? Nein, natürlich nicht. Jeder weiß, dass alle Zickereien und Freundschaften nur gespielt sind. Ehemalige Kandidatinnen haben anonym berichtet, wie ihnen Kameraleute genau diktierten, was sie sagen sollen oder welche Rolle sie spielen sollen – nervige Zicke, Dramaqueen oder die, die schon früh rausfliegt. Die Teilnehmerinnen machen da mit, sie unterschreiben das vorher, keine ist so naiv, nicht zu wissen, dass sie Teil einer gut gemachten Reality-Soap ist. Dadurch ist GNTM für viele Zuschauer auf das Niveau des Dschungelcamps gerutscht, Trash-TV, von dem man sich herrlich abgrenzen kann. Bloß schleicht man sich damit auch aus der Verantwortung.

In der vierten Folge der derzeit laufenden dreizehnten Staffel drohte den Kandidatinnen das berüchtigte Umstyling. In einem Raum ohne Spiegel wurden ihnen die Haare geschnitten und gefärbt. Wie sie hinterher aussehen werden, erfahren sie erst nach dem Vollzug. Zum Drehbuch gehört, dass sich die jungen Frauen davor fürchten, dass man ihnen die langen Haare schneidet oder allzu krass färbt. Auch, dass sie weinend auf den Friseurstühlen sitzen, ihre Köpfe mit den Händen schützen und man gegen ihren Willen den Rasierer ansetzt oder Bleichmittel aufträgt. Ist seit #MeToo wirklich nichts passiert?

Ist es feministisch, nackt zu sein?

Leider drehte sich die Sexismusdebatte viel zu lange darum, wie Frauen und Männer sich nun zu verhalten haben. „Darf“ man jetzt einer Frau noch sagen, dass man sie attraktiv findet? „Darf“ frau noch kurze Röcke tragen? „Dürfen“ Frauen behaupten, dass sie von einem Starregisseur vergewaltigt wurden, auch wenn die Tat viele Jahre zurückliegt, oder muss der Regisseur vor Vorverurteilungen geschützt werden? In der deutschen Diskussion ging es vorrangig um verunsicherte Männer, immer wieder wurden die Beschwerden von Frauen als lächerlich abgetan. Auf genau dieser Stufe läuft es, wenn man ironisch über GNTM spricht, ganz nach dem Motto: Nehmt das doch alles nicht so ernst. Doch diese Distanz ist fatal. Sie verharmlost die Botschaft der Sendung: Es gibt einen Baukasten der Schönheitsideale und weiblichen Verhaltensnormen, wer da nicht reinpasst, weil zu zickig oder zu langweilig, fliegt raus.

Im Vorspann der aktuellen Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ schält sich Heidi Klum höchstpersönlich fast nackt aus einer riesengroßen Muschel. Man kann der 44-Jährigen nicht vorwerfen, dass sie das nicht selbstbewusst tut. Und ist es nicht feministisch, seinen Körper stolz zu präsentieren? Auf diesem Argument baute auch die Folge auf, in der sich die jungen Frauen nackt in karibischer Brandung räkeln mussten. Dass einige sich in Weinkrämpfen wanden, aus Angst, „billig“ zu wirken, gehörte zum Drehbuch. Fast erleichtert war man, als Heidi die „Mädchen“ beruhigte und sagte, wie toll sie doch aussähen. Um persönliche Grenzen geht es nicht mehr, nur darum, wie man sie untergräbt.

Ende Februar machte ein Video Karriere. Hamburger* Schülerinnen sangen darin, warum sie nicht „Heidis Girl“ werden wollen (s.u.). Es wurde auf Youtube 700 000 mal angesehen. Unter #notheidisgirl kann man seine Meinung über GNTM loswerden. Es posten vor allem junge Mädchen. Vielleicht tut sich ja doch etwas.

*In der ersten Version dieses Artikels hatten wir fälschlicherweise „Berliner Schülerinnen“ geschrieben. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 26 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Dresdner

    Wo sind die Medienwächter bei so einem erniedrigenden, sexistischen Assi-Format? Das gehört nur VERBOTEN! Jeder, der sich so etwas anschaut, ist ja wohl etwas minder bemittelt und das muss man dann nicht auch noch unterstützen? Und was haben KINDER im Alter von 8 bis 17 als Hauptzielgruppe ab 20 Uhr vor dem Fernseher zu suchen??? Die gehören ins Bett - es ist schließlich Schulzeit! Die Eltern gehören gleich mit bestraft! Herrje, wie KRANK ist diese Gesellschaft .... und alle freuen sich ... ich könnt nur ko****!!!

  2. Thomas

    @1: Wenn ich sie so unkonstruktiv und verbal abartig schimpfen höre, mache ich mir wirklich Sorgen um unsere Gesellschaft...

  3. Homer

    @Dresdner: Dem ist nichts mehr hinzuzufügen! Genau meine Gedanken. Solange noch diese Grütze im TV läuft, kann es mit #metoo gar nicht so schlimm sein!

  4. @SZ Redaktion (Hamburg satt Berlin)

    "...Ende Februar machte ein Video Karriere. Berliner Schülerinnen sangen darin, warum sie nicht „Heidis Girl“ werden wollen...." https://www.berliner-zeitung.de › Familie 14.02.2018 - Diese Mädchen wollen gar kein Foto von Heidi: Mit einem selbst komponierten Song protestieren Hamburger Schülerinnen gegen die bei der Sendung „Germany's Next Topmodel“ propagierten Schönheitsideale.

  5. Dresdner

    @2: In einer degenerierten Gesellschaft, in der jeder alles machen darf, in der die Entscheidungsträger in Unternehmen und Politik "freie Hand für jede Blödheit brauchen", da sind deutliche Worte, ein eigener STANDPUNKT und eine persönliche Haltung natürlich hinderlich und verpönt. Und jeder, der dies noch zeigt, wird gleich als Nestbeschmutzer und Nögelheini diffamiert.

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