erweiterte Suche
Freitag, 02.02.2018

Hauptsache Spaß

Im Bildungswesen ist gut gemeint eben noch lange nicht auch gut getan.

Von Werner J. Patzelt

Prof. Werner J. Patzelt.
Prof. Werner J. Patzelt.

© Ronald Bonß

Toll, wenn jemand etwas Schwieriges mit Eleganz bewältigt – Tanzen etwa, oder Slalomfahren. Herrlich, wenn Schweres wie mühelos gelingt – ein Klavierkonzert, eine große Rede. Einfach schön, wenn alle Anstrengung hinter selbstsicherer Lockerheit, ja lässiger Anmut verschwindet.

Wen wundert es, dass man solche Posen dann gern nachahmt und der coole Auftritt zum Soll wird. Doch er gerät zur bloßen Fassade, falls die Mühe gescheut wurde, zur Schau gestellte Meisterschaft auch tatsächlich zu erwerben. Dann nämlich entsteht habituelle Heuchelei, kommt es zu Schmeichelgemeinschaften auf Gegenseitigkeit. Beides zeitigt nagende Ich-Schwäche, hilflose Verletzlichkeit, lauernde Angst vor dem Verrutschen der Maske. Widerfährt das, so wächst Lust auf Rache an dem, der einen bloßgestellt hat.

Zu viele Leute solcher Art bringt unser Bildungssystem derzeit hervor. Spielerisch soll möglichst alles gelingen, Spaß die nie versiegende Energiequelle sein. Schöner Schein, umsichtig hervorgebracht, macht dann viele zufrieden: die Abzähler von Bildungszertifikaten, die Bilanzierer von immer besseren Noten, die Lobredner pädagogischer Abkürzungen, die Freunde eines Lernens nur noch des Lernens, bei dem es weniger auf beherrschte Inhalte ankommt denn auf schaustellerisches Können.

Glücklicher scheinen jene jungen Leute aber nicht geworden zu sein, denen man das alles angedeihen lässt. Schulstress und Prüfungsangst schwanden ja nicht. Vereinsamend werden sie von denen erlitten, die sich von den Tüchtigkeitsposen der anderen beeindrucken lassen. Deren Versagensangst aber wird oft überlagert durch Aktivismus bei der Selbstdarstellung, durch Aggressivität gegenüber fordernden Lehrenden, durch Opfergehabe.

Besser wäre es, die Mühen des Lernens, die Plagerei des Übens, die Kosten jeden Aufbruchs aus schon Vertrautem als wichtige Investitionen anzusehen. Richtig wäre es, bloße Bildungsfassaden systematisch einzureißen: das tatsachenignorante Schwadronieren, das blenderische Schöndaherreden, das Ego-Doping durch selbstgefälliges Moralisieren. Und den richtigen Weg schlügen wir genau dann ein, wenn wir uns nicht länger vormachten, im Bildungswesen sei gut gemeint auch schon gut getan – ganz gleich, ob beim rein exemplarischen Lernen oder bei der bedingungslosen Inklusion.

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein
    Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.