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Freitag, 25.05.2018

Hauptsache neu

In der Schulpolitik wird Bewährtes oft verteufelt. Läuft was schief, sind die Lehrer schuld. Ein Beitrag von Werner J. Patzelt aus der Reihe „Besorgte Bürger“.

Von Werner J. Patzelt

Prof. Werner J. Patzelt
Prof. Werner J. Patzelt

© ronaldbonss.com

Wie herrlich kann man sich doch in der Schulpolitik profilieren! Immer wieder braucht es Reformen. Ein gegliedertes Schulsystem muss vergesamtschult werden; später gilt es, Gesamtschulen wieder zu differenzieren. Heute sind neue Fächer einzuführen, vom richtigen Essverhalten bis zum Umgang mit – meist veralteten – Computern; morgen wird dann der Lehrplan entrümpelt. Neue Lehrmethoden müssen her, möglichst mit dem Lehrer als freundlichem Begleiter selbst organisierter Schülergespräche, und, ja, frontalunterrichtsabstinent.

Empirisch zu überprüfen, ob etwa das „Schreiben nach Gehör“ wirklich Vorteile bringt, braucht es vor dessen Einführung als Lehrmethode nicht; es reicht der Politikerglaube an die Genialität innovativer Didaktikprofessoren. Später kann man sie ja als akademisch-praxisfremd verachten und Schulpolitik der Marke Eigenbau betreiben. Vor allem Spaß soll die Schule machen; und lernt sich dann doch nicht alles spielerisch-mühelos, dann macht man eben neue Reformen, diesmal gegen Schulstress und Versagensangst.

Und wie schön ist es, schulpolitische Grundsatzdebatten anzustoßen! Alles Gute und Schöne lässt sich da vorbeten, jede Gegenposition festlich exorzieren. Gerade Bewährtes braucht immer wieder Kritik; für Neues hingegen gehört sich Sympathie. Um Gesellschaftspolitik geht es ständig, und zwar ziemlich stracks. Denn wirklich alles wird gut, wenn nur die richtigen Lehrpläne befolgt werden und die Struktur des Schulsystems zur jeweils angesagten Pädagogikmode passt. Toll im doppelten Wortsinn, dieser Glaube an die schulpolitische Lösbarkeit von Gesellschaftsproblemen!

Etwa durch Inklusion. Praktiziert man die, so schöpft man nicht nur Bildungsreserven bestens aus, sondern kann auch noch die Förderschulen einsparen. Begabungsunterschiede? Die Besseren ziehen die Schwächeren einfach mit! Auseinanderlaufende Bildungsinteressen? Da muss die Schule ja erst recht vereinheitlichen! Letzteres gilt auch für die Integrationsaufgaben unserer Einwanderungsgesellschaft. Gerade multikulturelle Schulklassen schaffen das doch ganz gewiss! Alphabetisierungs- und Sprachprobleme, gar Disziplinschwierigkeiten? Da sollen sich die Lehrer einfach mehr anstrengen und außerdem weiterbilden! – Wie aber organisiert man die Weiterbildung von Schulpolitikern?

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.