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Mittwoch, 10.10.2018

Hansdampfs Hochzeiten

Phil Collins trommelte für Dutzende andere Stars wie Robert Plant, Joe Cocker oder Paul McCartney. Jetzt gibt es sein Lebenswerk als Schlagzeuger in einer CD-Box.

Von Marcus Thielking

Phil Collins (l.) und Robert Plant – nur eine von vielen ungewöhnlichen Begegnungen auf der CD-Box.
Phil Collins (l.) und Robert Plant – nur eine von vielen ungewöhnlichen Begegnungen auf der CD-Box.

© Ron Galella Collection/Getty Images

Led Zeppelin und Phil Collins? Das passt für Rock ’n’ Roll-Fans so gut zusammen wie Lederjacke und Strickpulli. Dem Sänger Robert Plant war das egal. Er brauchte einfach einen guten Drummer für sein erstes Solo-Album. Seine legendäre Band Led Zeppelin gab es nicht mehr, seit Schlagzeuger John Bonham 1980 im Alkoholrausch gestorben war. Und einer, den man damals immer fragen konnte, weil er wie ein junger Gott spielte und nie Nein sagte, war nun mal Phil Collins. Der sang und trommelte zwar schon erfolgreich für seine eigene Band Genesis. Aber so richtig ausgelastet schien er damit nicht zu sein.

Heute macht der 67-jährige Collins eine Reihe von Comeback-Konzerten, nachdem er für einige Jahre aufgrund von Alkoholproblemen weg vom Fenster war. Seit einer Operation an den Halswirbeln wird er wohl nie wieder richtig Schlagzeug spielen können. Im Lauf von gut vier Jahrzehnten hat er für Dutzende Musikerkollegen hinter den Trommeln und Becken gesessen, darunter viele, die selbst Superstars sind: die beiden Beatles Paul McCartney und George Harrison, Abba-Sängerin Frida Lyngstad, Eric Clapton, die Bee Gees, Joe Cocker, Annie Lennox, Bryan Adams. Aus dieser einzigartigen Parallel-Karriere ist jetzt ein Best-of-Album der ganz besonderen Art entstanden: Die CD-Box „Phil Collins Plays Well With Others“ versammelt eine Auswahl an Songs, auf denen Collins Schlagzeug spielt, aber meist selbst nicht singt.

Musikalisch interessant ist die Sammlung schon allein wegen der zahlreichen Stilrichtungen, die Collins beherrscht: Neben Pop und Rock spielt er Bigband-Jazz, Folk, Fusion, bis hin zu völlig artifiziellen Experimenten, die von Balladen wie „Against All Odds“ oder „One More Night“ so weit weg sind wie Zwölftonmusik vom Opernball. In den 70er-Jahren wirkte der junge Drummer an Projekten von Intellektuellen-Musikern wie Brian Eno oder Robert Fripp mit – für heutige Phil-Collins-Fans unvorstellbar.

Die Aufnahmen beweisen, dass Collins nicht deswegen so oft gebucht wurde, weil man sich mit seinem berühmten Namen schmücken wollte – sondern weil er als Drummer einfach exzellent war. Für die CD-Edition hat Produzent Nick Davis die Bänder neu abgemischt, sodass das Schlagzeugspiel gut zur Geltung kommt. Robert Plant berichtet im Begleittext, warum Collins mehr war als nur ein zuverlässiger Taktgeber: „Vor allem sein Humor und sein Charme waren großartig, aber was mich wirklich inspiriert hat, waren seine Energie und seine Begabung.“

Bigband und Genesis

Tatsächlich muss Collins gerade in den 80ern, als seine eigene Solo-Karriere durch die Decke ging, vor musikalischer Energie gebrannt haben. Statt seinen Welterfolg zu genießen, sagte er immer mehr Projekte zu, bei denen er im Hintergrund am Schlagzeug saß. War das nun ein Egotrip oder ein krasser Fall eines Workaholics? Collins bestreitet beides. Für ihn war es wohl eine Flucht in die Welt, die seit seiner Kindheit stets sein Zuhause war: hinter den Trommeln. Als Frontmann am Bühnenrand habe er sich nie ganz wohl gefühlt, sagt er. „Es ist bitter, dass ich nie wieder Schlagzeug spielen kann.“

Der Reiz dieses Albums mag gerade darin liegen, dass es durch die chronologische Anordnung der Songs stilistisch drunter und drüber geht. An manchen Stellen wäre allerdings Kontext hilfreich. So hat Collins mal erklärt, dass er viele der komplizierteren Sachen, die er mit Genesis spielt, von Bigband-Schlagzeugern gelernt hat. Hier wäre eine geschickte Sortierung der Bigband- und Progrock-Nummern aufschlussreich gewesen. Auch die Auswahl der Titel wirkt teils unüberlegt. Zum Beispiel hat Collins bei den Aufnahmen mit Plant einmal auf subtile Art den typischen schweren Led-Zeppelin-Beat seines Vorbilds John Bonham nachgeahmt. Stattdessen sind auf dem Album zwei nervöse Nummern im synthetischen 80er-Sound gelandet, auf denen Plants Stimme etwas gequält klingt.

Doch wer sich geduldig durch die knapp 60 Titel arbeitet, wird immer wieder musikalische Perlen entdecken. Zum Beispiel eine Uralt-Aufnahme mit dem irischen Songwriter Eugene Wallace, den heute nur noch Plattensammler kennen und dessen Stimme wie eine Mischung aus Joe Cocker und Tom Waits klingt. Die herb-schönen Balladen, die Collins zusammen mit seinem Freund John Martyn gemacht hat, lassen ahnen, wie seine eigenen Songs klingen könnten, wären sie manchmal weniger glatt poliert.

Wer in der Schlussnummer hört, mit welcher Intensität er Joe Cocker live zu „With A Little Help From My Friends“ am Schlagzeug begleitet, der wünscht sich, Collins hätte noch viel mehr Blues gewagt. Für B. B. King hat er ja auch schon getrommelt. Doch der fehlt in dieser Sammlung ebenso wie andere musikalische Partner: Tina Turner, Mike Oldfield, Pete Townshend, Kate Bush … Übersichtlicher wäre wohl nur eine Sammlung mit Musikern geworden, für die Phil Collins noch nie getrommelt hat.

Phil Collins Plays Well With Others, 4 CDs, Rhino (Warner)