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Samstag, 01.10.2016

Gutmenschen mit schlechten Absichten

Aus der Schlagerwelt in die Obdachlosigkeit: Der neue „Tatort“ aus Dresden vermeidet die Fehler des ersten Falls, setzt aber weiter auf Gags und Gefrotzel.

Das Obdachlosentrio Platte, Eumel und Hansi betrachtet sich selbst als Security. Doch der Mann, den sie bewachen sollten, ist ermordet worden. Also müssen Kommissarin Henni Sieland (Alwara Höfels) und ihre Kollegen ran.
Das Obdachlosentrio Platte, Eumel und Hansi betrachtet sich selbst als Security. Doch der Mann, den sie bewachen sollten, ist ermordet worden. Also müssen Kommissarin Henni Sieland (Alwara Höfels) und ihre Kollegen ran.

© ARD

Schon mal ans Porzellantelefon gegangen? Den Topf umarmt? Würfelhusten gehabt? Keine Ahnung, ob Obdachlose wirklich so reden, wenn sie kotzen müssen. Aber für einen Gag sind solche Sprüche natürlich immer gut. Und Gags dieser Art gibt’s zur Genüge im neuen „Tatort“ aus Dresden, der an diesem Sonntagabend im Ersten gezeigt wird.

Es ist der zweite Fall des neuen Ermittlerteams, und wie schon beim ersten Mal ist der Krimi auch Komödie – Comedy trifft es vielleicht noch besser. Die Handschrift von Drehbuchautor Ralf Husmann, der für Harald Schmidt arbeitete und die erfolgreiche Satireserie „Stromberg“ erfunden hat, ist unverkennbar. Der kauzige Kommissar Michael Schnabel, großartig verkörpert von Martin Brambach, scheint eine Art Wiedergeburt der Figur Stromberg zu sein. Nicht nur, weil der spießige Ermittler seinen Kaffeepott mit der Aufschrift „Schnabeltasse“ verziert hat. Und das lustig findet.

Dabei geht es diesmal um ein durchaus ernstes Thema. Statt um die Schlagerwelt wie beim ersten Fall, dreht es sich dieses Mal um Obdachlosigkeit und soziales Elend. Noch mehr um das Geschäft mit der Armut der „Loser“, von dem skrupellose „Schlipsträger“ hemmungslos profitieren. „Der König der Gosse“, wie die Folge heißt, jongliert mit den Genres, verheddert sich aber bisweilen in dem durchaus lobenswerten Bemühen, einen neuen Tatort-Ansatz zu kreieren. Ein bisschen spannender und packender dürfte es schon sein. Der sozialkritische Impetus wirkt aufdringlich, oberflächlich und plakativ, wenngleich es durchaus Witz hat, wenn ein Obdachloser zur Drehorgel die Internationale singt – mitten auf der Brühlschen Terrasse.

Berberhilfe beim Nobelitaliener

Hansi, Eumel und Platte sind ein Obdachlosentrio, das sich selbst als „Security“ versteht. Sie beschützen den Gründer der „Berberhilfe“, Hans Martin Taubert, der als „Sozialunternehmer“ Wohnungen an Menschen in Not vermittelt und durch das Geschäft mit der Armut ziemlich reich geworden ist. „Exzentrisch im besten Sinne“ soll er gewesen sein und verkehrte in Restaurants, wo der gemischte Salat elf Euro kostet. „Mit was soll der gemischt sein, mit acht Euro?“, fragt sich Kommissarin Gorniak – und bedient sich beim Zeugengespräch mit dem italienischen Kellner erst mal selbst reichlich.

Doch im entscheidenden Moment versagen die verwahrlosten Beschützer, nicht etwa, weil sie besoffen waren, sondern mit K.-o.-Tropfen betäubt wurden – was sie dann zum „Porzellantelefon“ führte. Der von ihnen verehrte Taubert jedenfalls wird nachts von einer Brücke gestoßen. Zwar überlebt er knapp, aber später erwischt ihn der Mörder im Krankenhaus. War es ein enttäuschter Obdachloser? Schon bald stellt sich heraus, dass der verschiedene Taubert gar nicht ganz so selbstlos war, wie es schien. Vor allem aber hatte er einen Konkurrenten im Immobilien-Geschäft mit der Obdachlosigkeit, der nicht nur ein prominenter Theater-Impressario ist, sondern auch Stadtrat. Noch so ein Gutmensch mit bösen Absichten. Und dann ist da noch der dubiose und notorisch erfolglose Bruder des Toten, der Proteinpräparate im Fitnessstudio verkauft und im Inkassogeschäft tätig ist. Der Fall, stellt Kommissar Schnabel bald fest, hat „alle Zutaten für ein richtig schönes Stück Scheiße“.

Schnabel und seine beiden Kolleginnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Henni Sieland (Alwara Höfels) bekommen von Zeugen und Verdächtigen die verschiedensten Versionen der Vorgeschichte serviert. Darin liegt denn auch der besondere Reiz dieses Krimis: in Rückblenden werden entscheidende Situationen aus ganz verschiedenen, sich jeweils widersprechenden Perspektiven erzählt. Das fördert die Verwirrung des rätselnden Zuschauers. Bis zum Schluss beim Showdown auf der Theaterbühne der Täter überführt wird, während der Proben für die Bettleroper.

Der im Frühjahr ausgestrahlte erste Fall des neuen Dresdner Ermittlertrios musste zwar zu Recht verheerende Kritik einstecken, war aber mit 9,5 Millionen Zuschauern durchaus erfolgreich. Diese Marke muss die zweite Folge erst mal schaffen. Sie vermeidet die Fehler des Erstlings, indem sie auf Ostklischees und Sachsenblödelei beinahe komplett verzichtet, stattdessen die Menschen ebenso ernst nimmt wie den Ort. Obwohl Dresden selbst diesmal kaum eine Rolle spielt.

Viele Figuren indes sind sehr klischeehaft und holzschnittmäßig gezeichnet. Und die Alltagsprobleme, mit denen die beiden Kommissarinnen privat zu kämpfen haben, könnten banaler nicht sein: ein enttäuschter Partner und ein pubertierender Sohn, der beim Klauen erwischt wird.

Irgendwie nerven sie, diese beiden schlecht gelaunten Frauen, wie sie ständig rummaulen. Man möchte sie schütteln manchmal. „Kampfamazonen“ nennt sie ihr Chef, und während die Damen einen Verdächtigen verhören, stellt er lakonisch fest: „Das ist wie beim Stierkampf: Die beiden machen ihn mürbe, aber für den entscheidenden Stoß holen sie den Torero.“

Vom Miesepeter zum Charmeur

Torero Schnabel offenbart allerdings auch eine ganz andere, gefühlige Seite. Der grobschlächtige Miesepeter wird zum Charmeur, als, wie beim ersten Fall, eine weitere Kollegin ins Spiel kommt, mit der er früher, nun ja, wohl mal was laufen hatte. Sie heißt Wiebke Lohkamp (hervorragend: Jule Böwe), kommt aus dem Betrugsdezernat und weiß: „Seriös und Inkasso, das ist wie kalorienarm und Buttercreme.“ Vom Typ her ist sie das genaue Gegenteil der anderen Frauen. Kein Wunder, dass sie denen gehörig auf die Nerven geht, während er mit ihr sachte rumturtelt. „Wenn Frauen und Männer nur noch gleich sind, kann ich ja gleich schwul werden“, meint er. Und sie: „Das wäre aber schade.“

Das ständige Gefrotzel zwischen dem mürrischen Macho, der früher alles besser fand, und seinen modernen, selbstbewussten Kolleginnen macht den besonderen Reiz und das Potenzial des Dresden-„Tatorts“ aus. Daraus wird sich noch vieles entwickeln lassen – mindestens zwei weitere Folgen sind schon geplant, gerade laufen in Dresden die Dreharbeiten für den dritten Fall. Man darf Hoffnung haben.

„Tatort“: König der Gosse, ARD, Sonntag, 20:15