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Samstag, 10.03.2018

Großer Coup für Dresden

Erika Hoffmann schenkt Sachsen ihre Kunstsammlung. Im Albertinum freut man sich über einen Quantensprung.

Von Birgit Grimm

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Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erhalten mit der Sammlung Hoffmann eine international bedeutende private Kunstsammlung. Kunstsammlerin Erika Hoffmann, Eva-Maria Stange, Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst und Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (v.l), begutachten eines der geschenkten Werke.
Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erhalten mit der Sammlung Hoffmann eine international bedeutende private Kunstsammlung. Kunstsammlerin Erika Hoffmann, Eva-Maria Stange, Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst und Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (v.l), begutachten eines der geschenkten Werke.

© Robert Michael

  • Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erhalten mit der Sammlung Hoffmann eine international bedeutende private Kunstsammlung. Kunstsammlerin Erika Hoffmann, Eva-Maria Stange, Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst und Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (v.l), begutachten eines der geschenkten Werke.
    Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erhalten mit der Sammlung Hoffmann eine international bedeutende private Kunstsammlung. Kunstsammlerin Erika Hoffmann, Eva-Maria Stange, Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst und Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (v.l), begutachten eines der geschenkten Werke.
  • Ein Teppich aus goldenen Bonbons im Lichthof des Albertinums. „Placebo“ heißt die Arbeit von Felix Gonzalez-Torres, deren Idealgewicht von 544 kg ständig schrumpft. Es ist eines der geschenkten Werke.
    Ein Teppich aus goldenen Bonbons im Lichthof des Albertinums. „Placebo“ heißt die Arbeit von Felix Gonzalez-Torres, deren Idealgewicht von 544 kg ständig schrumpft. Es ist eines der geschenkten Werke.
  • „Woman to go“: Die Frau zum Mitnehmen im Postkartenformat gibt es ab sofort im Dresdner Albertinum. Das Kunstwerk von Mathilde ter Heijne soll in Sachsen weiterentwickelt und mit Biografien und Fotos sächsischer Frauen ergänzt werden. Das wünscht sich Erika Hoffmann, die ihre 1200 Werke umfassende Sammlung den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden schenkte.
    „Woman to go“: Die Frau zum Mitnehmen im Postkartenformat gibt es ab sofort im Dresdner Albertinum. Das Kunstwerk von Mathilde ter Heijne soll in Sachsen weiterentwickelt und mit Biografien und Fotos sächsischer Frauen ergänzt werden. Das wünscht sich Erika Hoffmann, die ihre 1 200 Werke umfassende Sammlung den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden schenkte.

Im Albertinum gibt es jetzt „Woman to go“, Frau zum Mitnehmen. Außerdem liegen Bonbons mit Kaffeegeschmack als goldenes Viereck im Lichthof. Seien Sie nur nicht schüchtern, bedienen Sie sich! Lutschen Sie ein Bonbon! Es ist eh nur ein „Placebo“. Suchen Sie sich die schönste Frau mit der interessantesten Biografie aus. Nehmen Sie sie mit nach Hause. Sie widerspricht nicht, sie raucht nicht, aber sie putzt auch nicht. „Woman to go“ ist ein Kunstwerk von Mathilde ter Heijne, gemacht aus Postkarten mit Frauenporträts.

Der Bonbon-Teppich von Felix Gonzalez-Torres dürfte sein Idealgewicht von 544 Kilogramm schon unterschritten haben. Beide Arbeiten stammen aus der Sammlung von Erika Hoffmann und ihrem 2001 verstorbenen Ehemann Rolf Hoffmann. Am Donnerstag wurde die Schenkung an die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) vereinbart. Ohne Forderung, die insgesamt 1 200 Werke zeitgenössischer Kunst ständig auszustellen. Ohne die Bedingung, für sie ein Haus zu bauen. „Ich wünsche mir, dass die Kunstwerke in einen Dialog mit den Dresdner Sammlungen treten“, sagte Erika Hoffmann am Freitag.

Dresden war bereits in den 1990er-Jahren die erste Wahl der Hoffmanns. Die Hemdenhersteller aus Mönchengladbach wollten einen Steinwurf vom Zwinger entfernt eine Kunsthalle für ihre Sammlung bauen lassen. Dort, wo heute Wohnhäuser stehen, plante der amerikanische Architekt Frank Stella ein spektakuläres Areal für die Kunst der Hoffmanns. „Der Stadtrat stimmte für das Projekt, die Dresdner haben unsere Sammlung nicht zurückgewiesen. Aber Ministerpräsident Biedenkopf funkte dazwischen“, erinnerte sich Erika Hoffmann. „Wenn unsere Kunstwerke jetzt in die Staatlichen Kunstsammlungen integriert werden, ist das zwar etwas völlig anderes. Es erfüllt aber den ursprünglichen Wunsch nach einem Dialog über Grenzen und Generationen hinweg“, sagte sie. Die ersten Kontakte zu den SKD hatten Hoffmanns mit Werner Schmidt als Generaldirektor. Unter Martin Roth gaben sie im Lipsiusbau mit der Schau „Mit dem Fahrrad zur Milchstraße“ Einblicke in ihre Sammlung. Unter Marion Ackermann kommt die Sammlung nach Dresden. Ironie der Geschichte: Auch Biedenkopfs leben seit Kurzem wieder in der Stadt.

Wechselnde Interventionen im Albertinum und im Kupferstich-Kabinett, gern auch im Grünen Gewölbe, im Riesensaal oder bei den Alten Meistern, wollen sich den Besuchern nicht aufdrängen, aber all jene überraschen, die genau hinschauen und gern mitdenken.

Erst in fünf Jahren soll die Sammlung komplett aus Berlin nach Dresden umziehen. Schon jetzt spricht Marion Ackermann von einem „Quantensprung“. Die Sammlung Hoffmann sei so ungewöhnlich, dass Dresden in Sachen zeitgenössischer Kunst nun etwas ganz Besonderes zu bieten habe. „Die Sammlung Hoffmann ist eine Ausnahmeerscheinung unter den großen privaten Kunstsammlungen der Welt“, schwärmte die Generaldirektorin. Darin finden sich große Namen wie Andy Warhol und Gerhard Richter, Bruce Nauman und Günther Uecker, Rebecca Horn und Pipilotti Rist, Isa Genzken und Dan Graham. Es sind aber auch weniger bekannte Künstler und vor allem zahlreiche Künstlerinnen zu entdecken.

Es war nicht der finanzielle Mehrwert, der das Sammlerpaar antrieb, sondern der geistige. „Wir haben Kunstwerke gesammelt, die uns immer wieder bewusst machen, was um uns herum passiert. Unsere Erwerbungen waren der Endpunkt intensiver Diskussionen. Wenn wir uns nicht einigen konnten, dann war das Kunstwerk nichts für uns.“ Manchmal hatten die zwei auch Pech und diskutierten so lange, bis ein anderer ihnen das Objekt der Debatte wegschnappte. „Ich bin glücklich über das neue Zuhause der Sammlung. Das dialogische Prinzip ist mir in Dresden so wichtig“, sagt Erika Hoffmann.

Gesammelt haben sie und ihr Mann seit den 1970er-Jahren. Ihr erster Kauf war das kinetische Objekt „Signal“ von Panayotis Vassilakis Takis, das sie 1968 über der Eingangstür ihres exklusiven Modegeschäfts in Mönchengladbach anbrachten. Es gab Ärger mit der Stadtverwaltung, weil das blinkende Licht angeblich die Autofahrer irritierte. Also nahmen Hoffmanns das „Signal“ mit nach Hause. Eine private Leidenschaft begann. Die entstand nicht nur aus Liebe zur Kunst, sondern auch aus der Erkenntnis, dass Künstler vom Verkauf ihrer Werke leben wollen. Inzwischen gehören moderne Malerei, Skulpturen, Objekte, Rauminstallationen, Fotografien und Videos zur Sammlung. Zeitgenössisch war sie von Anfang an, geprägt vom persönlichen Geschmack und von Hoffmanns Auffassung, dass Kunst die Augen öffnen und das Denken ankurbeln kann.

Als die Mauer gefallen war, bewegten sich Rolf und Erika Hoffmann mit ihren Kunstwerken Richtung Osten. Sie verkauften ihre Modefirma, zogen in die Mitte von Berlin und ließen eine stillgelegte Nähmaschinenfabrik sanieren. In den Sophie-Gips-Höfen entstand in Hoffmanns Wohnung das erste private Sammlermuseum, das in Ostdeutschland öffentlich besichtigt werden konnte. Das Publikum kam wohl zunächst nicht aus der Nachbarschaft, dafür aus aller Welt. Manche kulturpolitische Debatte wurde in diesem Salon geführt.

Immer samstags kann man in altmodischen Filzpantoffeln durch die 1 800 Quadratmeter große Wohn-Kunst-Inszenierung schlurfen, über Minimal Art und Zero, Arte Povera und Konzeptkunst reden oder einfach nur Hoffmanns Erwerbungen bewundern. Jeden Sommer wird umdekoriert. Nun wird dabei gewiss die Frage mitdiskutiert: Was davon braucht Dresden? Und warum?

Albertinum Dresden, Eingang Georg-Treu-Platz und Brühlsche Terrasse, geöffnet Di – So 10 – 18 Uhr.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Dresddnerin

    Werte Autorin Frau Grimm, ich "besseresse" ja sonst lieber, als dass ich "besserwisse"; aber: sind Sie Journalistin (?) und wissen Sie, dass immer, wenn großspurig von der minimalen Zustandsveränderung "Quantensprung" geschrieben wird, wieder ein Physiker stirbt? ;-) Es schmerzt auch jedes Mal, wenn in diesem Medium nicht korrekt zwischen "als" und "wie" unterschieden wird, obgleich vor allem JournalistInnen ein gutes Deutsch auszeichnen müsste... Trotzdem VIELEN DANK für den tollen Tipp!

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