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Samstag, 16.12.2017

Glüht wie neu

Für Deutschland ist der Expressionist Carl Lohse eine Entdeckung, in Sachsen gibt er ein fulminantes Heimspiel.

Von Rafael Barth

Die Farbe dient dem Künstler, nicht der Wirklichkeit. Mit deftigen Kontrasten malt Carl Lohse den Schriftsteller, der sich später Ludwig Renn nennen wird. In Bischofswerda trafen sie ab 1919 aufeinander.
Die Farbe dient dem Künstler, nicht der Wirklichkeit. Mit deftigen Kontrasten malt Carl Lohse den Schriftsteller, der sich später Ludwig Renn nennen wird. In Bischofswerda trafen sie ab 1919 aufeinander.

© SKD

Ein Kopf aus der Nähe, und was für einer. Die beuligen Linien sehen aus, als hätte der Künstler sie mit den Händen geknetet. Licht und Schatten sitzen keineswegs brav am Fleck, wie die Natur das gern hätte. Aber der Clou sind die Farben und die schrillen Kontraste zwischen ihnen. Wie die Krawatte blauschwarz mit Gelbpunkt aus dem weißen Kragen quillt; wie die Augenovale einen grünen Sound abgeben zum Fahnenrot des Gesichts; wie all die Flächen zueinanderstehen: Ist das nicht schon Pop-Art?

Wer dieses Bild in das New York der Sechziger verfrachtet, der hat sich doppelt geirrt, beim Ort und bei der Zeit. Es entstand in Deutschland, kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Wie durch ein Wunder hatte der Maler Carl Lohse das Gemetzel überlebt, als einziger seiner Kompanie, die 1916 bei der Schlacht an der Somme verschüttet wurde. Er war aus englischer Kriegsgefangenschaft in seine Heimatstadt Hamburg zurückgekehrt, die Zukunft war ungewiss, da kam die gute Nachricht aus Sachsen. Eine ehemalige Mitschülerin vermittelte ihm einen Arbeitsaufenthalt bei einem kunstsinnigen Fabrikanten in Bischofswerda. Dort blieb er von Oktober 1919 bis zum Frühsommer 1921. Zum Freundeskreis zählten der Schauspieler Erich Ponto, der Zwickauer Museumsdirektor Hildebrand Gurlitt und jener Schriftsteller, der sich später Ludwig Renn nennen wird. Unter Lohses Pinsel bekam er den glutroten Kopf mit den Grünaugen.

Erstauntes Lob

Bilder wie dieses, das die neue Ausstellung im Dresdner Albertinum zeigt, haben in diesem Jahr auf breiter Ebene für Begeisterung gesorgt. Man kann sagen: Deutschland hat 2017 Carl Lohse entdeckt. Obwohl Einzelarbeiten auch in großen Museen in Berlin und München zu finden sind, reichte seine Bekanntheit bislang kaum über Sachsen hinaus. Bautzen und Dresden gehören die meisten Werke, Bischofswerda hat sogar eine Galerie nach Lohse benannt. Aber wann fährt das bundesdeutsche Feuilleton schon mal in die Lausitz?

Der Blick auf den Künstler hat sich schlagartig erweitert, als im Juli in Hamburg jene Schau eröffnet wurde, die in veränderter Form nun in Dresden zu sehen ist. Die Frankfurter Allgemeine staunte über die „Bilder von überwältigender Farbkraft und psychischer Energie“, Die Zeit sprach von einem „wilden Werk, das man unbedingt sehen muss“. Und der Kritiker der Süddeutschen war von Lohses Köpfen derart baff, dass er nur noch eines sagen konnte: „Meine Fresse!“

Es ist eben verdammt selten, dass man einen Expressionisten neu entdeckt. Bei Lohse kommt hinzu, dass er sehr viel ausprobiert hat. Seine Bischofswerda-Ansicht „Kleine Stadt“ mit den übereinandergerückten Häusern entfaltet sich als Strudel in allen Farben, die die Palette hergibt. Hingegen hat er die „Metalldreherei“ in einen Rhythmus aus grünen und blauen Flächen getaktet. In Lohses Porträtskulpturen zerfließen die Formen derart schwungvoll, als hätte ein italienischer Futurist sie geschaffen.

Dieses rastlose Werk hat der Künstler in gerade mal anderthalb Jahren zuwege gebracht. Es sind seine wichtigsten Arbeiten, jene, die nun für Furore sorgen. Aber längst nicht die einzigen. Lohses erste große Ausstellung in Dresden im April 1921 nimmt die Presse begeistert auf, aber er selbst verkauft rein gar nichts. Er schließt sich den Zeugen Jehovas an und gibt das Malen auf. Er kehrt zurück nach Hamburg, arbeitet als Bankbote, dann als Straßenbahnschaffner. Dann wieder in Bischofswerda, wieder malen. Ein Leben im Hin und Her, zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik, Faschismus und Sozialismus.

Eleganter Schlusspunkt

Die Dresdner Ausstellung schlägt den Bogen vom Anfang bis zum Ende, künstlerisch wie biografisch. Da sieht man ein Empfehlungsschreiben von Cornelius Gurlitt dem Älteren von 1930 und wie Lohse sich in den Fünfzigern abmüht, mit Steinbrucharbeitern Gnade zu finden bei der offiziellen Stilpolizei. Seine Zeitgenossen stellen sich vor mit Malerei aus der Zwischenkriegszeit, ein kosmischer Otto Dix, ein farbhitziger Conrad Felixmüller.

Wie andere rückt auch Lohse vom exaltierten Expressionismus ab. Er bleibt einer, der sucht und findet, in den Jahren vor seinem Tod 1965 in Bischofswerda etwa jenes elegant vibrierende Fritz-Tröger-Porträt. Man kann sich an diesen Bildern kaum sattsehen und hat nun wieder einen guten Grund, ins Albertinum zu gehen.

„Carl Lohse. Expressionist“: bis 15. April im Albertinum, Dresden, außer montags täglich geöffnet von 10 bis 18 Uhr. Der Katalog hat 136 Seiten und kostet 25 Euro.

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