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Dienstag, 06.03.2018

Glücksfall Mandela

Der frühere Präsident Südafrikas konnte Teil 2 seiner Memoiren nicht selbst vollenden. Es geht um fünf wichtige Jahre.

Von Frank Grubitzsch

Der ehemalige Präsident von Südafrika, Nelson Mandela, im Jahr 2010, drei Jahre vor seinem Tod.
Der ehemalige Präsident von Südafrika, Nelson Mandela, im Jahr 2010, drei Jahre vor seinem Tod.

© dpa

Er ist zwar schon seit mehr als vier Jahren tot. Doch Leben und Leistung Nelson Mandelas bleiben präsent. Dieser Mann war ein Glücksfall für Südafrika. Als erster schwarzer Präsident hatte Nelson Mandela das Land durch die ersten Jahre nach dem Ende des Apartheidsystems geführt – mit einer umsichtigen Politik, die den Gedanken der Versöhnung ins Zentrum stellte. Mit der Wahl zum Staatsoberhaupt endete Mandelas Autobiografie, die 1994 unter dem Titel „Der lange Weg zur Freiheit“ erschienen war. Nun also gibt es die Fortsetzung – postum vier Jahre nach seinem Tod im Dezember 2013. Sie umfasst seine Jahre als Präsident.

Das Buch ist ein historisches Dokument. Mit seinen Tagebüchern, Briefen und Notizen hinterließ Mandela einen wertvollen Fundus, der sein politisches Vermächtnis enthält. Den Zugang zu den Papieren ermöglichten seine Witwe Graca Machel und die Mandela Foundation. Der Journalist Mandla Langa, der als ANC-Funktionär im Exil gelebt hatte, setzte Auszüge aus den Aufzeichnungen klug zusammen, verband sie mit eigenen Reflexionen.

Nach der Wahl im Parlament am 9. Mai 1994 fand sich Mandela in einem Amt wieder, das er nie angestrebt hatte. Immerhin war er zu diesem Zeitpunkt über 75 Jahre alt. Er ließ sich von der ANC-Spitze überzeugen, stellte aber eine Bedingung: Präsident werde er nur eine Amtszeit sein.

„Wage nicht zu zögern“: Der Titel des Buches wirkt wie ein Leitspruch, der seine Präsidentschaft prägte. Ein Zögern konnte sich Mandela nicht leisten angesichts der Aufgaben, die vor ihm und seiner Regierung standen. Er brauchte Entschlossenheit, Führungsstärke, Weitsicht, Mut zu ungewöhnlichen Entscheidungen und mitunter auch Pragmatismus.

Bauen konnte Mandela auf die Mehrheit, die sein Afrikanischer Nationalkongress (ANC) bei den Parlamentswahlen errungen hatte. Ein historisches Ereignis, nicht allein wegen des grandiosen Resultats von 62 Prozent der Stimmen. Mandela schildert in seinen Aufzeichnungen die Stimmung im Land auf beeindruckende Art und Weise. Zehntausende Menschen warteten stundenlang vor den Wahllokalen, um das erste Mal in ihrem Leben abzustimmen – als freie und gleichberechtigte Bürger.

„Sind Sie sauer auf mich?“

Und die Erwartungen an die neue, an „ihre“ Regierung waren groß: Arbeitsplätze schaffen, Armut beseitigen, für Gerechtigkeit sorgen und Stabilität wahren. Abseits des politischen Alltags enthält das Buch einige interessante Episoden, die die Persönlichkeit Mandela beschreiben. Beim Einzug in seinen Amtssitz in Pretoria wurde ihm das Personal vorgestellt. Vielen war die Freude anzusehen, einige fürchteten offenbar, ihre Arbeit zu verlieren. „Sind Sie etwa sauer auf mich?“, fragte Mandela eine Frau, die besonders ernst blickte. Das Eis war gebrochen. Überhaupt fiel der neue Präsident durch seinen unkonventionellen Umgang mit seinen Mitarbeitern auf. Er wollte keine Ja-Sager und Marionetten, die alles bedenkenlos schlucken, was er sagte. Mandela wollte kreative Denker, Menschen mit klugen Ideen und Plänen. Zum Bild des sanften Mandela passt es nicht, dass er auch „mit der Peitsche knallen“ konnte. Diese Momente gab es auch – etwa dann, wenn es Mitarbeiter an Loyalität fehlen ließen und das Vertrauen des Präsidenten missbrauchten.

Mandela war sich schon vor seinem Amtsantritt im Klaren darüber, wie groß das Konfliktpotenzial in der südafrikanische Gesellschaft war. Nicht allein der scharfe Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß weckte Ängste vor einem Bürgerkrieg. Die Risse verliefen quer durch die schwarze Bevölkerungsmehrheit. Die Dämonen des Rassismus entzweiten Xhosa und Fingo, Zulus und Tsongas. Sie trugen ihre Fehden mit offener Gewalt aus.

Eine Regierung der Nationalen Einheit zu bilden, war die richtige Antwort auf die Verhältnisse im Land. Spannung steckt in der Beschreibung der Gespräche, die Mandela mit Generälen von Armee und Polizei führte. Angeblich gab es Pläne für einen Putsch gegen die neue Regierung. Was sich später als reine Erfindung herausstellte, illustriert das Klima, das in jenen Tagen herrschte. Spürbar war die „Wagenburg-Mentalität“, die sich unter der weißen Minderheit breitmachte. Sie fürchteten den Verlust ihrer Vormachtstellung und ihrer Privilegien.

Es zeugt von der menschlichen Größe Mandelas, auf die Kraft der Versöhnung zu vertrauen, nicht auf das Gift der Rache. Dabei hätte er allen Grund gehabt – nach zweieinhalb Jahrzehnten Haft, nach all den Demütigungen und Verletzungen. Den Geist der Versöhnung atmen nicht allein die großen Entscheidungen wie die Bildung der Wahrheitskommission, sondern auch die scheinbar kleinen Gesten. Als Mandela bei der Rugby-WM 1995 das Trikot der südafrikanischen Nationalmannschaft überstreifte, hatte er auch viele Weiße für sich gewonnen. Denn die dominierten diesen Sport und dieses Team, das sich „The Springboks“ nennt. Für die meisten Schwarzen ist das Wappentier Symbol für das alte Südafrika.

Eher knapp und ohne Spur von Emotionen schildert das Buch Mandelas private Probleme. Von seiner Ehefrau Winnie Mandela, mit der er 38 Jahre verheiratet war, ließ er sich 1996 scheiden. Auch politisch hatten sie sich längst voneinander entfernt. Als Chefin der ANC-Frauenliga verfolgte sie einen sektiererischen Kurs. Und nachdem sie die Regierung in aller Öffentlichkeit attackiert hatte, war sie als Vize-Kulturministerin nicht mehr tragbar.

Korruption bei den Erben

Mandela hatte in den vier Jahren seiner Präsidentschaft die Grundlagen für ein neues Südafrika gelegt. Ihm ist es zu verdanken, dass sich die „Propheten des Untergangs“ geirrt haben. Doch tief enttäuscht wäre er, wenn er heute auf das Land sehen könnte. Gemessen an den Versprechen von damals ist Südafrika nicht sehr weit gekommen. Mandelas politische Erben haben mit Misswirtschaft und Korruption viel von dem Kredit verspielt, den der ANC bei der Wahl 1994 erhalten hatte. Mandelas Buch sollte zur Pflichtlektüre für alle werden, die Verantwortung in Südafrika übernehmen.

Nelson Mandela und Mandla Langa: Wage nicht zu zögern, Bastei Lübbe Verlag, 511 Seiten, 26 Euro.

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