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Donnerstag, 14.12.2017 „Perspektiven“

Gleiche Chancen für alle

Auslese, Leistungsdruck, Trennung: So verstärkt das Schulsystem Ungleichheit. Ein Plädoyer für längeres gemeinsames Lernen.

Von Dorit Engel und Frank Thorausch

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Die frühe Auswahl nach Leistung hinterlässt ihre Spuren.
Die frühe Auswahl nach Leistung hinterlässt ihre Spuren.

© plainpicture/Frauke Thielking

  • Die frühe Auswahl nach Leistung hinterlässt ihre Spuren.
    Die frühe Auswahl nach Leistung hinterlässt ihre Spuren.
  • Dorit Engel (39) ist Lehrerin und Mitglied im Vorstand des Vereins Gemeinsam länger lernen in Sachsen e.V.
    Dorit Engel (39) ist Lehrerin und Mitglied im Vorstand des Vereins Gemeinsam länger lernen in Sachsen e.V.
  • Frank Thorausch (51) ist Sozialarbeiter und Mitglied des Vereins Gemeinsam länger lernen in Sachsen e.V.
    Frank Thorausch (51) ist Sozialarbeiter und Mitglied des Vereins Gemeinsam länger lernen in Sachsen e.V.

Es ist keine neue Idee: Schüler lernen bis zur zehnten Klasse zusammen. Ob sie weiter bis zum Abitur gehen oder eine Ausbildung beginnen, entscheiden sie selbst. Individuelle Förderung statt frühem Aussortieren könnte vielen Kindern ungeahnte Perspektiven und Chancen eröffnen. Zwei Drittel der Sachsen finden das sinnvoll, wie eine repräsentative Emnid-Umfrage ergab. Doch der Freistaat ignoriert die Wünsche. Kaum ernannt, stellte der neue Kultusminister Frank Haubitz klar: Mit ihm wird es keine Gemeinschaftsschule geben. Er stehe zum gegliederten Schulsystem, erklärte er.

Der regierenden CDU geht es wohl darum, Tradition zu bewahren. Schließlich feiert das gegliederte Schulsystem in zwei Jahren seinen 100. Geburtstag. Zu Beginn der Weimarer Republik wurden Kinder nach der vierjährigen Volksschulunterstufe zumeist nach Herkunft aufgeteilt. Die Bauernkinder kamen in die Volksschule, Kinder des Mittelstandes in die Realschule und Kinder des gehobenen Bürgertums oder Adels aufs Gymnasium.

Wenngleich es nicht mehr ganz so drastisch ist: In kaum einem anderen europäischen Land bestimmt die soziale Herkunft so stark den Bildungsweg wie in Deutschland. Studien belegen das, die OECD prangert es an: Ein Kind von Akademikern hat demnach eine fünfmal höhere Chance auf eine Empfehlung für das Gymnasium als der Nachwuchs einfacher Arbeiter. Das deutsche Schulsystem habe „einen erheblichen Einfluss auf die ungleiche Verteilung von späteren Bildungschancen“, so das Fazit der OECD bereits im Jahr 2006. Die Leistungspotenziale vieler junger Menschen blieben damit ungenutzt.

Die frühe Auswahl nach Leistung geht weder an den Kindern spurlos vorbei noch an den Eltern. Es gehe vor allem um eine „unsinnige Trennung der Kinder“, berichtete uns die Mutter einer neunjährigen Tochter. Das Kind wollte aus Angst vorm Ende der Grundschulzeit nicht in die vierte Klasse versetzt werden. „Unsere Kinder begreifen nicht, warum sie getrennt werden, und wir können ihnen keine Antwort geben, außer vielleicht, dass die Politiker in Dresden das so beschlossen haben“, so die Mutter. Es geht um Grundsätzliches: „Du kannst das nicht so gut“, sagt die Gesellschaft schon Neun- und Zehnjährigen. Ihr ohnehin noch nicht stabiles Selbstvertrauen wankt. Sie übernehmen ein von außen aufgedrücktes Stigma in ihr persönliches Wertesystem. Dabei dürfte klar sein: Am Stand eines Zehnjährigen ist kaum ablesbar, wohin er sich entwickeln kann. Gerade Jungen gelten im Vergleich zu Mädchen als „Spätentwickler“.

Auch Gymnasiasten spüren die negativen Auswirkungen des gegliederten Schulsystems. Viele klagen über massiven Leistungsdruck. Psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Gereiztheit oder depressive Verstimmungen sind laut einer Umfrage der DAK aus dem Jahr 2013 typische Folgen – und diese Tendenz ist steigend.

Um in unserer Bildungsgesellschaft nicht abgehängt zu werden, werden Eltern oft zu Hilfslehrern und bezahlen privaten Nachhilfeunterricht. Doch nicht nur Schüler und Eltern sind betroffen: Während Lehrer in Gymnasien weitgehend leistungswillige Schüler erleben, kämpfen sie in Oberschulen mit Disziplinproblemen.

Aus gesellschaftlicher Perspektive sind Menschen mit ihren Bildungsabschlüssen innovatives Potenzial. Sie bestimmen die Zukunft eines Landes. Doch viele Kinder werden aussortiert. Der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss lag in Sachsen im vergangenen Jahr mit 8,5 Prozent wesentlich höher als der Bundesdurchschnitt mit 5,7 Prozent.

Weitere acht Prozent der sächsischen Schüler schafften nur den Hauptschulabschluss, der nur wenige berufliche Möglichkeiten lässt. Zusammengenommen ergeben beide Gruppen 16,5 Prozent. Somit ist jeder sechste Schulabgänger bzw. Absolvent auf dem Arbeitsmarkt schwer vermittelbar. Hinzu kommt, dass viele dieser Jugendlichen nicht ausbildungsreif sind. Die Arbeitsagenturen oder Jobcenter stecken sie in Berufsvorbereitungsjahre, „Jobstarter-Programme“ oder Ähnliches. Das alles kostet viel Geld.

Dem Fachkräftemangel, über den die Wirtschaft seit einigen Jahren zunehmend klagt, wird dies ebenso wenig abhelfen wie der immer stärker wahrgenommenen sozialen Spaltung der Gesellschaft. Wo, wenn nicht in der Schule, sollen Kinder aus verschiedenen Elternhäusern sich treffen und voneinander lernen?

Der Nutzen des gemeinsamen Lernens ist auch in Sachsen längst nachgewiesen. Professor Wolfgang Melzer von der Technischen Universität Dresden untersuchte jahrelang die zehn Gemeinschaftsschulen, die in der Koalition von CDU und SPD von 2004 bis 2009 als Schulversuch beschlossen worden waren. Im Abschlussbericht, der im März dieses Jahres veröffentlicht wurde, stellte er die positiven Wirkungen gemeinsamen Lernens auf den Erfolg der Schüler ausführlich dar. Doch die sächsische CDU lehnte es ab, diese Ergebnisse in den Prozess der Schulgesetzgebung einzubeziehen. Sie erklärt somit die jahrelange Arbeit des Professors und seines Teams für politisch nicht relevant.

Studienergebnisse, Expertenmeinungen, Forderungen der Bevölkerung zum längeren gemeinsamen Lernen werden von der CDU ignoriert. Sie will partout an einem althergebrachten gegliederten Schulsystem festhalten. Wenn die Politik sich sträubt, bleibt kein anderer Weg: Die Bürger sollten aktiv werden. Ein Volksentscheid für längeres gemeinsames Lernen könnte zum Sprungbrett vieler Jugendlicher werden, die heute noch im Abseits stehen.

Der Verein Gemeinsam länger lernen in Sachsen e.V.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die Denkanstöße geben und zur Diskussion anregen sollen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 7 Kommentare

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  1. Mutter

    Selten so einen Stuss gelesen. Gemeinschaftsschule machen die intelligenten Schüler dümmer, weil sie unterfordert sind und die leistungsschwachen verlieren völlig den Anschluss. Welche Bundesländer sind im deutschlandweiten Vergleich die besten? Bayern, BW, Sachsen - da wo es ein gegleidertes Schulsystem gibt. Wo kommen die schwächsten Schüler her? - aus Bundesländern mit Gemeinschaftsschulen. "Weitere acht Prozent der sächsischen Schüler schafften nur den Hauptschulabschluss, der nur wenige berufliche Möglichkeiten lässt." auch so ein Satz, der von völliger Unkenntnis zeugt. In Bayern erlernen Hauptschüler ganz normale Handwerksberufe und das mit Erfolg. Wenn Gymnasiasten über Leistungsdruck klagen, sind sie an der falschen Schule!

  2. Claudia Männich

    @1: Du hast noch vergessen zu erwähnen, dass Prof. Melder sicherlich längst nicht so schlau wie Du.

  3. Maria

    Total politisch unterwanderter Artikel! Die Autoren sollten endlich mal die Ergebnisse der aktuellen Schülervertretungsumfrage zum Übergang nach Klasse 4 zu Kenntnis nehmen. Und jedes Kind, egal aus welchem Elternhaus, kann den in den Schulen angebotenen Förderunterricht besuchen, kann regelmäßig seine Hausaufgaben machen, kann in Schulbüchern lesen und die kostenfreien Ganztagsangebote nutzen. Und Sachsen hat ein durchlässiges Schulsystem. Auch nach der 10. Klasse gehen so viele Schüler zum beruflichen Gymnasium und machen dort ihr Abitur. Und ehrlich, welcher Lehrer schafft es, allen Schülern in einer Klasse gleichermaßen gerecht zu werden, die leistungsstarken auf ein Studium vorbereiten, die schwachen entsprechend ihrer Fähigkeiten fördern, Kinder mit verschiedensten Behinderungen in den Lernprozess integrieren? Da bleibt meist die gr0ße "Mittelgruppe" auf der Strecke.

  4. Mighty

    ein weiterer Aspekt ist die soziale Abspaltung. Wir trennen Kinder nach der Grundschulzeit und spalten die Gesellschaft danach. Freundschaften halten dies meist nicht lange aus weil jedes Kind in ein neues Schulumfeld geworfen wird. Am Ende sind Freundschaften schön in Bildungsgruppen aufgeteilt. Nachher wundert man sich warum die eine keinen Schimmer von der anderen hat. Folgt man der Argumentation von Post #1 (Mutter) dürfte es keinen vernünftigen Ingenieur, Arzt oder Handwerker über Mitte 40 im Osten geben, denn die waren alle noch nach dem alten System der DDR ausgebildet. Schon seltsam. Ich meine dass die Konservativen Kräfte, voran die CDU, davor Angst haben. Etwas was schon bei den bösen Roten funktionierte und für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgte muss an sich schon falsch sein.

  5. Mutter

    @ Mighty: In der DDR ging man früher nach der 8. Klasse auf die EOS, das System mit EOS wurde erst Mitte der 80er Jahre eingeführt. Im Schulsystem der DDR war das Leistungsniveau viel höher als heute. Damals sind aber auch Leute aus dem Raster gefallen und nach der 8. Klasse raus aus der Schule, war ja nicht das Problem, "Arbeit" gab es ja genug. Im sächsischen Schulsystem sollten die Anforderungen wieder steigen: Abi bereitet auf ein Studium vor, wer nicht studieren will, hat auf dem Gymmi nichts verloren. Die Hauptschule sollte mal bayrisches Niveau annehmen und stärker praxisorientiert sein. Dann würde die HS für das Handwerk locker reichen und man könnte dem drohenden Mangel in dem Bereich begegnen.

  6. Claudia Männich

    @5: Das hier sind vernünftige Argumente, da gehe ich mit. War das oben (1) ein Ausrutscher oder hab ich was falsch verstanden?

  7. Berg

    Thema und die Diskussion spiegeln doch einen wichtigen Unterschied zwischen DDR und heute wider: damals führte das Berufsleben für alle in volkseigene Betriebe und staatliche Einrichtungen, die zentral geplant und geleitet wurden (ein Dutzend Industrieministerien) und wofür von allen ein gleiches Gemeinschaftsgefühl als Werktätiger anerzogen wurde. - Hier und heutzuutage werden Rankings angestellt. Eliten, Spitzen, Stars sind gefragt. Entwicklungen zu Managern, Geschäftsführern, Aufsichtsräten, Klinikchefs usw sind möglich, und dafür interessieren sich viele Eltern und Schüler bereits ab der 5. Klasse: Vorsprung, Karriereleiter, höhere Schichten und Klassen sind gefragt. "Gleiche Chancen" haben alle bis zur 5. Klasse. Dann gelten neue Wege - wo man wieder "gleiche Chancen" hat, nur auf unterschiedlichem Niveau.

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