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Freitag, 13.04.2018

Gift in der Debatte

Wir haben uns mittlerweile an unfaire Spielbedingungen beim Meinungsstreit gewöhnt.

Von Werner J. Patzelt

SZ-Kolumnist Prof. Werner J. Patzelt
SZ-Kolumnist Prof. Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Natürlich meint Meinungsfreiheit nicht, dass man keinen Widerspruch bekommt. Meinungsfreiheit meint auch nicht, dass es folgenlos oder kostenfrei bleibt, wenn man so frei war, eine wenig erwünschte Meinung zu äußern. Doch den großen Unterschied macht das Wie des Widersprechens aus. Widerspruch zum tatsächlich Gesagten und wirklich Verstandenen ist nicht nur in Ordnung, sondern sogar Ausdruck einer Wertschätzung des Andersdenkenden. Doch Widerspruch zum nur Unterstellten oder rein Missverstandenen zeugt von Böswilligkeit oder von intellektueller Unzulänglichkeit, im schlimmsten Fall von beidem.

Abwegig wäre es, gerade das Wie des Streitens für unbeträchtlich zu erklären, plump etwa so: „Du durftest doch deine Meinung sagen; wieso also begrenzt es deine Meinungsfreiheit, wenn du jetzt von uns verprügelt wirst?“ Doch auch den Feinsinnigeren dürfte einleuchten: Bei einem Fußballspiel ist es zwar in Ordnung, das eine oder andere taktische Foul zu begehen; doch widerlich wird es, wenn der Schiedsrichter nur die Fehler der einen Mannschaft ahndet und das Publikum stets lustvoll johlt, wenn Fouls oder Strafen die abgelehnte Mannschaft treffen. Es geht nämlich um Fairness, und zwar gerade beim scharfen Streit um Wichtiges.

Gewiss gibt es in Deutschland keine Meinungsdiktatur. Sehr wohl aber haben wir unfaire Spielbedingungen beim politischen Meinungsstreit entstehen lassen und uns an sie gewöhnt – die einen resigniert wie an Regen im deutschen Sommerurlaub, die anderen mit klammheimlicher Freude darüber, den Schiedsrichter und ein lautstark jubelndes Publikum auf der eigenen Seite zu haben. Zu Recht sagte Durs Grünbein unlängst in der Zeit: „Die Ursünde war […] 2010 der Umgang mit Thilo Sarrazins Streitschrift Deutschland schafft sich ab. Statt sich mit dem Buch, in dem es viel Diskriminierendes gab, auseinanderzusetzen, wurde der Autor dämonisiert. Ein langgedienter Berufspolitiker, Muster an Staatstreue und bürokratischer Pedanterie, wurde über Nacht zur Persona non grata erklärt. Der Vorgang hat mich damals fassungslos gemacht.“ Und viele andere in Deutschland auch. Seither prägt absichtliche Giftigkeit unsere öffentlichen Debatten. Das tut unserem Miteinander und unserer politischen Kultur nicht gut. Warum nur lassen wir so Übles nicht sein?